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Natur als Spektakel – Die Vorstellung von Wildnis vs. Wildheit


Im Original von Feral Faun / Wolfi Landstreicher / Apio Ludd, vom Amerikanischen ins Deutsche übersetzt von Florian Grebner
(Anmerkung des Autors: Das häufige benutzen von Anführungszeichen innerhalb dieses Essays soll die Idee bekräftigen, dass Natur und Wildnis Konzepte sind und keine tatsächliche Wesen)¹

Natur hat nicht immer existiert. Sie findet sich nicht in den tiefen des Waldes, im Herzen des Pumas oder in den Liedern der Pygmäen; sie findet sich in den Philosophien und Bild-Konstruktionen von zivilisierten menschlichen Wesen. Scheinbar widersprüchliche Stränge werden zusammen gewoben um Natur als ein ideologisches Konstrukt zu kreieren, das uns domestizieren soll, das unsere Äußerungen von Wildheit unterdrücken und dirigieren soll.

Zivilisation ist monolithisch und der zivilisierte Art alles was wahrgenommen wird zu begreifen ist ebenfalls monolithisch.Wenn der zivilisierte Verstand mit den unzähligen Wesen um ihn herum konfrontiert wird muss er sie kategorisieren um das Gefühl zu haben das er sie versteht. (Jedoch versteht er de facto nur wie man Sachen [things] für die Zivilisation dienlich macht). Natur ist eine der essentiellsten der zivilisierten Kategorien um die Wildheit der menschlichen Individuen einzugrenzen und eine Selbstidentifikation als zivilisiertes soziales Wesen zu erzwingen
Vermutlich war die frühsten Konzeption von Natur so was ähnliches wie die die man im alten Testament der Bibel findet: Die böse Wildnis, ein trostloser Ort, welcher von bösartigen und verderblichen Bestien, heimtückischen Demonen und den verrückten bewohnt wurde. Diese Konzeption diente besonders für frühe Zivilisationen einen wichtigen Zweck. Sie löste Angst vor dem was wild war aus, wodurch die meisten Menschen innerhalb der Stadtmauern blieben und diejenigen, welche herausgingen um zu erkunden, nahmen eine defensive Position ein, wie als währen sie im Gebiet des Feindes. So half dieses Konzept die Dichotomie zwischen „Mensch“ und „Natur“zu kreieren, welche Individuen davon abhielt wild, das heißt nach ihren eigenen Bedürfnissen, zu leben.

Allerdings musste eine vollständig negative Konzeption von Natur irgendwann ihre Nützlichkeit einbüßen, da es Zivilisation zu einer geschlossenen und belagerten Festung machte und Zivilisation sich erweitern muss damit sie mehr und mehr ausbeuten kann. „Natur“ wurde zu einen Korb von Ressourcen, eine „Mutter“, welche die „Menschheit“ und ihre Zivilisation nährt. Sie war schön, war es wert verehrt zu werden, Betrachtung, Untersuchung…und Ausbeutung. Sie war nicht böse…, aber sie war chaotisch, launisch und unzuverlässig. Zum Glück der Zivilisation hatte sich die „menschliche Natur“ entwickelt, rational und das Ordnen von Sachen [things], das unter ihre Kontrolle bringen, benötigend. Wilde Orte waren nötig damit Menschen die „Natur“ in einen unberührten Zustand studieren und beobachten konnten, aber genau so, dass zivilisierte Menschen es schafften die „natürlichen“ Prozesse zu verstehen und zu kontrollieren damit sie diese nutzen können um die Zivilisation zu erweitern. So wurde die „böse Wildnis“ von der „Natur“ oder „Wildheit“ überschattet, welche einen positiven Wert für die Zivilisation hat.

Das Konzept der Natur erschafft ein System von Werten und Moral. Aufgrund der offensichtlichen widersprüchlichen Stränge, welche die Entwicklung von „Natur“ beeinflusst haben, erscheinen diese Systeme widersprüchlich, jedoch erreichen sie alle das selbe Ziel: Unsere Domestizierung. Jene die uns sagen, dass wir uns „zivilisiert verhalten“ sollen und jene die uns sagen, dass wir uns „natürlich verhalten“ sollen sagen uns Beide folgendes : „Lebe in Übereinstimmung mit externen Werten, nicht in Übereinstimmung mit deinen Verlangen.“ Die Moral der Natürlichkeit ist nicht weniger grausam gewesen als jede andere Moral. Menschen sind wegen der Ausübung „unnatürlicher Akte“ eingesperrt, gefoltert und sogar getötet worden und werden es immer noch. „Natur“ ist eben auch ein häßlicher und fordernder Gott.

Von Anfang war Natur ein Bild, welches von den Authoritäten erschaffen wurde um ihre Macht zu verstärken. Es ist keine Überraschung, dass in modernen Gesellschaften, wo das Bild die Realität dominiert und sie oft zu kreieren scheint, die „Natur“ zu einen eigenständigen Mittel wird um uns weiterhin domestiziert zu lassen. „Natur“ Shows im Fernsehen, Sierra Club Kalender, Ausstatter für die „Wildnis“, „natürliches“ Essen und Textilfasern, der „ökologische“ President und „radikale“ Ökologie hecken zusammen die Erschaffung der „Natur“ und unser „richtiges“ Verhältnis zu ihr aus. Bei diesem subtilen beschwören des Bildes werden Aspekte der „bösen Wildnis“ von frühen Zivilisationen beibehalten. „Natur“ Shows zeigen immer Szenen in denen Prädation vorkommt und man sagt sich, dass die Regisseure versuchen mit elektronische Stachelstöcke² die Tiere zu Kämpfen anzutreiben. Die Warnungen vor gefährlichen Tieren und Pflanzen, die man Möchtegern „Wildnis“ Entdeckern mitgibt und die Anzahl von Produkten, welche von „Wildnis“ausstattern kreiert wurden um mit ihnen klar zu kommen ist – so meine eigene Erfahrung beim wandern durch wilde Orte – ziemlich unverhältnismäßig. Das Leben außerhalb der Zivilisation wird als Kampf ums Überleben dargestellt.

Jedoch brauch die Gesellschaft des Spektakels die unterschwellige „böse Wildnis“ um sie effizient zu nutzen. Das vorherrschende Bild der „Natur“ ist, dass sie eine Resource und eine Schönheit ist, die man betrachten und studieren sollte. „Wildnis“ ist ein Ort in dem wir uns für eine kurze Zeit, wenn wir richtig ausgerüstet sind, zurück ziehen können um von dem eintönigen Alltag zu fliehen, uns auszuruhen und nachzudenken oder um Spannung und Abenteuer zu finden. Und die „Natur“ bleibt die „Mutter“, die uns mit dem versorgt was wir brauchen, die Resource aus der sich die Zivilisation selbst erschafft.
In der Kultur der Ware erweckt die „Natur“ unser Verlangen nach ausgelassenen Abenteuern, nach einen Leben frei von Domestizierung, indem sie uns dieses Bild verkäuft. Das unterschwellige Konzept der „bösen Wildnis“ gibt dem wandern durch die Wälder einen hauch von Risiko, was die abenteuerlustigen und rebellisch anspricht. Außerdem verfestigt es die Idee, dass wir dort nicht wirklich hingehoren, dementsprechend werden uns zahllose Produkte verkauft, welche als nötig empfunden werden wenn wir in die wilden Orte einfallen. Das positive Konzept von Natur gibt uns das Gefühl, das wir wilde Orte erleben müssen (wobei nicht realisiert wird, dass die Konzepte, welche in uns eingespeist wurden unsere Erfahrung mindestens genau so stark beeinflusst wie unsere tatsächliche Umgebung). Auf diese Weise schafft es die Zivilisation sogar die Gebiete wieder zugewinnen [recuperares]³, die sie nicht direkt berührt und transformiert sie in „Natur“, in „Wildniss“, zu Aspekten die uns weiterhin domestiziert halten.

„Natur“ domestiziert indem es die Wildheit in eine monolithische Einheit verwandeln, einen riesigen Bereich fernab der Zivilisation. Das Ausdrücken von Wildheit inmitten der Zivilisation wird als kindisch, verrückt, Kriminalität, Verbrechen oder Sittenlosigkeit bezeichnet, dadurch ist es möglich sie abzuweisen, einzusperren, zu zensieren oder zu bestrafen und dabei immernoch die Behauptung aufrechtzuhalten, dass was „natürlich“ ist ist gut. Sobald „Wildheit“ statt eines Ausdruckes unserer eigenen Freigeisterei ein Bereich außerhalb von uns ist, kann es Experten für die „Wildheit“ geben, die uns beibringen wie wir uns „richtig“ mit ihr „verbinden“ können. Entlang der Westküste gibt es alle Arten von geistigen Lehrern, welche ein Vermögen daran verdienen „Wildheit“ an Yuppies auf eine Weise zu verkaufen, die ihre ständischen Träume, ihre Porsche oder ihre Eigentumswohnung nicht bedroht. „Wildnis“ ist heutzutage eine sehr profitable Industrie.

Ökologen – sogar „radikale“ Ökologen – spielen dem in die Hand. Anstatt zu versuchen wild zu werden4 und die Zivilisation mit ihren befreiten [unchained] Begierden zerstören, versuchen sie lieber die „Wildnis zu retten“. In der Praxis heißt dies, dass man die Authoritäten anbettelt oder versucht sie zu manipulieren damit sie die schädlicheren Aktivitäten bestimmter Industrien aufhalten und relativ ungeschädigten Wälder, Wüsten und Berge zu geschützten„Wildnisgebieten“5 erklären. Dies verstärkt nur das Konzept der Wildheit als monolithische Einheit – „Wildnis“ oder „Natur“ – und die Kommodifizerung, welche diesen Konzept zugrunde liegt. Die Basis des Konzepts des „Wildnisgebietes“ ist die Trennung von „Wildheit“ und „Menschheit“. Daher sollte es nicht überraschen, dass ein Teil der „radikalen“ Ökologieideologie den Konflikt zwischen „Biozentrismus“ und „Anthropozentrismus“ erschaffen hat – als ob wir etwas anderes sein sollten als Egozentrisch.

Selbst diese „radikalen Ökologen“, die behaupten, dass sie die Menschen wieder in die „Natur“ integrieren wollen, machen sich selbst was vor. Ihre Vision von einem „wilden, symbiotischen Ganzen“ (wie es einer von ihnen mal nannte) ist nur das von der Zivilisation kreierte monolithische Konzept auf quasi-mythische Weise ausgedrückt. „Wildnis“ bleibt für diese ökologischen Mystiker ein monolithische Wesen, das viel größer ist als wir, ein Gott dem wir uns unterwerfen müssen. Jedoch ist Unterwerfung Domestizierung. Unterwerfung ist das was die Zivilisation am laufen hält. Der Name, der die Ideologie trägt, welche die Unterwerfung durchsetzt ist nicht relevant – lass es „Natur“ sein, lass es das „wilde, symbiothische Ganze“ sein. Das Resultat wird immer noch die Fortsetzung der Domestizierung sein.

Wenn Wildheit als etwas gesehen wird was nichts zu tun hat mit einen monolithischen Konzept, inklusive „Natur“ und „Wildnis“, wenn es gesehen wird als potenzielle Freigeisterei in jedem Individuum, die sich jederzeit manifestieren könnte, nur dann kann es zu einer Gefahr für die Zivilisation werden. Jeder von uns könnte Jahre in „der Wildnis“ verbringen, aber wenn wir weiterhin unsere Umgebung durch die Linse der Zivilisation sehen, wenn wir die Myriaden von Wesen monolithisch als „Natur“, als „Wildnis“, als „wildes, symbiotisches Ganzes“ begreifen, bleiben wir zivilisiert; wir wären nicht wild. Aber wenn wir, inmitten der Stadt, jederzeit aktiv uns unserer Domestizierung wiedersetzen, uns weigern von den Rollen, die uns aufgezwungen werden, dominieren zu lassen und stattdessen in Übereinstimmung mit unseren Leidenschaften, Verlangen und Launen leben, wenn wir das einmalige und unberechenbare Wesen werden, welches sich unter den Rollen versteckt, dann sind wir, für diesen Moment, wild. Wild zwischen den Ruinen der verfallenden Zivilisation spielen (aber lässt euch nicht täuschen, selbst im verfallen ist sie ein gefährlicher Feind und kann noch sehr lange weiter wanken ehe er umfällt), damit können wir unser Möglichstest tun um sie zum umfallen zu bringen. Und die freigeistigen Rebellen werden die Überlebenskunst der Ökologie als einen weiteren Versuch der Zivilisation das freie Leben zu unterdrücken ablehnen und werden nach einen chaotischen, sich ständig verändernden Tanz von Freien, verbundenen, einmaligen Individuen, Leben streben; in Opposition sowohl zur Zivilisation als auch der „Natur“, den Versuch der Zivilisation sich wildes freigeistiges Leben anzueignen.

Anmerkungen des Übersetzers:
¹Da Feral Faun die Hervorhebung wichtig ist, wurden die Wörter mit „natur“ oder „wilderniss“ o.ä. in sich, gewollt „unsauber“ übersetzt . Dies hat den Sinn, dass der Natur- bzw. Wildnisbegriff nicht verschwinden soll, da genau diese Beiden für die Argumentation sehr entscheidend sind.

² Elektronische Stachelstöcke werden zum Viehtreiben benutzt.

³ Recuperare / Rekuperation verweiset nicht nur auf „wiedererlangen“, „wiedergewinnen“, „wiedergutmachen“ o. ä. es ist ebenfalls ein wichtiges Konzept innerhalb der Theorien der Situationistischen Internationale. Es steht für Rebellion als Ware, die Simulation von Rebellion. Dies muss man ergänzent zu Debords Begriffs der Gesellschaft des Spektakels sehen; in dieser Gesellschaftsform „spielt“ jeder nur seine zugewiesene Rolle, Zeichen sind leer und beziehen sich nur auf sich selbst, in dieser Gesellschaft wird ebenfalls Rebellion (ohne Folgen) simuliert. Das ist aber nur eine stark vereinfachte Darstellung, wer sich für die ganzen Anarchisten á la Feral Faun, Alfredo Maria Bonanno, Bob Black et al interessiert sei zu empfehlen „Die Gesellschaft des Spektakels“ zu lesen. Die dortigen Fachbegriffe tauchen sehr häufig in ihren Theorien auf.

4 im Original „to go wild“, ich habe es „wild zu werden“ übersetzt, da alle gängigeren Übersetzungen davon eher abfällig sind – z.B. verkommen, ausflippen – und damit der Intention des Textes zuwiderlaufen.

5In Deutschland & der EU gibt es dutzende Arten der geschützten „Wildnisgebiete“, die wichtigsten wären Naturschutzgebiet, Landschaftsschutzgebiete, Schutzgebiete & Natura-2000-Gebiete.

 

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Elementarprogramm des Büros für einen Unitären Urbanismus


Im Original von Atilla Kotanyi & Raoul Vaneigem, ins Deutsche übersetzt von ?

1. LEERE DES URBANISMUS UND LEERE DES SPEKTAKELS
Der Urbanismus existiert nicht: er ist nur eine ‘Ideologie’ im Sinne von Marx. Die Architektur existiert wirklich, wie das Coca-Cola: sie ist ein in Ideologie gekleidetes, aber reelles Produkt, das auf falsche Weise ein verfälschtes Bedürfnis befriedigt. Der Urbanismus kann mit einer Reklameausstellung für Coca-Cola verglichen werden: eine reine spektakuläre Ideologie. Der moderne Kapitalismus, der die Reduktion des gesamten sozialen Lebens auf das Spektakel organisiert, ist außerstande, ein anderes Spektakel zu geben als das unserer eigenen Entfremdung. Sein Traum vom Urbanismus ist sein Meisterstück.

2. DIE STÄDTEPLANUNG ALS KONDITIONIERUNG UND FALSCHE BETEILIGUNG
Die Entwicklung des städtischen Milieus ist die kapitalistische Dressur des Raumes. Sie stellt die Wahl einer bestimmten Materialisierung des Möglichen dar und den Ausschluss von anderen. Wie die Ästhetik, deren Bewegung der Auflösung sie folgt, kann man sie als einen ziemlich vernachlässigten Zweig der Kriminilogie betrachten. Auf der Ebene des Urbanismus im Vergleich zur bloßen architektonischen Ebene lässt sie sich jedoch dadurch kennzeichnen, dass sie die Bejahung der Bevölkerung fordert, eine individuelle Integration in die Ingangsetzung dieser bürokratischen Produktion der Konditionierung.

All das wird durch das erpresserische Geschwätz von der Brauchbarkeit erzwungen. Verheimlicht wird aber, dass die ganze Bedeutung dieser Brauchbarkeit in den Dienst der Verdinglichung gestellt wird. Der moderne Kapitalismus lässt einen auf jede Kritik verzichten mit dem simplen Argument, man brauche ein Dach über dem Kopf, ebenso wie die Einführung des Fernsehens damit entschuldigt wird, man brauche Information und Unterhaltung. So übersieht man schließlich die offensichtliche Tatsache, dass diese Information, diese Unterhaltung, diese Art des Wohnens nicht für Menschen gemacht sind, sondern ohne sie, gegen sie.

Die ganze Städteplanung ist nur ein Betätigungsfeld für die Publicity und Propaganda einer Gesellschaft, d.h. die Organisation der Teilnahme an einer Sache, an der man unmöglich teilnehmen kann.

3. DER VERKEHR ALS HÖCHSTES STADIUM DER STÄDTEPLANUNG
Der Verkehr ist die Organisation der Isolation aller und insofern das Hauptproblem der modernen Städte. Er ist das Gegenteil der Begegnung, nämlich die Absorption der für Begegnungen oder sonst eine Art von Beteiligung verfügbaren Energien. Die unmöglich gewordene Beteiligung wird durch Spektakel kompensiert. Das Spektakel wird in der Wohnung und im Standortwechsel sichtbar (Standard von Wohngebäuden und Autos). Denn in Wirklichkeit bewohnt man nicht ein Stadtviertel, sondern die Macht. Man wohnt irgendwo in der Hierarchie. Am Gipfel dieser Hierarchie kann die Rangordnung am Grad des Verkehrs gemessen werden. Die Macht wird sichtbar durch die Verpflichtung, täglich an mehr und mehr und immer weiter voneinander entfernten Orten anwesend zu sein (Geschäftsdiners). Man könnte die moderne Führungskraft als einen Mann charakterisieren, bei dem es vorkommt, dass er sich im Laufe eines einzigen Tages in drei verschiedenen Hauptstädten befindet.

4. DIE VERFREMDUNG VOR DEM SPEKTAKEL DER STÄDTE
Das gesamte Spektakel hat das Ziel, die Bevölkerung zu integrieren. Es tritt sowohl als Städteeinrichtung als auch als permanentes Informationsnetz in Erscheinung und bildet einen festen Rahmen für die Sicherung der bestehenden Lebensbedingungen. Unsere erste Arbeit ist es, dass wir den Leuten erlauben, die Identifikation mit der Umgebung und dem Modellverhalten zu beenden. Das ist nicht zu trennen von der Möglichkeit, sich selbst in einigen der ersten, für die menschliche Aktivität bestimmten Zonen zu erkennen. Die Leute werden noch lange Zeit die Periode der Verdinglichung im städtischen Milieu akzeptieren müssen. Aber das Verhalten, mit dem sie sie akzeptieren, kann augenblicklich geändert werden. Man muss die Ausbreitung des Misstrauens gegen diese luftigen und kolorierten Kindergärten, die im Westen wie im Osten neue Schlafstädte bilden, unterstützen. Nur wer wach wird, stellt die Frage nach einer bewussten Konstruktion des städtischen Milieus.

5. EINE UNTEILBARE FREIHEIT
Der wichtigste Erfolg der gegenwärtigen Städteplanung ist, dass sie die Möglichkeit dessen, was wir Unitären Urbanismus nennen, vergessen lässt, d.h. die lebendige, durch die Spannungen des gesamten alltäglichen Lebens geförderte Kritik an dieser Manipulation der Städte und ihrer Einwohner. Lebendige Kritik bedeutet: Errichtung von Stützpunkten für ein experimentelles Leben, Vereinigung derer, die ihr eigenes Leben auf einem für ihre Zwecke ausgerüsteten Territorium erschaffen wollen. Diese Stützpunkte sollen auf keinen Fall reserviert sein für eine von der Gesellschaft getrennte ‘Freizeit’. Keine Raum-Zeit-Zone ist vollständig abtrennbar. Praktisch übt die globale Gesellschaft immer einen Druck auf ihre aktuellen ‘Ferienreservate’ aus. In den situationistischen Stützpunkten, die die Funktion von Brückenköpfen für eine Invasion des gesamten Alltags übernehmen werden, wird dieser Druck in umgekehrter Richtung ausgeübt werden. Der Unitäre Urbanismus ist das Gegenteil einer spezialisierten Aktivität. Die Anerkennung eines getrennten urbanistischen Gebiets bedeutet schon die Anerkennung der ganzen urbanistischen Lüge und der Lüge im ganzen Leben.
Das Glück wird im Urbanismus versprochen. Er wird also aufgrund dieses Versprechens gerichtet werden. Die Koordinierung der künstlerischen und wissenschaftlichen Mittel der Entlarvung muss zu einer vollständigen Entlarvung der bestehenden Konditionierung führen.

6. DIE LANDUNG
Der ganze Raum ist schon besetzt von dem Feind, der alles bis zu den Grundregeln dieses Raumes für seinen Gebrauch gezähmt hat (über die Gerichte hinaus sogar die Geometrie). Der authentische Urbanismus erscheint in dem Augenblick, in dem gewisse Zonen dieser Besatzung entledigt werden. Hier fängt das an, was wir Konstruktion nennen. Diese kann mithilfe des von der modernen Physik gefundenen Begriffs des ‘positiven Lochs’ verstanden werden. Die Freiheit zu materialisieren, heißt zuerst, dieser gezähmten Welt einige Parzellen ihrer Oberfläche zu entziehen.

7. DAS LICHT DER ZWECKENTFREMDUNG
Die Grundübung der Theorie des Unitären Urbanismus wird die Umschreibung der gesamten theoretischen Lüge des Urbanismus sein, ihre Entwendung zum Kampf gegen die Entfremdung. Wir müssen ihre Rhythmen umkehren.

8. BEDINGUNGEN DES DIALOGS
Das Funktionelle ist das, was praktisch ist. Und praktisch ist einzig die Lösung unseres Grundproblems: die Verwirklichung von uns selbst (unsere Lossagung vom System der Isolierung). Das ist das Nützliche und das Benutzbare. Nichts anderes. Alles andere sind nur winzige Ableitungen des Praktischen, seine Mystifizierung.

9. DAS ROHMATERIAL UND SEINE TRANSFORMATION
Die situationistische Zerstörung der gegenwärtigen Konditionierung ist schon die gleichzeitige Konstruktion der Situationen. Sie bedeutet die Befreiung der unerschöpflichen Kräfte, die im versteinerten Alltag eingeschlossen sind. Die gegenwärtige Städteplanung, die als eine Geologie der Lüge auftritt, wird mit dem Unitären Urbanismus vor einer Technik zur Verteidigung der ständig bedrohten Bedingungen der Freiheit weichen, und zwar in dem Moment, in dem die – als solche immer noch nicht vorhandenen – Individuen frei ihre eigene Geschichte konstruieren.

10. DAS ENDE DER VORGESCHICHTE DER KONDITIONIERUNG
Wir unterstützen nicht die Forderung, man müsse zu irgendeinem Stadium vor der Konditionierung zurückkehren; man muss über sie hinausgehen. Wir haben die Architektur und den Urbanismus erfunden, die ohne die Revolution des alltäglichen Lebens nicht verwirklicht werden können; das bedeutet die Aneignung der Konditionierung durch alle Menschen, ihre unbegrenzte Bereicherung, ihre Erfüllung.

 

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Formular für einen neuen Urbanismus


Im Original von Gilles Ivan, ins Deutsche übersetzt von ?

HERR, ICH BIN AUS EINEM ANDEREN LAND
In der Stadt langweilen wir uns – einen Sonnentempel gibt es nicht mehr. Zwischen den Beinen der vorübergehenden Frauen hätten die Dadaisten gerne einen Schraubenschlüssel gefunden und die Surrealisten ein Becherglas – eine verlorene Wette. Aus den Gesichtern können wir all die Versprechungen herauslesen: das ist der letzte Stand der Morphologie. Nur 20 Jahre hat die Poesie der Plakate gedauert. Wir langweilen uns in der Stadt und nur wer sich enorm müde läuft, kann noch geheimnisvolle Namen auf den Strassenschildern entdecken – den letzten Stand also des Humors und der Poesie:

Bade- und Duschanstalt zu den Patriarchen
Maschinen zum Fleischaufschneiden
Notre Dame Zoo
Apotheke zum Sport
Lebensmittelgeschäft zu den Märtyrern
Lichtdurchlässiger Beton
Sägewerk zur goldenen Hand
Zentrum zur funktionellen Wiederverwertung
Unfallstation zur Heiligen Anna
Café Fünfte Avenue
Verlängerte Strasse der Freiwilligen
Fremdenheim im Garten
Hotel der Fremden
Wilde Straße

Und das Schwimmbad der Mädelstraße. Und das Polizeirevier der Straße des Stelldicheins. Die ärztlich-chirurgische Klinik und die kostenlose Arbeitsvermittlung des Kais zur Goldschmiede. Die künstlichen Blumen auf der Straße zur Sonne. Das Hotel zu den Schloßkellern, die Ozean-Bar und das Café zum Hin und Her. Das Hotel der Epoche.

Das seltsame Denkmal des Doktor Philippe Pinel, dem Irrenwohltäter, in den letzten Sommerabenden. Eine Entdeckungsreise durch Paris.

Und Du, die Vergessene, mit deinen durch die Erschütterungen der Welt verwüsteten Erinnerungen, ohne Musik und Heimat in den Roten Kellern von Pali-Kao gestrandet, die Du nicht mehr zur Hacienda wegfährst, “wo die Wurzeln an das Kind denken und der Wein mit Kalendergeschichten zuende geht”. Jetzt ist das Spiel aus. Die Hacienda wirst Du nicht sehen – es gibt sie nicht. Die Hacienda muss gebaut werden.

Allen Städten haftet etwas geologisches an und bei jedem Schritt begegnet man bewaffneten Gespenstern mit dem ganzen Zauber ihrer Legenden. Wir bewegen uns in einer GESCHLOSSENEN Landschaft, deren Markierungen uns ständig zur Vergangenheit hinziehen. Zwar erlauben uns gewisse BEWEGLICHE Winkel und FLÜCHTIGE Perspektiven in originelle Auffassungen des Raumes durchzublicken, aber dieser Blick bleibt bruchstückhaft. Man muss sie wohl in den magischen Stellen der Volksmärchen und den surrealistischen Texten suchen – Schlösser, endlose Mauern, kleine, vergessene Bars, Mammuthöhlen, Spielbankenspiegel…

Diese veralteten Bilder haben immer noch ein wenig die Fähigkeit zur “Katalyse”, es ist aber fast unmöglich, sie in einem SYMBOLISCHEN URBANISMUS zu gebrauchen, ohne sie zu verjüngen, indem man sie mit einem neuen Sinn belädt. Unsere durch alte Schlüsselbilder umnebelte Welt ist weit hinter den vervollkommneten Maschinen geblieben. Die verschiedenen Versuche, die moderne Wissenschaft in neue Mythen einzugliedern, sind immer noch ungenügend. Seit dem ist die Abstraktion in alle Künste und besonders in die heutige Architektur eingedrungen. Das reine anektdoten- aber auch leblose Plastische beruhigt das Auge und “kühlt” es ab. Anderswo findet man andere, bruchstückhafte Schönheiten und langsam entfernt sich das Land der versprochenen Synthesen immer mehr. Jeder schwankt zwischen der im Gefühl lebendigen Vergangenheit und der heute schon gestorbenen Zukunft.

Wir werden die mechanischen Zivilisationen und die kalte Architektur, die am Ende ihres Wettrennens zur gelangweilten Freizeit führen, nicht verlängern.
Wir haben vor, neue bewegliche Szenerien zu erfinden (…)

Wie die Dunkelheit vor dem Licht, so weichen die Jahreszeiten vor den Klimaanlagen; die Nacht und der Sommer büßen ihre Reize ein und das Morgengrauen verschwindet. Der Mensch in den Städten denkt, sich von der kosmischen Wirklichkeit zu entfernen, dafür aber träumt er nicht mehr. Aus einem offensichtlichen Grund: der Ausgangspunkt des Traumes liegt in der Wirklichkeit und in ihr verwirklicht er sich.

Der letzte Stand der Technik ermöglicht einen ständigen Kontakt zwischen dem Individuum und der kosmischen Wirklichkeit, wobei er ihre Unannehmlichkeiten beseitigt. Durch Glaswände kann man die Sterne und den Regen sehen. Das bewegliche Wohnhaus dreht sich mit der Sonne zusammen. Seine Schiebewände machen es möglich, dass die Pflanzenwelt in das Leben eindringt. Auf Gleitschienen gestellt kann das Haus morgens der See näher kommen und am Abend in den Wald zurückgleiten.
Die Architektur ist das einfachste Mittel, Zeit und Raum INEINANDERZUFÜGEN, die Wirklichkeit zu MODULIEREN, träumen zu lassen. Es handelt sich nicht nur um eine plastische Gliederung bzw. Modulation, um den Ausdruck einer vorübergehenden Schönheit, sondern um eine beeinflussende Modulation, die in die ewige Kurve des menschlichen Verlangens und des Fortschritts in der Verwirklichung dieser Verlangen eingeschrieben ist.

Morgen wird also die Architektur ein Mittel sein, die heutigen Auffassungen von Zeit und Raum zu modifizieren. Sie wird ein Mittel zur ERKENNTNIS und zur HANDLUNG sein.
Das Gesamtbild der Architektur wird abänderbar sein. Es wird sich je nach dem Willen der Bewohner teilweise oder ganz wandeln.(…)

Die vergangenen Kollektivitäten haben den Massen eine absolute Wahrheit und unbestreitbare mythische Beispiele angeboten. Der Einzug des Begriffs der RELATIVITÄT in den modernen Geist erlaubt es, die EXPERIMENTELLE Seite der nächsten Zivilisation zu erahnen, obwohl dieses Wort mich nicht zufriedenstellt. Sagen wir also lieber: die geschmeidigere, “vergnügtere” Seite. Auf der Grundlage dieser beweglichen Zivilisation wird die Architektur – wenigsten am Anfang – ein Mittel sein, die unzähligen Arten zu experimentieren, das Leben zwecks einer Synthese zu modifizieren, die nur legendär sein kann.

Eine Geisteskrankheit hat unsere Welt befallen: die Herrschaft der Banalität. Jeder ist durch die Produktion und den Komfort – Kanalisation, Fahrstühle, Badezimmer, Waschmaschinen … – hypnotisiert.

Diese aus einem Protest gegen die Armut entstandenen Zustände gehen über ihr fernes Ziel – die Befreiung des Menschen von den materiellen Sorgen – hinaus und sie werden zum unmittelbar quälenden Bild. Zwischen der Liebe und dem automatischen Müllschlucker hat die Jugend aller Länder gewählt: sie zieht den Müllschlucker vor. Eine völlige geistige Wendung muss unumgänglich dadurch bewirkt werden, dass vergessene Begierden ins helle Licht gesetzt und vollkommen neue geschaffen werden. Sowie dadurch, dass eine INTENSIVE PROPAGANDA zugunsten der Begierden getrieben wird.

Wir haben schon auf das Bedürfnis, Situationen zu konstruieren, als eine der Grundbedingungen aufmerksam gemacht, auf die sich die nächste Generation gründen würde. Dieses Bedürfnis nach einer ABSOLUTEN Schöpfung war immer mit dem nach einem SPIEL mit der Architektur, der Zeit und dem Raum verquickt. (…)

Chirico wird als einer der bedeutendsten Vorläufer der Architektur gelten. Er hat sich nämlich an die Probleme der Ab- und Anwesenheit in Zeit und Raum herangewagt.

Bekanntlich ruft ein bei einem ersten BESUCH nicht bewusst bemerkter Gegenstand durch seine Abwesenheit bei den folgenden Besuchen einen unbestimmbaren Eindruck hervor: durch eine Berichtigung in der Zeit wird die Abwesenheit des Gegenstandes zur wahrnehmbaren Anwesenheit. Noch besser: obwohl die Qualität des Eindrucks im allgemeinen unbestimmbar bleibt, wechselt sie doch der Natur des weggenommenen Gegenstandes und der ihm vom Besucher beigemessenen Bedeutung gemäß, so dass sie von der heiteren Freude bis zum Schrecken gehen kann (unwichtig ist, dass in diesem besonderen Fall der Stimmungsträger das Gedächtnis ist – dieses Beispiel habe ich nur seiner Bequemlichkeit halber gewählt).

In Chiricos Malerei der “Arkaden”-Periode schafft ein LEERER RAUM eine RECHT VOLLE ZEIT. Man kann sich die Zukunft leicht vorstellen, die wir solchen Architekten zudenken und was für einen Einfluss sie auf die Massen ausüben werden. Heute können wir ein Jahrhundert nur verachten, das solche MODELLE auf sogenannte Museen verweist.

Diese neue Auffassung von Zeit und Raum, die die theoretische Grundlage der zukünftigen Konstruktionen sein wird, ist noch nicht reif und wird es nie ganz sein, bevor die Verhaltensweisen in dazu bestimmten Städten nicht ausprobiert worden sind, in denen man außer den zu einem Minimum an Komfort und Sicherheit unbedingt notwendigen Einrichtungen Gebäude mit einer großen Andeutungs- und Beeinflussungskraft und symbolische Bauwerke, die die vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Begierden, Kräfte und Ereignisse darstellen, systematisch zusammenbringen würde. Eine rationale Erweiterung der alten religiösen Systeme, der alten Märchen und besonders der Psychoanalyse zugunsten der Architektur wird jeden Tag dringender, je mehr die Begeisterungsgründe verschwinden.

Jeder wird sozusagen seine persönliche “Kathedrale” bewohnen. Es wird Räume geben, die einen besser träumen lassen als Drogen, und Häuser, in denen man nur lieben kann. Andere werden die Reisenden unüberwindlich anlocken…

Dieses Projekt ist den nach dem Prinzip der optischen Täuschung angelegten chinesischen und japanischen Gärten vergleichbar(mit dem Unterschied jedoch, dass diese nicht dazu bestimmt sind, dass man ganz in ihnen lebt) bzw. dem lächerlichen Labyrinth im Pariser Botanischen Garten, an dessen Eingang die Dummheit ihren Gipfelpunkt mit einem Schild erreicht, auf dem zu lesen ist: SPIELEN IST IM LABYRINTH VERBOTEN – o arbeitslose Ariadne!

Man könnte diese Stadt als eine willkürliche Zusammenstellung von Schlössern, Grotten, Seen usw… ins Auge fassen. Sie würde dann die barocke Stufe des Urbanismus als eines Erkenntnismittels darstellen. Aber diese theoretische Phase ist schon überholt. Wir wissen, dass man ein modernes Wohnhaus bauen kann, dass zwar kaum an ein mittelalterliches Schloss erinnern und dennoch die Ausstrahlung DES SCHLOSSES (durch die Aufrechterhaltung eines Minimums an Linien und die Veränderung von anderen, die Lage von Fenstern und Türen, die topographische Lage usw.) erhalten und sogar vervielfachen würde.

Die Viertel dieser Stadt könnten den verschiedenen Gefühlen entsprechen, die man im gewöhnlichen Leben ZUFÄLLIG trifft.

Ein seltsames, ein glückliches – und ganz besonders dem Wohnen zugedachtes -, ein edles und tragisches(für die braven Kinder), ein historisches(Museum, Schulen), ein nützliches(Krankenhaus, Werkzeugausstattung) und ein finsteres Viertel usw. Dann ein “Sternengarten”, in dem man die Gattungen der Pflanzenwelt nach den Beziehungen gruppieren würde, die sie mit dem Sternenrhythmus unterhalten, eine Art Planetengarten; dem vergleichbar,
den der Astronom Thomas auf dem Lader Berg in Wien errichten will – unbedingt notwendig, damit sich die Bewohner des Kosmischen bewusst werden. Vielleicht auch ein Todesviertel, nicht um dort zu sterben, sondern um IM FRIEDEN ZU LEBEN – hierbei denke ich an Mexiko und an ein Prinzip der unschuldigen Grausamkeit, die mir jeden Tag teurer wird.

Das schauerliche Viertel würde z.B. vorteilhaft jene Löcher oder Mündungen zur Hölle ersetzen, die früher in den Hauptstädten mancher Völker zu finden waren und die unheilbringenden Lebensmächte versinnbildlichten. Dieses Viertel hätte es nicht nötig, wirkliche Gefahren – wie z.B. Fallen, Verließe oder Minen – zu verbergen. Nur schwer zugänglich und hässlich ausgeschmückt – mit schrillen Pfeifen, Alarmglocken, periodischem Sirenengeheul, unregelmäßigen Tempos, grässlichen Skulpturen, mechanischen Mobiles mit Motoren(Auto-Mobile genannt) – wird es nachts so wenig beleuchtet sein, wie dafür stärker am Tag, durch einen übertriebenen Gebrauch der Reflektion. Im Mittelpunkt der “Platz zum schreckenserregenden Mobile”. Die Sättigung des Marktes durch ein Produkt zieht dessen Rückgang nach sich – so würden Kinder und Erwachsene durch die Erforschung des schauerlichen Viertels lernen, die beängstigenden Erscheinigungen des Lebens nicht mehr zu fürchten, sondern ihren Spaß mit ihnen zu treiben.

Die Hauptbeschäftigung der Bewohner wird das STÄNDIGE UMHERSCHWEIFEN sein. Der Landschaftswechsel von einer Stunde zur anderen wird dafür sorgen, dass man sich ständig fremd fühlt. (…)

Später wird bei der unvermeidlichen Abnutzung der Gebärden dieses Umherschweifen vom Gebiet des Erlebten teilweise in das der Darstellung übergehen. (…)

Der ökonomische Einwand hält schon beim ersten Betrachten nicht stand. Es ist wohlbekannt, dass, je mehr ein Ort der Spielfreiheit zugedacht ist, desto größer dessen Einfluss auf das Verhalten und dessen Anziehungskraft ist. Ein Beweis dafür ist der ungeheure Reiz von Monaco oder Las Vegas – sowie von Reno, dieser Karikatur der freien Liebe. Handelt es sich doch um bloße Geldspiele. Diese erste Experimentalstadt würde reichlich von einem geduldeten und kontrollierten Fremdenverkehr zehren, Die nächsten Aktivitäten und Avantgardeproduktionen würden sich spontan dort konzentrieren. Nach einigen Jahren wäre sie zur intellektuellen Hauptstadt der Welt geworden und überall als solche anerkannt.

 

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