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Gedanken zur Entwicklung einer anarchistischen Queer-Theorie


Original von Phil, vom Englischen ins Deutsche übersetzt von Florian Grebner.

„Es versteckt sich keine Genderidentität hinter den Ausdrucksformen des Genders…, Identität wird performativ konstituiert durch die „Ausdrucksformen“ von denen gesagt wird, dass sie ihr Resultat sind.“
Judith Butler

In den vergangenen zwei Dekaden hat sich die Queer-Theorie als akademisches Arbeitsfeld entwickelt und hat beachtliche Akzeptanz im Bereich der Hochschulbildung erhalten. Während manche Konzepte aus diesem Bereich in die Gedanken radikaler Queers sickerten, blieb es zum Großteil ein strikt akademisches Arbeitsfeld. Ich bin der Überzeugung, dass Queer-Theorie nützlich sein kann, aber sie muss so erweitert werden, dass sie auch für Personen außerhalb der Hochschulen zugänglich ist. Außerdem sollten problematische Tendenzen innerhalb der Queer-Theorie angesprochen werden. Ich behaupte, dass die Entwicklung einer explizit anarchistischen Queer-Theorie nützlich sein würde. In hoffe in diesem Essay die Grundgedanken der Queer-Theorie aufzuzeigen, eine Kritik am derzeitigen Stand der Queer Theorie zu üben und einen Vorschlag zu einem grundsätzlichen Rahmen für eine anarchistische Queer-Theorie zu machen. Schließlich möchte ich eine Diskussion innerhalb der anarchistischen Queergemeinde über die Entwicklung einer anarchistischen Queer-Theorie anstoßen. Dieses Essay ist nicht als letztes Wort zum Thema zu verstehen, Ich hoffe statdessen, dass dieses Essay Diskussionen anstößt sowie zu weiteren Schriften und Konversationen führt. Anders als die meisten anderen Studien die auf Identität bassieren, und sogar im Kontrast zu einigen Queer-Studien, stellt die Queer-Theorie die Idee der Identität grundsätzlich in Frage.

Queer-Theorie
Queer-Theorie ist eines der neusten Themen von kritischer Theorie, welches weit verbreitete akademische Akzeptanz erhielt. Sie entwickelte sich aus dem Bereich der Gay and Lesbian Studies, welche wiederrum ein Produkt einer Zeit waren in der interdisziplinäre Studienprogramme wie Women’s Studies und Ethnic Studies entstanden. Jedoch hat Queer-Theorie eine radikal andere Herangehensweise an Identität als andere Theorien über Identität.

Ein zentrales Konzept des Projektes der Queer-Theorie ist die Essentialismus vs. Sozialkonstruktivismus Debatte. Die essentialistiche Perspekte beruht auf der Aussage, dass Identitäten angeboren und unveränderlich sind. Zum Beispiel würde man aus einer essentialistischen Position heraus argumentieren, dass die Binarität von Mann/Frau legitim ist, dass diese Identitäten natürlich sind und demnach die Unterschiede zwischen ihnen ebenfalls natürlich seien. Sozialkonstruktivismus andererseits argumentiert, dass Identität keine Grundlage in der Natur hat und komplett durch gesellschaftliche Kräfteverhältnisse und Diskurse erzeugt wird. Während Essentialismus als Ausgangspunkt eine fixe Identität nimmt und daraufhin analysiert wie diese von der Gesellschaft als Ganzes beeinflusst wird, argumentiert Sozialkonstruktivismus gegen fixe Identitäten und behauptet statdessen, dass Identität fortlaufend durch gesselschaftliche Kräfteverhältnisse konstruiert und rekonstruiert wird.

Vermutlich ist Judith Butler, eine Professorin in Berkeley, die bekannteste Queer-Theoretikerin. Ihr Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“ erreichte einen gewissen Grad von Erfolg, unüblich für einen akademischen Text. Butler ist, aufgrund der Popularität ihres Werkes, ein großer Einfluss auf die Queer-Theorie. Eine ihrer größten Beiträge ist die Idee der Genderperformativität. Gender ist, für Butler, eine kollektive Fiktion, welche aus den addierten Ausdrucksformen der Individuen besteht. Personen drücken ihr Geschlecht im Sinne dieser Fiktion aus. Durch soziale Normen oder Gesetze werden Individuen bestraft welche sich nicht an diese Fiktion halten. Butler setzt dem traditionellen Verständnis von Sex als biologischen Geschlecht und Gender als sozialem entgegen, dass ohne Gender Sex keine Bedeutung hat und demnach ebenfalls sozial konstruiert sei.
Queer-Theorie kann daher gesehen werden als Dekonstruktion der Identität an sich, insbesondere im Fall von Sex und Gender, allerdings mit weiteren Implikationen. Jedoch gehen die weiteren Implikationen, aufgrund des Grades zu dem Queer-Theorie ein akademisches Arbeitsfeld ist, mit all seinen Nachteilen, welche mit diesem Status verbunden sind, oft verloren. Insbesondere die Sprache, die von vielen Theoretikern benutzt wird, ist unzugänglicher und die Arbeiten selbst sind schwer zu finden. Gerade weil es außerhalb eines speziellen akademischen Kontext kaum Chancen gibt es zu studieren oder zu theoretisieren neigt Queer-Theorie zum Elitismus. Trotzdem denke ich nicht, dass wir Queer-Theorie verwerfen sollten. Statdessen hoffe ich, dass Queer-Theorie aus den Hochschulen ausbricht indem ihre Lektionen und Debatten Teil des allgemeinen Diskurs werden.

Anarchismus
Queer-Theorie bringt eine kritische Herangehensweise zu Fragen bezüglich Gender und Sexualität sowie Identität im weiten Sinne mit, als Theorie ist sie jedoch nicht explizität anarchistisch. Da mein Ziel ist einen Rahmen für eine anarchistische Queer-Theorie aufzuzeigen, möchte ich die Prinzipien des Anarchismusses erklären auf denen ich das Rahmenkonzept aufbauen möchte. Was folgt ist weder eine endgültige Definition des Anarchismusses, noch ist es überhaupt eine. Stadessen möchte ich eine einfache Erklärung des Anarchismusses geben um eine Grundlage für den Rest des Essays zu haben.
Anarchismus zielt auf die Abschaffung von Hierarchie und Autorität, weshalb sich Anarchisten gegen den Staat, Kapitalismus und soziale Ungerechtigkeit positionieren. Obwohl alle drei Systeme verschieden agieren – und trotzdem sich überwätigend gut ergänzen- ist Queer-Theorie relevant für eine anarchistische Kritik an jedem von ihnen. Zum Beispiel reguliert und kriminalisiert die Staatsmacht verschiedene Identitäten. Kapitalismus repräsentiert eine Kraft welche von Natur aus darauf aus ist menschliche Beziehung und Identitäten zu kommodifizieren. Kapital spielt ebenfalls eine entscheidene Rolle bei der Ideologie der Familie, welche zentral ist für die mainstream politischen Debatten. Beispiele für Soziale Ungerechtigkeit gibt es reichlich, rechtsfreie Gewalt gegen queere Personen ist geläufig, sowie Diskriminierung und grundsätzliche Intoleranz.

Dies ist zugegebenermaßen eine sehr einfache Beschreibung des Anarchismuses und repräsentiert in keinster Weise die Breite und Tiefe anarchistischer Analyse. Jedoch würde eine detailiertere Erklärung es erforderlich machen sich an Debatten heranzuwagen, welche den Umfang dieses Essays sprengen würden. Quellen sind reichlich vorhanden für diejenigen die das Verlangen nach mehr Informationen zum Anarchismus und anarchistischen Theorie haben.

Identität und Identitätsplitik
Wie oben erwähnt, ist Queer-Theorie kritisch gegenüber den traditionellen Vorstellung von Identität und versucht die Prozesse durch die Identitäten konstruiert werden zu dekonstruieren. Der Konflikt zwischen den anti-assimilierungs Positionen der Queeren und der Assimilationspolitik der LGBT ist ein glänzendes Beispiel für die Relevanz der Queer-Theorie. Assimilationierung wird, in einen queeren Kontext, durch die Kampagnien von mainstream reformistischen Organisationen repräsentiert. Themen wie Schwulenehe, die Beendigung von „Don’t Ask, Don’t Tell“ und das eintreten für Gesetzte gegen Verbrechen aus Hass stehen laut der Human Rights Campaign (HRC), der National Gay and Lesbian Task Force und Marriage Equalitity USA, an der Spitze der LGBT Agenda. Dies demonstriert, zusammen mit der kulturellen Assimilation in Form von Paraden, welche von Unternehmen gesponsort werden, das Engagement sich die staatliche Logik von Staatsangehörigkeit, ihren Rechten, sowie die kapitalistische Kommodifizierung von Kultur anzueignen. In Austausch für das Leben als loyale Bürger, strebt Assimilationismus danach sich innerhalb des Kapitalismusses und der Staatsmacht zu integrieren.

Die Anti-Assimilierungs Kritik der LGBT Bewegung beginnt bei der Differenz in der Terminologie. Der Begriff LGBT ist prinzipiell dafür feste Identitäten zu etablieren um selbige repräsentieren zu können. Dies ist selbst in ihrer geschichtlichen Entwicklung offensichtlich, zuerst waren es Schwulen und Lesben, dann wurden Bisexuelle hinzugefügt und schlussendlich wurden Transgender den Akronym hinzugefügt. Jede dieser Ergänzungen wurde vom schwulen Establishment mit Widerstand begegnet, damit wurde die exklusive Natur des Terminus demonstriert. Queer hingegen ist absichtlich eine unklare Bezeichnung, welche als positive Bezeichnung anstelle der Beleidigung, die es einmal war, zurückerobert wurde.

Wie schon in der Terminologie angedeutet, versucht die LGBT Bewegung eine Koalition aus definierten Identitäten zu erreichen damit sie in vollem Unfang am politischen Prozess teilhaben können. Dies benötigt Identitäten bei denen man sicher sein kann, dass sie stabil bleiben, damit man ihnen Rechte geben und nehmen kann. Queer-Theorie lehnt bewusst die Idee einer festen Identität dabei, wobei Queer selbst ein Begriff ist, der absichtlich keine feste Identität bereitstellt. Daher hat die Queerbefreiung wenig mit dem Ziel der Assimilation und der engefassten Identitätspolitik der LGBT Bewegung zu tun.

Auf den Weg zu einer anarchistischen Queer-Theorie
Queer-Theorie nahm im Vergleich zu anderen akademischen Arbeitsfeldern, welche sich mit Identitäten (Ethnic Studies, Women’s Studies, z.B.) beschäftigen, einen anderen Verlauf, da Queer-Theorie innerhalb der Hochschulen entstand und sich nicht aus einer Massenbewegung entwickelte. Daher verblieb die Queer-Theorie zum Großteil in den Hochschulen anstatt sich auf den Rest der Bevölkerung auszubreiten. Jedoch blieb die Queer-Theorie nicht vollkommen in den Elfenbeintürmen gefangen. In anarchistischen Kreisen sind, zugegebenermaßen, bestimmte Konzepte recht populär geworden. Das Musterbeispiel wäre der Begriff genderqueer und die größer angelegte Kritik an der binären Geschlechtsordnung. Angelehnt an Butlers Theorie der Performativität bezeichnet genderqueer die Verweigerung der Mann/Frau Dichotomie, da Gender übereinstimmend mit den eigenen individuellen Sehnsüchten konstruiert wird.

Allerdings gibt es auch Aspekte der Queer-Theorie, welche eine kritische Untersuchung verlangen und zu weiteren Fragen führen. Einer von diesen Punkten ist der Individualismus der Performatität, da er hauptsächlich die individuelle Geschlechtsidentität in Verhältnis zur kollektiven Fiktion von Geschlecht, die ihm auferlegt wird, untersucht. Dies führt unverzüglich zu folgender Frage: Wenn Geschlecht eine kollektive Fiktion ist um Personen zu kontrollieren, wie können wir Anarchisten folglich dieses Herrschaftswerkzeug beseitigen? Ist eine individuelle Herrangehensweise genug oder ist eine kollektive Aktion notwendig?

Ein weiterer Punkst ist die Essentialismus vs. Sozialkontruktivismus Dichomotomie, welche zu einer sehr großen Vereinfachung verkam. Während die philosophische Grundlage des Essentialismus eindeutig problematisch ist, heißt dies, dass das analysieren mit festen Kategorien ebenso problematisch ist? Kann der Staat als eine essentialisierende Kraft verstanden werden, bei der die Queer-Theorie dann das Verhältnis von den Essentialisierten zum Staat analysiert und gleichzeitig anstrebt den Prozess der Essentialisierung zu untergraben?

Ich hoffe, dass eine anarchistische Queer-Theorie entsteht, die diese und andere Fragen diskutiert. Obwohl dem Projekt, aufgrund der akademischen Natur der Queer-Theorie, einige Probleme innewohnen, hätte solch eine Theorie viel für die anarchistische Theorie und Praxis zu bieten. Sogar der geringe Einfluss, denn sie bisher auf anarchistisches Gedankengut hatte, hat sich wirklich als befreiend und nützlich erwiesen. Ich hoffe, dass dieses Essay als Startpunkt für weitere Diskussionen und Debatten zu diesem Thema dienlich ist.

 

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