Im Original von Feral Faun / Wolfi Landstreicher / Apio Ludd, vom Amerikanischen ins Deutsche übersetzt von Florian Grebner
(Anmerkung des Autors: Das häufige benutzen von Anführungszeichen innerhalb dieses Essays soll die Idee bekräftigen, dass Natur und Wildnis Konzepte sind und keine tatsächliche Wesen)¹
Natur hat nicht immer existiert. Sie findet sich nicht in den tiefen des Waldes, im Herzen des Pumas oder in den Liedern der Pygmäen; sie findet sich in den Philosophien und Bild-Konstruktionen von zivilisierten menschlichen Wesen. Scheinbar widersprüchliche Stränge werden zusammen gewoben um Natur als ein ideologisches Konstrukt zu kreieren, das uns domestizieren soll, das unsere Äußerungen von Wildheit unterdrücken und dirigieren soll.
Zivilisation ist monolithisch und der zivilisierte Art alles was wahrgenommen wird zu begreifen ist ebenfalls monolithisch.Wenn der zivilisierte Verstand mit den unzähligen Wesen um ihn herum konfrontiert wird muss er sie kategorisieren um das Gefühl zu haben das er sie versteht. (Jedoch versteht er de facto nur wie man Sachen [things] für die Zivilisation dienlich macht). Natur ist eine der essentiellsten der zivilisierten Kategorien um die Wildheit der menschlichen Individuen einzugrenzen und eine Selbstidentifikation als zivilisiertes soziales Wesen zu erzwingen
Vermutlich war die frühsten Konzeption von Natur so was ähnliches wie die die man im alten Testament der Bibel findet: Die böse Wildnis, ein trostloser Ort, welcher von bösartigen und verderblichen Bestien, heimtückischen Demonen und den verrückten bewohnt wurde. Diese Konzeption diente besonders für frühe Zivilisationen einen wichtigen Zweck. Sie löste Angst vor dem was wild war aus, wodurch die meisten Menschen innerhalb der Stadtmauern blieben und diejenigen, welche herausgingen um zu erkunden, nahmen eine defensive Position ein, wie als währen sie im Gebiet des Feindes. So half dieses Konzept die Dichotomie zwischen „Mensch“ und „Natur“zu kreieren, welche Individuen davon abhielt wild, das heißt nach ihren eigenen Bedürfnissen, zu leben.
Allerdings musste eine vollständig negative Konzeption von Natur irgendwann ihre Nützlichkeit einbüßen, da es Zivilisation zu einer geschlossenen und belagerten Festung machte und Zivilisation sich erweitern muss damit sie mehr und mehr ausbeuten kann. „Natur“ wurde zu einen Korb von Ressourcen, eine „Mutter“, welche die „Menschheit“ und ihre Zivilisation nährt. Sie war schön, war es wert verehrt zu werden, Betrachtung, Untersuchung…und Ausbeutung. Sie war nicht böse…, aber sie war chaotisch, launisch und unzuverlässig. Zum Glück der Zivilisation hatte sich die „menschliche Natur“ entwickelt, rational und das Ordnen von Sachen [things], das unter ihre Kontrolle bringen, benötigend. Wilde Orte waren nötig damit Menschen die „Natur“ in einen unberührten Zustand studieren und beobachten konnten, aber genau so, dass zivilisierte Menschen es schafften die „natürlichen“ Prozesse zu verstehen und zu kontrollieren damit sie diese nutzen können um die Zivilisation zu erweitern. So wurde die „böse Wildnis“ von der „Natur“ oder „Wildheit“ überschattet, welche einen positiven Wert für die Zivilisation hat.
Das Konzept der Natur erschafft ein System von Werten und Moral. Aufgrund der offensichtlichen widersprüchlichen Stränge, welche die Entwicklung von „Natur“ beeinflusst haben, erscheinen diese Systeme widersprüchlich, jedoch erreichen sie alle das selbe Ziel: Unsere Domestizierung. Jene die uns sagen, dass wir uns „zivilisiert verhalten“ sollen und jene die uns sagen, dass wir uns „natürlich verhalten“ sollen sagen uns Beide folgendes : „Lebe in Übereinstimmung mit externen Werten, nicht in Übereinstimmung mit deinen Verlangen.“ Die Moral der Natürlichkeit ist nicht weniger grausam gewesen als jede andere Moral. Menschen sind wegen der Ausübung „unnatürlicher Akte“ eingesperrt, gefoltert und sogar getötet worden und werden es immer noch. „Natur“ ist eben auch ein häßlicher und fordernder Gott.
Von Anfang war Natur ein Bild, welches von den Authoritäten erschaffen wurde um ihre Macht zu verstärken. Es ist keine Überraschung, dass in modernen Gesellschaften, wo das Bild die Realität dominiert und sie oft zu kreieren scheint, die „Natur“ zu einen eigenständigen Mittel wird um uns weiterhin domestiziert zu lassen. „Natur“ Shows im Fernsehen, Sierra Club Kalender, Ausstatter für die „Wildnis“, „natürliches“ Essen und Textilfasern, der „ökologische“ President und „radikale“ Ökologie hecken zusammen die Erschaffung der „Natur“ und unser „richtiges“ Verhältnis zu ihr aus. Bei diesem subtilen beschwören des Bildes werden Aspekte der „bösen Wildnis“ von frühen Zivilisationen beibehalten. „Natur“ Shows zeigen immer Szenen in denen Prädation vorkommt und man sagt sich, dass die Regisseure versuchen mit elektronische Stachelstöcke² die Tiere zu Kämpfen anzutreiben. Die Warnungen vor gefährlichen Tieren und Pflanzen, die man Möchtegern „Wildnis“ Entdeckern mitgibt und die Anzahl von Produkten, welche von „Wildnis“ausstattern kreiert wurden um mit ihnen klar zu kommen ist – so meine eigene Erfahrung beim wandern durch wilde Orte – ziemlich unverhältnismäßig. Das Leben außerhalb der Zivilisation wird als Kampf ums Überleben dargestellt.
Jedoch brauch die Gesellschaft des Spektakels die unterschwellige „böse Wildnis“ um sie effizient zu nutzen. Das vorherrschende Bild der „Natur“ ist, dass sie eine Resource und eine Schönheit ist, die man betrachten und studieren sollte. „Wildnis“ ist ein Ort in dem wir uns für eine kurze Zeit, wenn wir richtig ausgerüstet sind, zurück ziehen können um von dem eintönigen Alltag zu fliehen, uns auszuruhen und nachzudenken oder um Spannung und Abenteuer zu finden. Und die „Natur“ bleibt die „Mutter“, die uns mit dem versorgt was wir brauchen, die Resource aus der sich die Zivilisation selbst erschafft.
In der Kultur der Ware erweckt die „Natur“ unser Verlangen nach ausgelassenen Abenteuern, nach einen Leben frei von Domestizierung, indem sie uns dieses Bild verkäuft. Das unterschwellige Konzept der „bösen Wildnis“ gibt dem wandern durch die Wälder einen hauch von Risiko, was die abenteuerlustigen und rebellisch anspricht. Außerdem verfestigt es die Idee, dass wir dort nicht wirklich hingehoren, dementsprechend werden uns zahllose Produkte verkauft, welche als nötig empfunden werden wenn wir in die wilden Orte einfallen. Das positive Konzept von Natur gibt uns das Gefühl, das wir wilde Orte erleben müssen (wobei nicht realisiert wird, dass die Konzepte, welche in uns eingespeist wurden unsere Erfahrung mindestens genau so stark beeinflusst wie unsere tatsächliche Umgebung). Auf diese Weise schafft es die Zivilisation sogar die Gebiete wieder zugewinnen [recuperares]³, die sie nicht direkt berührt und transformiert sie in „Natur“, in „Wildniss“, zu Aspekten die uns weiterhin domestiziert halten.
„Natur“ domestiziert indem es die Wildheit in eine monolithische Einheit verwandeln, einen riesigen Bereich fernab der Zivilisation. Das Ausdrücken von Wildheit inmitten der Zivilisation wird als kindisch, verrückt, Kriminalität, Verbrechen oder Sittenlosigkeit bezeichnet, dadurch ist es möglich sie abzuweisen, einzusperren, zu zensieren oder zu bestrafen und dabei immernoch die Behauptung aufrechtzuhalten, dass was „natürlich“ ist ist gut. Sobald „Wildheit“ statt eines Ausdruckes unserer eigenen Freigeisterei ein Bereich außerhalb von uns ist, kann es Experten für die „Wildheit“ geben, die uns beibringen wie wir uns „richtig“ mit ihr „verbinden“ können. Entlang der Westküste gibt es alle Arten von geistigen Lehrern, welche ein Vermögen daran verdienen „Wildheit“ an Yuppies auf eine Weise zu verkaufen, die ihre ständischen Träume, ihre Porsche oder ihre Eigentumswohnung nicht bedroht. „Wildnis“ ist heutzutage eine sehr profitable Industrie.
Ökologen – sogar „radikale“ Ökologen – spielen dem in die Hand. Anstatt zu versuchen wild zu werden4 und die Zivilisation mit ihren befreiten [unchained] Begierden zerstören, versuchen sie lieber die „Wildnis zu retten“. In der Praxis heißt dies, dass man die Authoritäten anbettelt oder versucht sie zu manipulieren damit sie die schädlicheren Aktivitäten bestimmter Industrien aufhalten und relativ ungeschädigten Wälder, Wüsten und Berge zu geschützten„Wildnisgebieten“5 erklären. Dies verstärkt nur das Konzept der Wildheit als monolithische Einheit – „Wildnis“ oder „Natur“ – und die Kommodifizerung, welche diesen Konzept zugrunde liegt. Die Basis des Konzepts des „Wildnisgebietes“ ist die Trennung von „Wildheit“ und „Menschheit“. Daher sollte es nicht überraschen, dass ein Teil der „radikalen“ Ökologieideologie den Konflikt zwischen „Biozentrismus“ und „Anthropozentrismus“ erschaffen hat – als ob wir etwas anderes sein sollten als Egozentrisch.
Selbst diese „radikalen Ökologen“, die behaupten, dass sie die Menschen wieder in die „Natur“ integrieren wollen, machen sich selbst was vor. Ihre Vision von einem „wilden, symbiotischen Ganzen“ (wie es einer von ihnen mal nannte) ist nur das von der Zivilisation kreierte monolithische Konzept auf quasi-mythische Weise ausgedrückt. „Wildnis“ bleibt für diese ökologischen Mystiker ein monolithische Wesen, das viel größer ist als wir, ein Gott dem wir uns unterwerfen müssen. Jedoch ist Unterwerfung Domestizierung. Unterwerfung ist das was die Zivilisation am laufen hält. Der Name, der die Ideologie trägt, welche die Unterwerfung durchsetzt ist nicht relevant – lass es „Natur“ sein, lass es das „wilde, symbiothische Ganze“ sein. Das Resultat wird immer noch die Fortsetzung der Domestizierung sein.
Wenn Wildheit als etwas gesehen wird was nichts zu tun hat mit einen monolithischen Konzept, inklusive „Natur“ und „Wildnis“, wenn es gesehen wird als potenzielle Freigeisterei in jedem Individuum, die sich jederzeit manifestieren könnte, nur dann kann es zu einer Gefahr für die Zivilisation werden. Jeder von uns könnte Jahre in „der Wildnis“ verbringen, aber wenn wir weiterhin unsere Umgebung durch die Linse der Zivilisation sehen, wenn wir die Myriaden von Wesen monolithisch als „Natur“, als „Wildnis“, als „wildes, symbiotisches Ganzes“ begreifen, bleiben wir zivilisiert; wir wären nicht wild. Aber wenn wir, inmitten der Stadt, jederzeit aktiv uns unserer Domestizierung wiedersetzen, uns weigern von den Rollen, die uns aufgezwungen werden, dominieren zu lassen und stattdessen in Übereinstimmung mit unseren Leidenschaften, Verlangen und Launen leben, wenn wir das einmalige und unberechenbare Wesen werden, welches sich unter den Rollen versteckt, dann sind wir, für diesen Moment, wild. Wild zwischen den Ruinen der verfallenden Zivilisation spielen (aber lässt euch nicht täuschen, selbst im verfallen ist sie ein gefährlicher Feind und kann noch sehr lange weiter wanken ehe er umfällt), damit können wir unser Möglichstest tun um sie zum umfallen zu bringen. Und die freigeistigen Rebellen werden die Überlebenskunst der Ökologie als einen weiteren Versuch der Zivilisation das freie Leben zu unterdrücken ablehnen und werden nach einen chaotischen, sich ständig verändernden Tanz von Freien, verbundenen, einmaligen Individuen, Leben streben; in Opposition sowohl zur Zivilisation als auch der „Natur“, den Versuch der Zivilisation sich wildes freigeistiges Leben anzueignen.
Anmerkungen des Übersetzers:
¹Da Feral Faun die Hervorhebung wichtig ist, wurden die Wörter mit „natur“ oder „wilderniss“ o.ä. in sich, gewollt „unsauber“ übersetzt . Dies hat den Sinn, dass der Natur- bzw. Wildnisbegriff nicht verschwinden soll, da genau diese Beiden für die Argumentation sehr entscheidend sind.
² Elektronische Stachelstöcke werden zum Viehtreiben benutzt.
³ Recuperare / Rekuperation verweiset nicht nur auf „wiedererlangen“, „wiedergewinnen“, „wiedergutmachen“ o. ä. es ist ebenfalls ein wichtiges Konzept innerhalb der Theorien der Situationistischen Internationale. Es steht für Rebellion als Ware, die Simulation von Rebellion. Dies muss man ergänzent zu Debords Begriffs der Gesellschaft des Spektakels sehen; in dieser Gesellschaftsform „spielt“ jeder nur seine zugewiesene Rolle, Zeichen sind leer und beziehen sich nur auf sich selbst, in dieser Gesellschaft wird ebenfalls Rebellion (ohne Folgen) simuliert. Das ist aber nur eine stark vereinfachte Darstellung, wer sich für die ganzen Anarchisten á la Feral Faun, Alfredo Maria Bonanno, Bob Black et al interessiert sei zu empfehlen „Die Gesellschaft des Spektakels“ zu lesen. Die dortigen Fachbegriffe tauchen sehr häufig in ihren Theorien auf.
4 im Original „to go wild“, ich habe es „wild zu werden“ übersetzt, da alle gängigeren Übersetzungen davon eher abfällig sind – z.B. verkommen, ausflippen – und damit der Intention des Textes zuwiderlaufen.
5In Deutschland & der EU gibt es dutzende Arten der geschützten „Wildnisgebiete“, die wichtigsten wären Naturschutzgebiet, Landschaftsschutzgebiete, Schutzgebiete & Natura-2000-Gebiete.