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Maximum Ultraism


Im Original von Crimethinc., vom Amerikanischen ins Deutsche übersetzt von ?

Schließt die Kinder weg und ruft die Polizei….
„Die Gemäßigten passen sich der Welt an; die Ungemäßigten kämpfen um sie zu ändern: daher basiert jede Veränderung auf den kreativen Unangepassten. Derjenige, der auf die Vernunft hört ist verloren – Vernunft versklavt den Geist, der nicht stark genug ist zu widerstehen“
MAXIMUM ULTRAISM ist das Gegengift zu allem was in Demokratie und Salonfähigkeit erstickt. Ultras wagen einen Krieg auf Leben und Tod gegen die Zustimmung der einen Realität und für die Befreiung aller und aller anderen Realitäten.

MAXIMUM ULTRAISM ist eine Provokation, sicher. Der Teufel, und des Teufels Advokat, sind Ultras und sie haben mehr für die Freiheit und die Reichweite des Denkens getan als Gott.

MAXIMUM ULTRAISM ist die Kunst, jede Idee bis zu ihrem logischen Schluss zu durchdenken. Es bedeutet niemals halbe Sachen zu machen. Ultras demütigen hinterhältige Politiker_innen, indem sie alles offen auf den Tisch packen. Sogar, und gerade wenn sie falsch liegen tun Ultras allen einen Gefallen und zeigen die Wirksamkeit und die Schwäche von Theorien und Strategien in ihrer reinsten Form. Jede Gemeinschaft braucht ein paar Ultras um neue Möglichkeiten auszuprobieren.

MAXIMUM ULTRAISM öffnet Horizonte: Jede_r Ultra ist ein Pionier. Die Ultra entfällt allen Schulen, und macht es sogar möglich, dass andere – die sich vorher nie getraut hätten- ähnliche Positionen wie sie übernimmt. Der Ultra schafft einen Präzedenzfall und macht es dadurch den weniger offen Radikalen möglich, den neuen Zwischenraum zwischen den Radikalen und dem „Mainstream“ für sich zu entdecken.
MAXIMUM ULTRAISM ist nicht dogmatisch oder schulmeisterlich. Ein Ultra sein heisst nicht, sich und seine Gedanken aufzugeben; Orthodoxie, Fanatismus – das sind einfach konkurrierende Fabrikate der Norm. Die wahre Ultra findet ihre eigenen Grenzen und steht für die eigenen Ultimaten ein.
MAXIMUM ULTRAISM will keine_n bekehren; es ist ein Aufruf an alle, sich als ExtremistInnen der eigenen Bedürfnisse aufzubauen.

MAXIMUM ULTRAISM ist kein Wettbewerb und keine Maßregel für eine neue Elite. Mehr-Ultra-als-du ist ein Wettkampf ohne Bedeutung – es gibt genug Extreme für alle. Außerdem zeigt die Praxis des Grenzübertritts und der Verschiebung von Grenzen auf, dass es keine Mitte – und damit auch keine Extreme- gibt.
So ist MAXIMUM ULTRAISM nicht-hierarchisch; kein ernst zunehmender Ultra würde auf andere „weniger-Ultra-als-ich“ herab schauen – so etwas würde bedeuten den konformistischen Mythos, dass es eine allgemeine Norm gibt zu akzeptieren. Der wahre Ultra erkennt, dass alle 1 sind, dass der Mainstream ein Mythos der ängstlichen und KonformistInnen ist.

MAXIMUM ULTRAISM bedeutet weder sich in Anzug und Krawatte zu schmeißen und sich der Regierung anzubiedern noch seine Ausdrucksweise (für die Kameras) zu üben oder lokale Verhaltensweisen zu übernehmen um neue RekrutInnen zu verführen. Unaufrichtigkeit ist die Basis dieser kranken Gesellschaft; die Leute haben – um zu überleben – gelernt sie schon Kilometer weit zu riechen. Du tust keine_m einen Gefallen beim Zeigen ihrer Allgegenwart in allen deinen Handlungen und auch nicht, wenn du ihre Intelligenz oder Leidenschaft abwertest und dir anmaßt, sie seien nicht bereit so radikal zu sein wie du im geheimen bist. Ebenso verkleiden sich Ultras nicht als gemäßigte, um mit anderen gemäßigten zusammen für gemäßigte Ziele zu arbeiten – deine durchschnittliche Gruppe von Gemäßigten ist sowieso nur ein Haufen heimlicher Ultras, welche auf Partner wartet um endlich anzufangen.

MAXIMUM ULTRAISM ist ein bewusster Versuch, die Massen abzuschrecken – denn wer ist der größte Feind der Freiheit und der Individualität, wenn nicht die Masse? Zudem sollten wir uns nicht selbst verarschen : diese Massen sind es, die Bürgerwehren gründen und sich gegenseitig auf dem Postamt oder in der Uni umschiessen, die sich Sekten anschliessen, die Unsterblickeit durch Selbstaufgabe versprechen – diese Leute begehren Extremismus, sie wollen ihn unbedingt! Wenn alles was sie um „der Bewegung beizutreten“ bräuchten eine Radikalität wäre, die genau wie die gewöhnliche Politik aussieht, dann hätte die Grüne Partei (Linkspartei) die letzte Wahl gewonnen. Nein, die Leute brauchen handfeste Gründe für ein anderes Leben. Wenn deine radikale Haltung dich isoliert hat, bist du vielleicht nicht weit genug gegangen.
EnthusiastInnen des MAXIMUM ULTRAISM haben keine Angst davor, so radikal zu scheinen wie sie sind. Schüchternheit, Verlegenheit und Verwässerung – nichts sorgt mehr dafür, dass es so aussieht als hätten wir was in unserer Politik zu verbergen. Ultra-Positionen sind vertrauenswürdiger und kommen ohne Entschuldigungen aus; auf lange Sicht schrecken ewig lange Gegendarstellungen eher Leute ab, als dass sie sie besänftigen.

MAXIMUM ULTRAISM ist in jedem Fall Pannensicher. Der Ultra kann die Leute gegen sich und seine Ideen aufbringen, wenn er ihnen schadet (durch Terrorismus, o.ä.). Das macht ihn weniger gefährlich als den Angepassten, der einen großen Deal zum Nachteil anderer durch gewöhnliche und akzeptierte Methoden durchführt, ohne überhaupt bemerkt zu werden.

MAXIMUM ULTRAISM kann Positionen und Taktiken, die weniger radikal wahrgenommen werden ergänzen. Einige, die sich selbst als Angepasst sehen, beschuldigen die Ultras im selben Lager die Unterstützer_innen zu verschrecken – aber de Facto können Ultras diese Positionen für einige Leute attraktiv machen und ihre Feinde durch die Wahl des kleineren Übels zu Eingeständnissen zwingen: „Verhandelt mit uns, oder ihr müsst euch mit den Ultras einigen.“

Überflüssig zu schreiben, dass diejenigen die mit dem MAXIMUM ULTRAISM verbunden sind keine Umfragen betreiben oder auch nur einen Scheiss auf Statistiken geben. Du bist verantwortlich für deine Meinung und deine Entscheidungen; ein Blick auf die jüngste Geschichte zeigt, dass die Mehrheit es nur durch Zufall besser erfahren hat. Leben ist nichts, über das mensch abstimmen kann – du hast dein eigenes, und das ist alles auf das du aufbauen kannst und keine_r weiß besser was gut für dich ist. Die Lähmung, die durchs „warten bis du genug über das Thema weißt“ entsteht tut keine_m gut – zieh deine Schlüsse aus deinen Erfahrungen und agiere danach! Diejenigen, die einen Ausdruck ihres geheimen Inneren in deinen Aktionen erkennen oder die mit deinen Aktionen unterstützt werden, werden es bemerken – und mitmachen.
MAXIMUM ULTRAISM wird deinesgleichen nicht abschrecken – es wird dir Anerkennung unter den Waghalsigsten und Leidenschaftlichsten unter ihnen bringen.

Damit wollen wir nicht sagen, dass das MAXIMUM ULTRAISM nichts für empfindsame und verletzliche Menschen ist – Ultratum ist ein Weg sich selbst zu stärken. Sich täglich durch eine Welt zu bewegen, die deinen Werten, deiner ganzen Existenz widerspricht und sie abweist, ist der Schaffungsort für einen entschlossenen Charakter, der nicht durch Gruppenzwang oder vorübergehende Launen unterhöhlt werden kann. Ultras gehören zu denen, die ihre Gefühle äusseren können und tun was sie sagen; sie haben nichts zu verlieren und nichts zu verstecken. Eine Ultra, wenn sie mit dir auf einer Wellenlänge ist, ist der vertrauenswürdigste Verbündete, den du gewinnen kannst.

MAXIMUM ULTRAISM birgt Schätze für die Zukunft. Denk an all die Genies und Visionär_innen, die marginalisiert und unbekannt gestorben sind! Hätten sie stattdessen ihre Einsichten verwässert und ihre Visionen ihrer Zeit angepasst, hätten sie uns um all diese Reichtümer betrogen. Wir sollten für ihre Weitsicht und ihre Bereitschaft, sich zu isolieren und sich zu einem Teil der kommenden Welt zu machen dankbar sein. Zurückgezogenheit, Verworrenheit, die Maske des Wahnsinns – das kann eine_m ermöglichen Wahrheiten und Möglichkeiten – die für diejenigen, die durch Zukunftserwartungen und dem Anspruch realistisch zu sein unsichtbar sind – zu erkennen. Wir können alle solche Genies sein, wenn wir an unsere Visionen glauben und danach handeln. Eine Verbindungen mit dem Ultraism bedeutet ein Glaube an die unbegrenzte Ergiebigkeit der Fantasie und die endlosen Möglichkeiten des Universums.
MAXIMUM ULTRAISM ist eine ganzheitliche Lebensweise, welche Theorie und Praxis vereint. Die Ansichten der Ultras spielen eine aktive Rolle in ihrem alltäglichem Leben – sie sind nicht bloß Small-Talk Elemente, die bei Dinner Parties rausgeschwafelt werden. Indem sie ihre eigenen Prinzipien ausarbeitet und im Einklang mit ihnen handelt, indem sie sich selbst und ihr Schicksal ernst genug nimmt um eine Statistenrolle im Drehbuch des Spektakels der schweigenden Mehrheit zu verweigern, ist ihr eine führende Rolle in einer Lebensgeschichte voller Abenteuer sicher: hohes Risiko, viel zu gewinnen, Tragödien zu erleiden. Langeweile, Gefühle von Bedeutungslosigkeit und Ohnmacht sind die letzten ihrer vielen Probleme. Wenn sie lacht kommt es aus tiefstem Herzen, wenn sie weint, weint sie aus voller Seele. Eine Ultra lebt vielleicht ein Leben der Verzweiflung, aber du kannst Gift darauf nehmen, dass es kein unbemerktes sein wird.

MAXIMUM ULTRAISM ist das Gegenteil des fröhlichen Propaganda-Maschine, welches durch die fröhlichen Medien gefördert wird. Es ist eine Aufforderung an jene, die Lager und Gefängnisse im Namen der Mäßigung ablehnen – ein gemäßigter Grad der Überwachung, ein gemäßigter Grad von Leben und dementsprechend ein gemäßigter Grad von Tod. Ultras kontern dies mit einer leidenschaftlichen Hingabe zum Leben – diejenigen die sich dem Tod widmen sind nicht länger mit uns.
MAXIMUM ULTRAISM ist in jeder ihrer einzelnen Äußerungen einzigartig.
MAXIMUM ULTRAISM kann nicht eingesperrt werden.
MAXIMUM ULTRAISM ist radikal demokratisch.
Individuelles Ultratum ist ein Akt der Solidarität mit jede_m anderen, der/die glaubt, träumt und außerhalb der Normen handelt.
Für eine Revolution ohne Grenzen, gegen Zwänge und Beherrschung! Lang lebe die Superlative!
-Crimethink. Task Force
für Mäßigung und Beschwichtigung
„Die Gemäßigten passen sich der Welt an; die Ungemäßigten kämpfen um sie zu ändern: daher basiert jede Veränderung auf den kreativen Unangepassten. Derjenige, der auf die Vernunft hört ist verloren – Vernunft versklavt den Geist, der nicht stark genug ist zu widerstehen“
MAXIMUM ULTRAISM in Aktion:
Vor einigen Jahren hat die lokale Umwelt-Aktions-Gruppe einige Flyerverteiler_innen losgeschickt um Bewusstsein für die gefährlichen Eigenschaften des Atomkraftwerkes, welches das ganze Land mit Strom versorgt, zu schaffen. Der junge Aktivist klingelt und spielt sein Gelaber gegenüber dem grauhaarigen Veteran, der geöffnet hat ab. Dieser hört sich freundlich alles an – und unterbricht nur einige Male um über die ganzen Ungerechtigkeit und die Umweltzerstörung wütend zu fluchen. Als Abschluss seiner Präsentation erklärt der Junge höflich, dass die Aktions-Gruppe Spenden sammelt, die mensch von der Steuer absetzen kann und lädt den älteren Herren ein, eine Petition zu unterschreiben. Dieser war verblüfft:
„Du erzählst mir, dass diese Arschgeigen das Land auf dem wir leben zerstören – und willst das ich eine Petition unterschreibe? Was soll das bringen?
„Ja, also, wir-“
„Wenn das stimmt was du sagst, sollten wir diese Motherfucker mit Knarren besuchen! Ernsthaft, das ist nur ein Stück Papier – werden die Leute deswegen was machen oder wie?“
„Ja aber, ehm, – wir müssen ja irgendwo anfangen…“
„Junge, wenn du hierbei keine Hilfe bist, geh weiter – du hast eh einen Job zu erledigen oder? Ich kümmer mich selbst darum.“
Holly’s Vater ruft bei Duke Power an – wahre Geschichte! – und fragt sie ob das, was er über ihr Kraftwerk gehört hat wahr ist. Ihre Antworten waren ausweichend genug, so dass er überzeugt war – und er forderte einen Wagen vorbei zuschicken um sein Haus aus ihrem System ausklinken. Mensch kann sich die Fassungslosigkeit des Mitarbeiters der den Anruf an nahm nur vorstellen:
„Entschuldigen Sie?“
„Das ist richtig, ich will das Sie sofort jemanden her schicken, der mich vom Netz nimmt. Wir sind fertig mit ihren Leistungen.“
„Entschuldigen Sie… Ich bin nicht sicher ob es da wen gibt – Ich meine, ich habe noch nie von jemanden gehört, der so danach gefragt hat vom Netz genommen zu werden.“
„Hör zu, ich will nicht nur vom Strom getrennt werden. Ich sag euch, dass ihr die ganze Anlage, Kabel und alles, aus meinem Haus schaffen sollt – oder ich werd’s selber tun! Und glaubt nicht, dass ihr mit eurem Scheiss davon kommt. Wir kennen eure Tricks, ihr arschleckenden Blutsauger.“

Darum gab es, als Henry Kampfsport Kurse bei Holly’s Vater nehmen wollte keinen Strom in seinem Haus. Gebt uns 100 Menschen wie ihn und wir machen das Ding genau jetzt fertig. Das ist MAXIMUM ULTRAISM!
*Wenn das wahr ist, dann sind alle Ultras, egal ob sie sich so bezeichnen oder nicht. In diesem Fall sollte eine Aufforderung zum Ultratum, wie diese hier, nicht als Versuch Leute zu einer bestimmten Art und Weise des Handelns zu überreden gelesen werden, sondern als ein Angriff auf die Alibis von Mäßigung und Rücksicht auf die öffentliche Meinung.

1. Wenn das wahr ist, dann sind alle Ultras, egal ob sie sich so bezeichnen oder nicht. In diesem Fall sollte eine Aufforderung zum Ultratum, wie diese hier, nicht als Versuch Leute zu einer bestimmten Art und Weise des Handelns zu überreden gelesen werden, sondern als ein Angriff auf die Alibis von Mäßigung und Rücksicht auf die öffentliche Meinung

 

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Unser Job ist es


Im Original von Crimethinc., aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt von Arsen_13

Willkommen zu unserer Anzeige. Es ist immer wieder beruhigend für uns hier im großen Geschäft mit den blauen Scheinen zu wissen, dass sich dein Blick ständig auf die Bilder von schönen Frauen richtet, die an phallisch geformten Dingen lecken – es macht es uns so viel einfacher deine Aufmerksamkeit zu bekommen. Und wenn wir schon mal deine Aufmerksamkeit haben, dann ist es ein leichtes für uns, dich zum Kaufen irgendwelcher Waren zu bringen, von denen du gar keinen Nutzen hast und für die du auch eigentlich kein Geld hast. Kauf einfach auf Kredit oder zahl’s ab in Raten – Damit können wir dich an einen Job fesseln, den du abgrundtief hasst, einfach weil du uns den Kredit oder die Raten wieder zurückzahlen musst. Und indem du förmlich durch diesen Job geschleift wirst, 8 Stunden am Tag, 5 Tage die Woche, immer wieder vollkommen k.o. nach Hause kommst, du nur noch die Glotze anschalten und die Plackerei endlich vergessen willst, wirst du niemals wirklich etwas tun, um dieses System aus dem Gleichgewicht zu bringen, für dessen Erhalt wir doch alle so hart arbeiten – 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Und selbstverständlich kommen auch diese schönen Frauen wieder, sobald du dich einmal vor den Kasten gepflanzt hast! Und das wirklich schöne an all dem ist, dass dieser Weg nicht nur effizient ist, sondern auch praktisch zwingend ist!!! Du hilfst uns dabei und wir helfen dir dabei immer schon „auf der geraden Bahn zu bleiben“!

 

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Arbeit: Raub des Lebens


Von Wolfi Landstreicher, aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt von die Eule (dieeule a-im-kreis riseup punkt net)

„Was ist der Bombenanschlag auf einen Richter, die Entführung eines Industriellen, das Hängen eines Politikers, das Erschiessen eines Polizisten, das Plündern eines Supermarktes, die Brandstiftung am Büro eines Bevollmächtigten, die Steinigung eines Journalisten, das Erpressen eines Intellektuellen, das Plündern eines Künstlers angesichts der tödlichen Entfremdung unserer Existenz, dem viel zu frühen Lärm des Weckers, dem Verkehrsstau auf der Schnellstrasse, den aneinandergereihten Gütern auf den Regalen?“

Der Wecker unterbricht deinen Schlaf erneut – wie immer viel zu früh. Du schleppst dich von deinem warmen Bett zum Badezimmer, um eine Dusche zu nehmen, dich zu rasieren und zu kacken, dann rennst du zur Küche runter, wo du Pasteten machst oder, wenn du Zeit hast, ein bisschen Toast mit Eiern und einer Tasse Kaffee. Dann eilst du zur Tür raus, um gegen den Verkehrsstau oder die vielen Menschen in der Metro anzukämpfen, bis du endlich ankommst… bei deiner Arbeit, wo du deinen Tag mit Aufgaben verbringst, die du dir nicht selbst ausgesucht hast, in aufgezwungener Gemeinschaft mit anderen, die mit damit zusammenhängenden Aufgaben beschäftigt sind, da ist die fortwährende Reproduktion der sozialen Beziehungen das wichtigste Ziel, was dich dazu zwingt, auf diese Art und Weise zu überleben.

Aber das ist nicht alles. Als Ausgleich erhältst du einen Lohn, eine Summe von Geld, die du (nach Bezahlen der Miete und der Rechnungen) in die Einkaufszentren tragen musst, um Nahrung, Kleider, verschiedene Notwendigkeiten und Unterhaltungswaren zu kaufen. Obwohl dies als deine „freie Zeit“ angesehen wird, ist auch sie eine obligatorische Aktivität, welche dein Überleben nur sekundär garantiert, sein primärer Grund ist wiederum die Reproduktion der sozialen Ordnung. Und für die meisten Menschen sind von diesen Zwängen freie Momente immer seltener.

Nach der herrschenden Ideologie dieser Gesellschaft ist diese Existenz das Resultat eines sozialen Vertrages zwischen Gleichen – gleich vor dem herrschenden Gesetz. Der /die ArbeiterIn, heisst es, ist damit einverstanden, seine/ihre Arbeit dem/der ChefIn für ein gegenseitiges Einverständnis über den Lohn zu verkaufen. Aber kann ein solcher Vertrag als frei und gleich angesehen werden, wenn die eine Seite die ganze Macht in Händen hält?

Wenn wir diesen Vertrag etwas genauer betrachten, wird es klar, dass es überhaupt kein Vertrag ist, sondern die extremste und gewalttätigste Erpressung. Am offensichtlichsten tritt dies am Rande der kapitalistischen Gesellschaft auf, wo Menschen, die für Jahrhunderte (oder, in einigen Fällen, Jahrtausende) nach eigenen Bedingungen gelebt haben, plötzlich ihre Möglichkeiten zur Selbstbestimmung ihrer Lebensbedingungen vernichtet, und dies als das Werk von Bulldozern, Kettensägen, Bergbaumaschinen etc. der Herrschenden dieser Welt. Aber es ist ein Prozess, der sich über Jahrhunderte erstreckte, von offensichtlichem und grossflächigem Raub von Land und Leben, der durch die herrschende Klasse erzwungen und ausgeführt wurde. Der Mittel beraubt, ihre Lebensbedingungen selbst zu bestimmen, kann nicht mehr ernsthaft behauptet werden, dass die Ausgebeuteten frei und gleich mit ihren AusbeuterInnen Verträge abschliessen können. Es ist ein klarer Fall von Erpressung.

Und was sind die Bedingungen dieser Erpressung? Die Ausgebeuteten werden gezwungen, Zeit ihres Lebens an ihre AusbeuterInnen im Austausch für das Überleben zu verkaufen. Und dies ist die wirkliche Tragödie der Arbeit. Die soziale Ordnung der Arbeit gründet auf dem auferlegten Gegensatz von Leben und Überleben. Die Frage, wie jemand überleben wird, unterdrückt die Art, wie jemand leben will, und mit der Zeit scheint dies alles natürlich und mensch beschränkt die eigenen Träume und Wünsche auf die Dinge, die mit Geld gekauft werden können.

Wie auch immer, die Bedingungen der Arbeitswelt lassen sich nicht nur auf diejenigen anwenden, die eine Arbeit haben. Es ist leicht zu sehen, wie die Arbeitslosen voller Angst vor Obdachlosigkeit und Hunger von der Arbeitswelt ergriffen sind. Aber dieselben sind Empfänger von Staatshilfe, dessen Überleben auf der Beistands-Bürokratie basiert… sogar diejenigen, für die die Vermeidung einer Arbeit eine solche Priorität bekommen hat, dass die eigenen Entscheidungen um Betrug, Ladendiebstahl, Müll kreisen – eben all den verschiedenen Wegen, um ohne einen Job durchzukommen -, sind davon ergriffen. Mit anderen Worten werden Aktivitäten, die gute Mittel zur Unterstützung eines Lebensprojekts sein könnten, selbst zu abgeschlossenen Aufgaben oder Zielen, indem das reine Überleben zum Lebensprojekt wird. Inwiefern unterscheidet sich dies denn wirklich von einem Job?

Aber was ist denn die wirkliche Basis der Macht hinter dieser Erpressung, welche die Arbeitswelt darstellt? Natürlich gibt es Gesetze und Gerichte, Polizei und Militär, Geldstrafen und Gefängnisse, die Angst vor Hunger und Obdachlosigkeit – all die sehr realen und bedeutenden Aspekte der Herrschaft. Aber sogar die staatliche Waffengewalt kann nur dann ihre Aufgaben erfolgreich durchführen, wenn die Menschen sich unterwerfen. Und hier finden wir die wirkliche Basis jeglicher Herrschaft – die Unterwerfung der Sklaven, ihre Entscheidung, die Sicherheit der bekannten Not und Dienerschaft zu akzeptieren, statt das Risiko der ungekannten Freiheit einzugehen, also ihre Einwilligung, ein garantiertes, aber farbloses Überleben zu akzeptieren im Austausch für die Möglichkeit eines wirklichen Lebens, das eben keine Garantien bietet.

Um also der eigenen Sklaverei ein Ende zu setzen, um über die Grenzen des blossen Überlebens hinaus zu gelangen, ist es notwendig, sich für die Verweigerung der Unterwerfung zu entscheiden; es ist notwendig damit zu beginnen, sich das eigene Leben hier und jetzt wieder anzueignen. Durch ein solches Projekt gerät mensch unvermeidlich in einen Konflikt mit der gesamten sozialen Ordnung der Arbeit; also muss das Projekt der Rückeroberung der eigenen Existenz auch das Projekt der Zerstörung der Arbeit sein. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wenn ich „Arbeit“ sage, meine ich damit nicht die Aktivität, wodurch die Mittel der eigenen Existenz geschaffen werden (welche idealerweise niemals vom einfachen Leben getrennt sein würden), sondern eine soziale Beziehung, welche diese Aktivität in eine vom eigenen Leben getrennte Sphäre transformiert und sie in den Dienst der herrschenden Ordnung setzt, so dass die Aktivität eigentlich aufhört, irgend eine direkte Beziehung zur Bildung der eigenen Existenz zu haben, sondern sie bloss im Reich des Überlebens aufrecht erhält (unabhängig vom Grad des Konsums) durch eine Serie von Entfremdungen, von welchen Eigentum, Geld und Warenaustausch zu den wichtigsten gehören. Dies ist die Welt, welche wir zerstören müssen im Prozess der Rückeroberung unserer Leben, und die Notwendigkeit dieser Zerstörung macht das Projekt der Wiederaneignung unseres Lebens eins mit dem Projekt des Aufstands und der sozialen Revolution.

 

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„Von den Schwierigkeiten, die Regierung stürzen zu wollen“


Im Original von Jens Kastner

„Die Kunst des Regierens ist gerade die Kunst,
die Macht in der Form und nach dem
Vorbild der Ökonomie auszuüben“
(Michel Foucault, Die Gouvernementalität).

„Bildet Regierungen!“ lautete das leicht irritierende Motto eines Symposiums, das Ende Januar (30./31.01.2004) in Lüneburg stattfand. Auf dem Programm stand der „Gouvernementalitätsansatz“ des französischen Philosophen Michel Foucault. Sollten nun etwa angesichts des unter dem Eindruck neoliberaler Ökonomien allerorten diagnostizierten Einflussverlustes des Nationalstaates neue, alternative Regierungen gebildet werden? Nicht ganz. Was es mit der Gouvernementalität auf sich hat, und was das für ein Verständnis von Herrschaft und Widerstand bedeutet, soll im folgenden skizziert und diskutiert werden.

Die Macht als Regierung
Ende der 1970er Jahre, also zwischen der so eingeteilten zweiten (mit dem Schwerpunkt auf „Macht“) und seiner dritten Werksphase (mit Augenmerk auf „Subjekt“) beginnt Foucault, Prozesse der Herrschaft und die Arten und Weisen, wie Menschen zu Subjekten werden, zusammenzudenken. Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist der sich durchsetzende Neoliberalismus – was als recht weitsichtig gelten kann, denn weder Thatcher noch Reagan sind bereits gewählt.

Der Begriff der Regierung wird dabei zum Leitfaden und erweitert die bisherige Machtanalyse um eine entscheidende Dimension. Macht wird nicht mehr aus dem Blickwinkel vom Modell des Rechts oder dem des Krieges betrachtet, sondern unter dem Gesichtspunkt von „Führung“: wie werden Menschen geführt, und wie führen sie sich (auf). Regierung lässt sich als eine Form der Machtausübung bezeichnen, die als solche nicht nur von Herrschaft, Ausbeutung, etc. zu unterscheiden ist, sondern auch historisch verschiedene Führungstechniken umfasst (z.B. die griechisch-antike, die christlich-pastorale). „Der Kontaktpunkt, an dem die Form der Lenkung der Individuen durch andere mit der Weise ihrer Selbstführung verknüpft ist, kann nach meiner Auffassung Regierung genannt werden“ (Foucault, zit. n. Bröckling u.a. 2000: 29). Regierung wird so – laut Thomas Lemke (1997) – konzipiert als Bindeglied zwischen strategischen Machtbeziehungen und Herrschaftszuständen. Damit unterscheidet Foucault erstmals deutlich zwischen Macht und Herrschaft. Zweitens vermittelt der Begriff der Regierung zwischen Macht und Subjektivität, d.h. es kann nun untersucht werden, wie sich Herrschaftstechniken und Technologien des Selbst verknüpfen. Und drittens ermöglicht der Regierungsbegriff die Untersuchung der Verflechtungen von Macht und Wissen. Dafür wird der Begriff der Gouvernementalität geprägt, der Regieren (gouverner) und Denkweise (mentalité) semantisch verbindet. Zum Ausdruck kommen soll damit, dass es komplizierter geworden ist mit dem alten revolutionären Traum, der schließlich auf der 2001er-CD der Goldenen Zitronen („Schafott zum Fahrstuhl“) auch nur noch ironisch gebrochen zu haben ist: „Alles was ich will, ist nur die Regierung stürzen“.

Der Staat als Effekt
Die Macht ohne den König zu denken – „Alles was ich will, ist nur ein paar Köpfe kürzen“ (Die Goldenen Zitronen) –, hatte Foucault schon zuvor angemahnt. Nicht nur repressiv und vernichtend, sondern auch selbst produzierend sei die Macht zu denken. Zudem geht sie nicht, wie anarchistische und marxistische Theorien oft vertraten, allein vom Staat aus. Foucault will den Staat nicht als autonome Quelle von Macht mit eigenem Wesen verstanden wissen, auf das sich mögliche Angriffe richten ließen. „Der Staat“, so Foucault (2000: 69), „ist keine Universalie“, sondern Effekt von Gouvernementalität. Der Staat sei nichts anderes als die Tatsachen, „das Profil, der bewegliche Zuschnitt einer ständigen Verstaatlichung oder ständiger Verstaatlichungen, unaufhörlicher Transaktionen, welche die Finanzangelegenheiten, die Investitionsweisen, die Entscheidungszentren, die Formen und Typen der Kontrolle und die Beziehungen zwischen den lokalen Mächten und der zentralen Autorität verändern, verschieben, umstürzen oder allmählich ins Rutschen bringen, wie auch immer“ (Foucault 2000: 70). Ist der Staat nun ein Effekt von Gouvernementalitäten, löst er sich im Neoliberalismus keineswegs auf, sondern vervielfältigt sich eher: Die NGO, die zur Vermittlerin zwischen RegierungsbeamtInnen und KonzernvertreterInnen mutiert ist, das gegen Miethaie und StadtplanerInnen durchgesetzte Innenstadt-Parkprojekt, das nun zur vermarktbaren Aufwertung des Stadtteils beiträgt, die „unabhängigen“ Arbeitsverhältnisse von Kunstschaffenden, die inzwischen zum Modell für Zwangsflexibilität und Prekarisierung geworden sind – die Beispiele sind unendlich, an denen sich zeigt, wie durchlässig ehemalige Frontlinien geworden sind. Herrschaft ist dadurch nicht weniger geworden, sondern nur komplexer und schwerer zu begreifen.

Wie sind nun aber neue Gouvernementalitäten zu denken? Obwohl bei Foucault gerade als Verbindung zwischen Mikro- und Makroebene, zwischen Individuum und Gesellschaft gedacht, scheinen sich die mittlerweile auch im deutschen Sprachraum betriebenen gouvernementality studies doch wieder zwischen beiden Bereichen aufzuteilen. Wer Gouvernementalität vor allem methodologisch auffasst, richtet den Blick in erster Linie auf besonders ausgefeilte Techniken der individuellen Selbstbeherrschung oder gar auf Potentiale der Selbstregierung. Eher zeitdiagnostisch verstanden, widmet sich die Suche nach Gouvernementalitäten vor allem Verflechtungen verschiedener Strukturen, Institutionen und Praktiken. Foucault selbst hat den Begriff erst angesichts der historisch-spezifischen Situation des erstarkenden Neoliberalismus geprägt, setzt aber mit seiner Geschichte der Gouvernementalitäten im 19.Jahrhundert an. So, wie sich die Modi der Machtausübung angesichts von Bevölkerungswachstum und veränderten Produktionsweisen veränderten, wird heute eine neue Form von Regierung entwickelt.

Das neoliberale Projekt
Die ökonomische Krise der westlichen Industrieländer, die sich seit Mitte der 70er Jahre in abnehmenden Wachstumsraten bei gleichzeitig steigenden Sozialausgaben manifestiert, ist nicht nur eine grundsätzliche Krise der fordistischen Regulationsweise und Akkumulation. Sie ist laut Foucault auch eine politische und soziale Krise. Keynesianismus und Sozialstaat sind dabei in die Kritik geraten. Fehlende Souveränität des Staates wird von rechts ebenso beklagt wie seine ausgebauten repressiven und Herrschaftsfunktionen von links moniert werden. In die Krise geraten ist damit auch das allgemeine Dispositiv des Regierens. Auf der Suche nach einer neuen Gouvernementalität werden daraufhin linke und rechte Sozialstaatskritik aufgegriffen und in einem neuen Programm reformuliert: im neoliberalen Projekt. Von der liberalen Gouvernementalität unterscheidet sich die neoliberale v.a. in zwei Punkten: Zum einen wird das Verhältnis von Staat und Ökonomie neu definiert: Das klassisch liberale Verständnis wird umgekehrt, nicht mehr der Staat überwacht und definiert die Marktfreiheit, sondern der Markt wird selbst zum definierenden und regulierenden Prinzip des Staates. „Der Neoliberalismus ersetzt ein begrenzendes und äußerliches durch ein regulatorisches und innerliches Prinzip: Es ist die Form des Marktes, die als Organisationsprinzip des Staates und der Gesellschaft dient“ (Lemke 1997: 241). Zum zweiten wird die Differenz zur Grundlage des Regierens: Die natürliche Freiheit des Individuums ist im klassischen Liberalismus die technische Bedingung einer rationalen Regierung, da es diese individuelle Rationalität ist, die den Markt funktionieren lässt. Der Neoliberalismus rekurriert zwar auch auf individuelle Freiheit, jedoch nicht auf eine als natürlich begriffene, sondern auf individuelle Freiheit als ein künstliches Arrangement konkurrenziellen und unternehmerischen Verhaltens.

Im Gegensatz zu früheren Machttechniken zielt das neoliberale Projekt nicht (so sehr) auf eine disziplinierende oder auf eine normalisierende Gesellschaft. Das Programm des Neoliberalismus zeichnet sich durch Vorstellungen und Praktiken aus, die auf eine Gesellschaft gerichtet sind, in der die Kultivierung und Optimierung von Differenzen betrieben wird. Einheit stiften auch die Institutionen und gesellschaftlichen Vorgänge nicht mehr, die wir als Staat kennen. Viel mehr wirken sie gegenwärtig an der zentralen Ermutigung des Neoliberalismus mit: der individuellen Existenz eine unternehmerische Form zu geben. Eine nicht unerhebliche Rolle auch für die Effektivität gegenwärtiger Gouvernementalität spielt dabei u.a. die marktkonforme Neukontextualisierung der alternativen 68er-Werte wie Kreativität, Selbstverwirklichung und Autonomie.

Widerstand
Umstritten ist, wie mit Foucaults Konzept Widerstand zu beschreiben ist. Der Untertitel des einleitend erwähnten Symposiums, „Gouvernementalität jenseits von Ökonomisierung und Verwertungslogik“ legt zumindest die Lesart nahe, es könne irgendwie alternative Gouvernementalitäten geben. Dabei ist ja gerade an Foucaults Verständnis von Macht immer wieder kritisiert worden, dass es kein Außerhalb zulasse, woraus gefolgert wurde, dass es auch keinen Standpunkt für Kritik oder Widerstand geben könne. Versteht Foucault Herrschaft als eine Art verhärteter Machtstrukturen und –mechanismen, ist, wo Macht ist, laut Foucault auch Widerstand. Ob er sich in Nischenprojekten eher, besser, effektiver äußert als in künstlerischen Projekten als in Stadtteilarbeit als in queeren Verschiebungen vorgefundener Bedeutungen, sei (vorerst) dahingestellt. Wenn die Zapatistas im Süden Mexikos alternative Entscheidungsstrukturen installieren („Juntas de Buen Gobierno“), ist das mit Regieren im foucaultschen Sinne jedenfalls nicht zu beschreiben. Wenn es auch kein Außen und keine Alternativgouvernementalität gibt, um den Widerstand steht es dennoch – auch mit einem an Foucault geschulten Blick – nicht unbedingt schlecht. Widerstand als das spontane und temporäre Absetzen und Sich-Entziehen, wie Ulrich Bröckling es auf dem Symposium beschrieb, sind Praktiken, die sich in den Sozialen Bewegungen der letzten Jahre wieder großer Beliebtheit erfreuen. Wieder? Ein wenig nach libertärer Tradition von Thoreau über die SituationistInnen zur 70er-Subkultur klingt das schon, auch wenn die große Weigerung nun wohl aus vielen kleinen besteht.

Ausgearbeitet ist das Konzept der Gouvernementalität vor allem in:
Lemke, Thomas: Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität. Berlin/ Hamburg 1997 (Argument).
Foucaults Vorlesungen zum Thema plus einiger Anwendungen des Gouvernementalitätskonzeptes finden sich in:
Bröckling, Ulrich, Susanne Krasmann und Thomas Lemke (Hg.): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt/ M. 2000 (Suhrkamp). Darin finden sich auch die Texte von Foucault selbst, aus denen hier zitiert wurde: „Die Gouvernementaltät“, S.41-67, und „Staatsphobie“, S.68-71.
Aufsätze, in denen das Konzept angewendet wird, finden sich in: Pieper, Marianne und Encarnación Gutíerrez Rodriguez (Hg.): Gouvernementalität. Ein sozialwissenschaftliches Konzept im Anschluss an Foucault, Frankfurt/ M. 2003 (Campus).
Peripherie. Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt, Heft 92, Dezember 2003, „Gouvernementalität“, Münster (Verlag Westfälisches Dampfboot).

 

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Schwache Staatsmänner, schwächeres Volk!


Von Gustav Landauer

Ein sehr blasser, sehr nervöser, ganz kränklicher und schwächlicher Mann sitzt am Schreibtisch und malt Noten aufs Papier. Er komponiert eine Symphonie. Er arbeitet mit allem Fleiß und läßt alle Künste springen, die er gelernt hat. Die Symphonie wird aufgeführt: hundertfünfzig Mann spielen im Orchester, im dritten Satz wirken 10 Pauken, 15 Ambosse und eine Orgel mit, im letzten Satz greift ein achtstimmiger Chor von fünfhundert Personen und ein Extraorchester von Pfeifern und Trommlern ein. Das Publikum rast vor Entzücken über diese Überkraft, diese imponierende Wucht.

An diesen modernen Komponisten, der in Wahrheit keine Spur von Kraft besitzt, dem es ein leichtes ist, Massen zum äußeren Aufwand der Kraft zu kommandieren, erinnern unsre Staatsmänner und Politiker, erinnert mehr und mehr die ganze herrschende Klasse. Im Hintergrund all ihrer Schwächlichkeiten und Hilflosigkeiten, ihrer Unproduktivität und Pfuscherei steht ein williges Riesenorchester, das ihrem Kommando gehorsam ist: das Volk in Waffen, die Armee. Das Geschrei der Parteien, das Schimpfen der Bürger und Arbeiter mit der geballten Faust in der Tasche, all die Opposition und Kritik kann von der Regierung nicht sonderlich ernst genommen, nicht als eine wirkliche Macht betrachtet werden, da ja die Elemente, die von Natur aus die radikalsten in jedem Volke sein müssen, die jungen Männer im Alter von zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren, in Regimentern geordnet hinter den unfähigen Regierungen stehen und jedem Wink ohne jede Frage willige Folge leisten. Da das so ist, merkt weder das Inland noch das Ausland noch die Regierung selbst, wie blamabel unsre politischen Zustände sind, wie unfähig unsre Regierung ist.

Wir Sozialisten, die gewahren, wie seit mehr als hundert Jahren der Sozialismus, das heißt die unmittelbare Beziehung der wirklichen Interessen, gegen die Politik, die Herrschaft der Privilegierten mit Hilfe von Fiktionen, ankämpft, die diese mächtige Tendenz der Geschichte, die unsre Völker zur Freiheit und zum großen Ausgleich zu führen bestimmt ist, nach Kräften durch Erweckung des Geistes und Aufbau sozialer Wirklichkeiten unterstützen wollen, wir hätten mit der Staatspolitik in keinem Falle etwas zu tun. Aber wenn wir sehen müßten, daß die Mächte des Ungeistes und der Gewaltpolitik noch so viel Kraft hätten, daß große Persönlichkeiten, starke Politiker mit Ziel und Energie erstünden, so hätten wir einigen Respekt vor solchen Männern im andern, im feindlichen Lager und könnten uns zu Zeiten wohl gar fragen, ob nicht den Mächten des Alten noch ein langes Leben bestimmt sei. Mehr und mehr jedoch sehen wir – und wir könnten es in andern Ländern genau so verfolgen wie in Deutschland – daß die Kraft des Staates nicht mehr eigentlich im Geiste und der Naturgewalt seiner Vertreter steckt, sondern mehr und mehr darin, daß das Volk, auch die unzufriedensten, auch die proletarischen Massen, gar noch nichts davon wissen, daß ihre Aufgabe ist, aus dem Staate auszuscheiden und das Neue zu begründen, das bestimmt ist, ihn zu ersetzen. Hie Staatsgewalt und Ohnmacht der in Einzelne, Hilflose zerrissenen Massen einerseits, – hie sozialistische Organisation, Gesellschaft von Gesellschaften, Bund von Bünden, Volk anderseits, – das müßte der Gegensatz sein, der als Wirklichkeit gegeneinander steht.

Schwächer und schwächer wird die Staatsgewalt, wird das Regierungsprinzip, werden die Naturen der Menschen, die das Alte vertreten – und das ganze alte System wäre unrettbar verloren, wenn das Volk begonnen hätte, sich abseits des Staates tatsächlich zu konstituieren. Aber die Völker haben es noch nicht begriffen, daß der Staat eine Aufgabe hat und eine unweigerliche Notwendigkeit ist, solange nicht da ist, was ihn zu ersetzen bestimmt ist: die sozialistische Wirklichkeit. Einen Tisch kann man umwerfen und eine Fensterscheibe zertrümmern; aber die sind eitle Wortemacher und gläubige Wortanbeter, die den Staat für so ein Ding oder einen Fetisch halten, den man zertrümmern kann, um ihn zu zerstören. Staat ist ein Verhältnis, ist eine Beziehung zwischen den Menschen, ist eine Art, wie die Menschen sich zueinander verhalten; und man zerstört ihn, indem man andre Beziehungen eingeht, indem man sich anders zueinander verhält. Der absolute Monarch konnte sagen: ich bin der Staat: wir, die wir im absoluten Staat uns selbst gefangengesetzt haben, wir müssen die Wahrheit erkennen: wir sind der Staat – und sind es so lange, als wir nichts andres sind, als wir die Institutionen nicht geschaffen haben, die eine wirkliche Gemeinschaft und Gesellschaft der Menschen sind.

 

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Der Generalstreik


Im Original von Errico Malatesta (1922), ins Deutsche übersetzt von ?.

Der „Generalstreik“ ist mit Sicherheit ein mächtiges Kampfmittel in den Händen des Proletariats: er ist oder kann Mittel und Gelegenheit für die Herbeiführung einer radikalen sozialen Revolution sein.Und doch frage ich mich, ob die Idee des Generalstreiks der Sache der Revolution nicht mehr geschadet als genützt hat.

Ich glaube, daß der Schaden den Nutzen in der Vergangenheit tatsächlich überwogen hat und daß heute das Gegenteil der Fall sein könnte, das heißt, daß der Generalstreik nur dann tatsächlich ein wirksames Mittel für die gesellschaftliche Umgestaltung sein kann, wenn er anders verstanden und praktiziert wird, als es bei den alten Verfechtern des Generalstreiks der Fall war.

In den ersten Zeiten der sozialistischen Bewegung, besonders in Italien zur Zeit der Ersten Internationale, als die Erinnnerung an die Kämpfe Mazzinis noch sehr lebendig war und noch viele derjenigen am Leben waren, die in den Reihen der garibaldischen Verbände für „Italien“ gekämpft hatten und jetzt über die von Monarchisten und Kapitalisten an Italien vorgenommene Verstümmelung enttäuscht und empört waren, war man sich völlig darüber im Klaren, daß das von der Gewalt der Bajonette geschützte Regime nur zerschlagen werden konnte, wenn man einen Teil der Soldaten auf die Seite des Volkes bringen und die Polizeikräfte und loyal gebliebenen Soldaten im bewaffneten Kampf besiegen konnte.

Und deshalb bildete man Verschwörungen, das heißt betrieb man aktiv Propaganda unter den Soldaten, versuchte man, sich zu bewaffnen, wurden Pläne für militärische Aktionen ausgearbeitet.

Die Ergebnisse waren, um der Wahrheit die Ehre zu geben, dürftig, denn man war gering an Zahl, die sozialen Zielsetzungen, für die man die Revolution machen wollte, wurden von der Allgemeinheit verkannt und abgelehnt und schließlich „waren die Zeiten noch nicht reif“.

Doch die Bereitschaft zur Vorbereitung auf die Insurrektion war vorhanden und fand allmählich Mittel und Wege, sich zu verwirklichen; die Propaganda begann sich auszuweiten und ihre Früchte zu tragen, „die Zeiten reiften heran“. Zum Teil war dies auf die direkte Tätigkeit der Revolutionäre zurückzuführen, mehr jedoch auf die ökonomische Entwicklung, die den Konflikt verschärfte und das Bewußtsein, des Konflikts zwischen Arbeitern und Unternehmern entwickelte, wovon die Revolutionäre profitieren konnten. Die Hoffnungen auf die soziale Revolution wuchsen, und unter Kämpfen, Verfolgungen, mehr oder weniger „unbesonnenen“ und glücklosen Versuchen, Wechseln zwischen fieberhafter Aktivität und Stillstand schien es sicher zu sein, daß man in einer nicht allzu fernen Zukunft schließlich den letzten und entscheidenden Schlag führen würde, der das herrschende politische und ökonomische System zerschlagen und den Weg für eine freiere Entwicklung zu neuen Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens öffnen würde, die auf der Freiheit aller, der Gerechtigkeit für alle, der Brüderlichkeit und Solidarität unter allen Menschen gegründet sein würden.

Doch dann trat der Marxismus auf den Plan mit seinen Dogmen und seinem Fatalismus, um dem voluntaristischen Impuls der sozialistischen Jugend (damals bezeichneten sich auch die Anarchisten als Sozialisten) Einhalt zu gebieten.

Und leider geschah es, daß der Marxismus mit seinem wissenschaftlichen Schein (man befand sich mitten im Rausch der Wissenschaft) auch den größten Teil der Anarchisten täuschte und an sich zog.

Die Marxisten behaupteten, daß „die Revolution kommen, aber nicht gemacht werde“, daß der Sozialismus zwangsläufig durch den „unvermeidlichen Lauf“ der Dinge kommen werde und daß der politische Faktor (der doch die Macht und Gewalt im Dienste der ökonomischen Interessen ist) keine Bedeutung habe und das ganze Leben der Gesellschaft durch den ökonomischen Faktor bestimmt werde. Und so wurde die Vorbereitung auf die Insurrektion vernachlässigt und praktisch aufgegeben.

Nebenbei möchte ich noch bemerken, daß diese Marxisten, die dem politischen Kampf mit Verachtung begegneten, als dieser im wesentlichen auf die Insurrektion abzielte, später beschlossen, daß die Politik einziges und nahezu ausschließliches Mittel sei, um dem Sozialismus zum Sieg zu verhelfen, dann nämlich, als sich ihnen die Möglichkeit auftat, in das Parlament einzuziehen und den politischen Kampf auf den Wahlkampf zu beschränken. Und im Zuge dieser Entwicklung bemühten sie sich, in den Massen jegliche Begeisterung für die Insurrektion zu ersticken.

In dieser Situation, in dieser allgemeinen geistigen Haltung wurde die Idee des Generalstreiks lanciert, welche begeistert von denen aufgenommen wurde, die kein Vertrauen in die parlamentarische Tätigkeit hatten und darin eine neue und vielversprechende Möglichkeit für das Volk sahen.

Das Unglück war jedoch, daß die meisten im Generalstreik nicht ein Mittel sahen, um die Massen zur Insurrektion zu bewegen, das heißt zur gewaltsamen Zerschlagung der politischen Macht und Inbesitznahme von Grund und Boden, Produktionswerkzeugen und allem gesellschaftlichem Reichtum, sondern einen Ersatz für die Insurrektion, eine Möglichkeit, „die Bourgeoisie auszuhungern“ und sie ohne Blutvergießen zur Kapitulation zu zwingen.

Und da Komisches und Groteskes sich oft mit Ernstem mischen, gab es auch welche, die nach Kräutern und „Pillen“ suchten, mit denen man den menschlichen Körper in die Lage versetzen konnte, unbegrenzte Zeit ohne Nahrung auszukommen. Damit wollten sie die Arbeiter fähig machen, in einer friedlichen Fastenzeit darauf zu warten, daß die Bürger kämen, um Entschuldigung und Pardon zu bitten.

Aus diesem Grund bin ich der Meinung, daß die Idee des Generalstreiks der Revolution geschadet hat.

Jetzt hoffe und glaube ich, daß die Illusion, die Bourgeoisie durch Hunger zur Kapitulation zu zwingen, völlig verschwunden ist – und wenn ein wenig davon geblieben ist, dann haben die Faschisten es übernommen, diese Reste zu zerstreuen.

Der Generalstreik, der zum Zweck des Protestes durchgeführt wird oder um ökonomische oder politische Forderungen zu unterstützen, die mit dem System vereinbar sind, kann von Nutzen sein, wenn er zu einem günstigen Zeitpunkt stattfindet, an dem Regierung und Unternehmer es für angebracht halten, aus Angst vor noch Schlimmerem nachzugeben. Aber man darf nicht vergessen, daß man jeden Tag essen muß und daß, wenn der Widerstand nur einige Tage andauert, man sich entweder schmachvoll dem Joch der Unternehmer beugen oder sich erheben muß … auch wenn die Regierung oder die anderen Kräfte der Bourgeoisie nicht die Initiative der Gewalt ergreifen.

Daraus folgt, daß ein Generalstreik, mag er im Hinblick auf eine definitive Lösung durchgeführt werden oder für vorübergehende Ziele, mit der Bereitschaft und der entsprechenden Vorbereitung erfolgen muß, die Frage mit Gewalt zu entscheiden.

 

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