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Archiv der Kategorie: Sprache

Postkoloniale Kritik an Deutschland


Theorie und Analysen einer bislang kaum beachteten Denkrichtung in einem Sammelband
Hito Steyerl/ Encarnación Gutiérrez Rodriguez (Hg.): Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik, Münster 2003 (Unrast Verlag), 295 S., 18,-€.

Eine Rezesion von Jens Kastner..

Ausgerechnet in der taz-Ausgabe (10./11.01.2004), die ihr Dossier dem Hundersten Jahrestag des Herero-Aufstandes gegen die deutsche Kolonialmacht im heutigen Namibia widmet, wird wieder einmal dafür plädiert, sich der Frage zu widmen, „worauf sich ein linker Patriotismus wirklich stützen“ könnte. Wird im Dossier die bislang ausgebliebene Entschuldigung gegenüber den Nachfahren der Opfer des deutschen Kolonialismus bemängelt, hält es der Wiener Journalist Robert Misik ein paar Seiten weiter für angebracht, sich mit dem zu identifizieren, was im Rahmen des Nationalstaates in sozialer, rechtsstaatlicher und demokratischer Hinsicht erreicht wurde.

Hito Steyerl, eine der Herausgeberinnen des Sammelbandes zu postkolonialer Politik, gelangt demgegenüber gerade zur gegenteiligen Forderung, nämlich koloniale Muster als eines von mehreren geschichtlichen Modellen von Dominanz anzuerkennen. Gerade diese sollten auch auf vermeintliche Errungenschaften bezogen werden. Denn das würde selbst im Rahmen der Versuche, postkoloniale Kritik auf deutsche Verhältnisse anzuwenden, zu selten geschehen. Aber was ist überhaupt unter Postkolonialismus zu verstehen? Ähnlich wie beim Begriff der Postmoderne bietet sich hier sowohl eine zeitdiagnostische als auch eine theoretische Auffassung an. Postkolonial wären dann einerseits jene Gesellschaften, die als ehemalige Kolonie oder Kolonialmacht mit den Spätfolgen kolonialer Herrschaft zu tun haben. Postkoloniale Theorien sind zum anderen aber auch mit Namen wie Edward Said, Gayatri C. Spivak oder Homi K. Bhabha verbundene Denkrichtungen, die – mit poststrukturalistischen und dekonstruktivistischen Ansätzen – Wissens- und Wahrheitsproduktionen thematisieren. Beide Bereiche überschneiden sich insofern, als die „Konstruktion des Anderen als `konstitutives Außen´ für die Produktion des imperialen Projektes Europa“ (9) einen zentralen Stellenwert einnimmt. Ohne die konstruierte Unterlegenheit der oder des Anderen gibt es keine eigene Überlegenheit. Hergestellt wird diese Hierarchie zunächst über Sprache, also wie über Anderes gesprochen, geforscht, berichtet wird, woraufhin sich aber ganz handfeste materielle Effekte zeitigen, mit denen die als anders Kategorisierten damals wie heute zu leben und unter denen sie zu leiden haben.

Der Band zeichnet zum einen die theoretische Entwicklung des postkolonialen Kritik nach. In Deutschland wurde sie einerseits, wie Gutiérrez Rodríguez zeigt, im akademischen Bereich als vor allem literaturwissenschaftlich geprägter, angloamerikanischer Export, zum anderen in feministischen Diskursen von Migrantinnen angesichts von Rassismuserfahrungen in Deutschland aufgegriffen. (18) An letzteren knüpfen auch die meisten Aufsätze des Sammelbandes an. Kien Nghi Ha arbeitet die kolonialen Muster der deutschen Arbeitsmigration auf, und zeigt, wie auch die Wissenschaft als Gastarbeiterforschung oder Ausländerpädagogik an der Ausklammerung der deutschen Kolonialgeschichte mitgewirkt hat. Mit einer Politik, die das Primat deutscher Interessen im Umgangs mit allen „AusländerInnen“ zum Ausgangspunkt hat, konnten sich so koloniale Strukturen und Diskurse tradieren, die auch heute noch die gesellschaftliche Wirklichkeit durchdringen. Beispiele dafür sind die durchaus nicht wenig verbreite Ansicht des bayrischen Innenministers, Deutschland brauche mehr Ausländer, die nützlich sind und weniger, die nichts nutzen. Oder Schröders Diktum, wer sein „Gastrecht“ missbrauche, müsse verschwinden, aber schnell. Das Staatsbügerschaftsrecht aus Zeiten, in denen Schwarze noch in deutschen Zoos zu besichtigen waren (1913), im Verbund mit Alltagsrassismen machen eine Situation aus, die durch ethnische Diskriminierungen geprägt ist. Ha sieht darin den „Ausdruck eines fundamentalen Demokratiedefizits“ (91). Dass diese gewaltförmigen Auswirkungen von Migrationspolitik auch im postkolonialen Diskurs oft zu kurz kommen, kritisieren vor allem Gutiérrez Rodríguez und Steyerl. Während einige VertreterInnen der postkolonialen Theorie die Möglichkeiten feiern, die in einer Politik der Differenz bestünden, analysiert Steyerl diese Politiken im Kontext von Biopolitik. Das an Foucault angelehnte Konzept der Biopolitik fragt nach der Kontrolle und der Regulierung von Lebensprozessen. Steyerl schildert die deutsche Bevölkerungspolitik als „biopolitisches Experimentierfeld“ (47) mit verschiedenen Kontinuitäten und Brüchen. Wie Differenzen wahrgenommen und produziert würden, sei ganz in biopolitische Formen der Herrschaft verstrickt. So auch die postkolonialen Theorie, die gerade auch im Hinblick auf die deutsche Geschichte ohne eine Analyse von Biomacht nicht auskomme.

Trotz all der diagnostizierten Eingebundenheit stellt aber auch dieser Band Fragen nach möglichem Widerstand. Wenn Rassismus vor allem als „diskursives Regime“ (Ferreira) (161) begriffen wird, das die Differenz der/des Anderen erst herstellt, lassen sich auch diskursive Strategien denken, die antirassistisch sind. In einigen Beiträgen werden so anhand von qualitativen Interviews Umcodierungen, gegenläufige Übersetzungen und eigene Markierungen als widerständige Praktiken diskutiert. Allzu optimistisch klingt es dabei allerdings manchmal – im Beitrag von Shirley Tate z.B. –, wie leicht hier Blicke verweigert und Identitäten verschoben werden können. Selbst wenn hin und wieder die Aneignung von Begriffen funktioniert, wie Annette Seidel-Apaci am Beispiel von „Kanak“ zeigt, und mehr als nur ein Widerstand gegen eine entwürdigende Anrede ist (208): Die noch von Steyerl und Ha betonte Gewaltförmigkeit ethnischer Einordnung gerät dabei aus dem Blick.
Auch die Besprechung künstlerischer Praktiken (Cathy S. Gebin) am Beispiel der Arbeiten Tanya Uris oder die Analyse des Karnevals in Trinidad (Patricia Alleyne-Dettmers) bleiben der symbolischen Ebene verhaftet. Letztere hat zudem auch erstaunlich nicht erstaunlich wenig zu der Titelfrage des Bandes beizutragen, ob die Subalterne nun deutsch spreche. Diese Frage – und was wäre wenn – ist bislang kaum gestellt worden. Im Jahr des Afrika-Besuches des deutschen Bundeskanzlers und der anhaltenden Diskussion um die weitere Beschneidung der Gesetzesvorlage zum Zuwanderungsgesetz ist das Buch allein deshalb schon eine wichtiger Beitrag.

Über den ersten deutschen Kolonialismus würde so wenig geredet, hatte Diedrich Diederichsen einmal geschrieben, weil der zweite seine Sache gründlich gemacht habe. Von den Subjekten, die die koloniale Erfahrung hätten thematisieren können, waren nicht mehr viele übrig geblieben. Obschon es immer die als Anderen Kategorisierte gab, sind sie als sprechende Subjekte nach wie vor politisch, sozial und symbolisch marginalisiert. Mindestens solange die Ausgeschlossenen als Andere behandelt und weiter ausgeschlossen werden, sollte die Debatte um die Nation unter emanzipatorischen Vorzeichen also völlig indiskutabel bleiben.

 

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Einführung in das feministische Denken Judith Butlers


Von Kathrina Feichtinger

Einführung in das feministische Denken Judith Butlers

Nach ihrem traditionellen Selbstverständnis ist die Philosophie wohl diejenige Disziplin, die sich am nachhaltigsten der Frage der Geschlechterdifferzenz entzieht.1

Auf der einen Seite kommt nur der Mensch vor, mit dem sich der Mann und er allein identifiziert; in den Bestimmungen des Menschen hat der Unterschied der Geschlechter keinen Ort. Auf der anderen Seite kommt zwar das Geschlecht und die Geschlechterrelation vor, aber der Mann lässt sich auf diese Relation gar nicht ein, er begibt sich in kein Verhältnis zur Frau, während diese umgekehrt vollständig und ausschließlich mit dem Geschlechterverhältnis identifiziert wird. Der Mann ist also Mensch ohne Relation zum Menschen, die Frau ist Relation ohne Anteil am Menschsein. (Klinger 1995, 37)

These:

Die Dualität der Geschlechter (sex) wird in einem vordiskursives Feld verortet (z.B. Biologie) und als natürlich ausgegeben, der binäre heterosexistische Rahmen des Geschlechts sichert ihre innere Stabilität.

Daraus ergibt sich die Frage:

Wie müssen wir dann die “Geschlechtsidentität” reformulieren, damit sie auch jene Machtverhältnisse umfaßt, die den Effekt eines vordiskursiven Geschlechts (sex) hervorbringen und dabei diesen Vorgang der diskursiven Produktion selbst verschleiern?2

Begriffsdefinition sex / gender:

Im Zuge der feministischen Kritik an Gesellschaft und Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern ist es zu einer Trennung von biologischem Geschlecht (sex) und sozial konstruierten Geschlechterrollen (gender) gekommen. Durch diese Trennung soll die Normierung der Rollenzuschreibung (vor allem für Frauen) sichtbar gemacht und aufgezeigt werden, dass Frau-Sein kein “gottgegebenes Schicksal” ist.

Seit der 2. Frauenbewegung in den 70er Jahren gilt es für feministische Theoretikerinnen als gegeben, dass man nicht als Frau geboren wird, sondern zu einer gemacht wird (Simone de Beauvoir), dass also normative Geschlechterrollen Konstruktionen darstellen, die zur Aufrechterhaltung der Machtverhältnisse dienen. Allerdings hat kaum eine Theoretikerin die vordiskursive Gegebenheit von biologische Geschlecht (sex) bezweifelt. Es war stillschweigende Voraussetzung, dass alles auf der Zweigeschlechtlichkeit von Frauen und Männern basiert und außerhalb dieser Dualität nichts existiert.

Butlers dekonstruktivistische Kritik am traditionellen Feminismus

Judith Butler hat 1990 mit ihrem Buch Gender Trouble die Diskussion zu sex und gender neu eröffnet, indem sie ein vordiskursives biologische Geschlecht in Frage stellt. Ihre Leitfrage lautet, was wenn auch sex konstruiert ist und es tatsächlich kein “Original” gibt?:

Ja, möglicherweise ist das Geschlecht (sex) immer schon Geschlechtsidentität (gender) gewesen, so daß sich herausstellt, daß die Unterscheidung zwischen Geschlecht und Geschlechtsidentität letztlich gar keine Unterscheidung ist. (Butler 1991, 24)

Butler versucht, den Strukturen von sex, gender und Zwangsheterosexualität in einer dekonstruktiven Weise nachzugehen. Der Dreh- und Angelpunkt in Butlers Theorie ist der Zusammenhang von Sexualität und Geschlechtszugehörigkeit, denn die diskursive Normierung von Geschlechtsidentiät entsteht nicht allein durch die Unterscheidung von Frau/Mann. Für sie ist diese Unterscheidung unlösbar verknüpft mit der heterosexuellen Normierung von Begehren. Dies stellt eine Machtformation dar, ein Bündnis zwischen dem System der Zwangsheterosexualität und den diskursiven Kategorien, die die Identitätskonzepte von Frau/Mann begründen. Ihr Augenmerk gilt denen die außerhalb dieser Normen angesiedelt sind: Menschen, die geschlechtlich nicht klar einzuordnen sind, deren Begehren nicht in heterosexuellen Bahnen verläuft, die nicht mit dem Geschlecht, das ihnen körperlich zugeschrieben wird, leben wollen. Das bedeutet, dass sich auch der Fokus von Macht und Herrschaft von Männern über Frauen verschiebt auf all jene, die durch die Normierung von Geschlecht ausgeschlossen werden.

Butler führt ihre Analyse bis zu Punkten, wo der Zusammenhang von sex, gender, sexueller Praxis und Begehren gesprengt wird:

Wenn wir jedoch den kulturell bedingten Status der Geschlechtsidentität als radikal unabhängig vom anatomischen Geschlecht denken, wird die Geschlechtsidentität selbst zu einem freischwebenden Artefakt. Die Begriffe Mann und männlich können dann ebenso einfach einen männlichen und einen weiblichen Körper bezeichnen wie umgekehrt die Kategorien Frau und weiblich. (Butler 1991, 23)

Hinter den Äußerungen der Geschlechtsidentität (gender) liegt keine geschlechtlich bestimmte Identität (gender identity). Vielmehr wird diese Identität gerade performativ durch diese “Äußerungen” konstituiert, die angeblich das Resultat sind. (Butler 1991, 49)

Damit betont sie den grundsätzlich performativen und phantasmatischen Charakter von gender und gender identity. Die Wirklichkeit von Geschlecht wird im Zuge der performativen Wiederholung, im Zitieren dieser Normen erzeugt. Zu beachten gilt es bei der Performativität noch, dass Geschlecht zwar performativ ist, dieser Zustand aber nicht frei gewählt werden kann. Vielmehr entsteht der performative Charakter durch den Zwang regulierender Normen.

Diese Normen stellen ein Ideal dar, das nie erreicht werden kann, daher gehören Variationen dieser Normen zum modus vivendi Geschlechtsidentität. Der phantasmatische Charakter des Geschlechts kommt gerade durch die subversiven Wiederholungen und Verschiebungen der Konnotation von Weiblichkeit und Männlichkeit zum Vorschein. Dabei meint Butler Formen von Geschlechterparodie, Praktiken der Travestie, des Cross-Dressings und die Stilisierung sexueller Identitäten, wie sie in der schwul-lesbischen, queeren und transgender Kultur entstehen. Es geht aber nicht um die Imitation “echter” Männer und Frauen, sondern um die Parodie des Begriffs des Originals als solches. (vgl. Butler 1991, 190-207)

Das bedeutet, die Parodie braucht kein Original, die Imitation existiert ohne Original und durch die fortwährende Verschiebung wird der Mythos der Ursprünglichkeit aufgedeckt. So zeigt sich auch, dass Geschlechtsidentität eine Konstruktion ist, die ihren Ursprung immer wieder verschleiert. Dadurch dass Abweichungen von den Normen “bestraft” werden, kann die Konstruktion aufrecht erhalten werden. Wenn Geschlechtsidentität performativ ist und nicht expressiv, dann gibt es keine vordiskursive Identität:

Es gibt dann weder wahre noch falsche, weder wirkliche noch verzerrte Akte der Geschlechtsidentität, und das Postulat einer wahren geschlechtlich bestimmten Identität enthüllt sich als regulierende Fiktion. (Butler 1991, 208)

Geschlechtsidentitäten sind also weder wahr noch falsch, aber durch ihre TrägerInnen können sie unglaubwürdig gemacht werden.

Politik

Für eine feministische Politik bedeutet die Dekonstruktion der Identität nicht, dass alles was bisher gegolten hat, ad absurdum geführt wird. Es bedeutet vielmehr, dass der Rahmen, in dem feministische Politik stattfindet, neu definiert werden soll. Anders gesagt, jedes “wir” ist eine Konstruktion, also auch die des Feminismus. Bisher würde das feministische “wir” über die Identität Frau konstruiert, nach Butlers Analyse ist es jetzt an der Zeit, dieses “wir” zu hinterfragen und andere Handlungstrategien zu entwickeln. Denn ihre These besagt auch, dass nicht zuerst eine Identität existieren muss, um politisch Handeln zu können. Butler sieht die Handlungsmöglichkeiten in der subversiven Wiederholung und betrachtet die Konstruktion als Bühne, auf der feministisches, politisches Handeln möglich wird.

Der Anspruch an den Feminismus besteht also darin, diese Bühne zu nutzen und von ihr aus zu agieren, Verschiebungen initiieren, die Binarität der Geschlechter stören und aufbrechen und die immer wieder ihre Unnatürlichkeit aufzeigen.

1 Klinger, Cornelia: “Beredtes Schweigen und verschwiegenes Sprechen: Genus im Diskurs der Philosophie”, in: Hadumod Bußmann / Renate Hof (Hg.): Genus. Zur Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften. Stuttgart: Kröner 1995, 34-59, hier 35.

2 Butler, Judith: Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity. New York: Routledge 1990. dt.: Das Unbehagen der Geschlechter. Übers. v. Katharina Menke. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, 24.

 

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Neither Intellectualism Nor Stupidity


 

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Patriotismus: Eine Bedrohung der Freiheit


Im Original von Emma Goldman, ins Deutsche übersetzt von ?

Was ist Patriotismus?

Ist es die Liebe zum Ort unserer Geburt, zum Hort von Kindheitserinnerungen und Hoffnungen, Sehnsüchten und Träumen? Ist es die Stelle, an der wir so oft in kindlicher Naivität den ziehenden Wolken zusahen und uns wunderten, warum es nicht auch uns gegeben war, so rasch dahinzu-schweben?

Ist es der Ort, an dem wir standen und die Milliarden glitzernder Sterne zählten, angstgelähmt bei dem Gedanken, jeder einzelne “könnte ein Auge sein”, das bis in die tiefsten Tiefen unserer kleinen Seelen vorzudringen vermöchte?

Ist es der Platz, an dem wir der Musik des Vogelsangs lauschten und wünschten, Schwingen zu haben, um, genau wie sie, in ferne Länder fliegen zu können? Oder ist es der Ort, an dem wir, auf Mutters Knien sitzend, hingerissen waren von wundervollen Geschichten über große Taten und Siege? Kurz gesagt, ist es die Liebe zu jenem Fleckchen Erde, das in jedem Zentimeter Boden uns liebe und teure Erinnerungen an eine glückliche und verspielte Kindheit birgt?

Wenn das Patriotismus wäre, könnten nur wenige Amerikaner heute patriotisch genannt werden, da ihr Spielplatz in eine Fabrik, eine Spinnerei oder ein Bergwerk verwandelt wurde, während der betäubende Lärm von Maschinen den Gesang der Vögel ersetzt hat. Auch können wir nicht länger den Geschichten großer Taten lauschen, da unsere Mütter uns heute nur Geschichten der Tränen, der Trauer und des Schmerzes zu erzählen wissen. Was ist dann aber Patriotismus? “Patriotismus, mein Herr, ist die letzte Zuflucht der Schufte”, sagte Dr. Johnson.

Leo Tolstoi, der größte Gegner des Patriotismus unserer Zeit, definiert ihn als das Prinzip, das die Ausbildung für den Mord auf breiter Basis zu rechtfertigen erlaubt; ein Handwerk, das bessere Ausrüstung zum Mord erfordert als zur Herstellung der Lebensnotwendigkeiten wie Schuhe, Bekleidung und Häuser; ein Handwerk, das bessere Entlohnung und größeren Ruhm garantiert als den, den der gewöhnliche Arbeiter erhält.

Gustav Herve, ein weiterer großer Gegner des Patriotismus, nennt ihn zurecht einen Aberglauben – einen, der schädlicher, brutaler und inhumaner ist als die Religion. Der religiöse Aberglaube hatte seinen Ursprung in der Unfähigkeit des Menschen, die Phänomene der Natur zu erklären. D. h., als der Primitive den Donnerschlag hörte oder den Blitz sah, konnte er sich weder den einen noch den anderen erklären und schloß daher, daß hinter ihnen eine Macht stehen müsse, die größer war als er selbst. Ähnlich vermutete er im Regen und in den anderen Naturvorgängen eine übernatürliche Macht. Patriotismus hingegen ist ein künstlich geschaffener Aberglaube, der durch ein Netzwerk der Lügen und Falschheiten am Leben erhalten wird; ein Aberglaube, der den Menschen seiner Selbstachtung und Würde beraubt und seine Arroganz und Überheblichkeit fördert. In der Tat sind Ubernatürlichkeit, Arroganz und Egoismus die wesentlichsten Zutaten des Patriotismus. Lassen Sie mich das illustrieren.

Der Patriotismus nimmt an, daß die Erde aufgeteilt ist in lauter kleine Fleckchen, von denen jedes umgeben ist von einem eisernen Gitter. Jene, die das Glück hatten, auf einem bestimmten Fleckchen geboren zu werden, erachten sich als besser, edler, großartiger und intelligenter als all jene Lebewesen, die andere Fleckchen bewohnen. Es ist daher die Pflicht jedes einzelnen, der ein solch auserwähltes Fleckchen bewohnt, zu kämpfen, zu töten und zu sterben bei dem Versuch, allen anderen seine Überlegenheit aufzuzwingen.

Die Bewohner der anderen Fleckdien argumentieren natürlich in der gleichen Weise, mit dem Ergebnis, daß das Bewußtsein der Menschen von frühester Kindheit an durch blutrünstige Geschichten über die Deutschen, die Franzosen, die Italiener, die Russen usw. vergiftet wird. Wenn das Kind zum Manne herangereift ist, ist er gründlich durchtränkt von dem Glauben, daß Gott selbst ihn auserwählt habe, sein Vaterland gegen Angriff und Invasion aller daran interessierten Ausländer zu verteidigen. Nur aus diesem Grunde verlangen wir so stürmisch nach einer größeren Armee und Marine, nach mehr Kriegsschiffen und Waffen. Nur aus diesem Grunde hat Amerika innerhalb einer kurzen Zeit 400 Millionen Dollar ausgegeben.

Denken Sie einen Augenblick darüber nach – 400 Millionen Dollar, die dem Besitz des Volkes genommen wurden. Denn die Reichen leisten sicher keinen Beitrag zum Patriotismus. Sie sind Kosmopoliten, die sich in jedem Lande zu Hause fühlen. Wir in Amerika kennen diese Wahrheit nur zu gut. Sind unsere reichen Amerikaner nicht in Frankreich Franzosen, in Deutschland Deutsche und in England Engländer? Und verschwenden sie nicht mit kosmopolitischer Grandezza Münzen, die von amerikanischen Kindern der Fabriken und Sklaven der Baumwollproduktion geprägt wurden? Ja, zu ihnen paßt ein Patriotismus, der ihnen gestattet, Beileidsschreiben an einen Tyrannen wie den russischen Zaren zu schicken, sobald ihm irgendein Unglück widerfährt, so wie es Präsident Roosevelt im Namen seines Volkes zu tun gefiel, als Sergius von den russischen Revolutionären bestraft wurde. Es ist ein Patriotismus, der dem Prototyp eines Mörders, Diaz, beisteht bei der Vernichtung Tausender von Leben in Mexiko oder gar hilft, mexikanische Revolutionäre auf amerikanischem Boden zu verhaften und sie, ohne den geringsten vernünftigen Grund, in amerikanischen Gefängnissen eingesperrt zu halten.

Aber darüber hinaus ist Patriotismus gar nicht gedacht für jene, die Macht und Reichtum repräsentieren. Er ist gut genug fürs Volk. Er erinnert an die historische Weisheit Friedrichs des Großen, des Busenfreundes Voltaires, der sagte: “Die Religion ist ein Betrug, der um der Massen willen aufrechterhalten werden muß.” Daß der Patriotismus eine ziemlich kostspielige Institution ist, wird niemand zu bezweifeln wagen nach Einsichtnahme in folgende Statistiken. Das progressive Wachstum der Ausgaben für die führenden Armeen und Flotten der Welt während des letzten Vierteljahrhunderts ist ein so gravierendes Faktum, daß es jeden verantwortungsbewußt ökonomische Probleme Studierenden, erschrecken muß …

Die schreckliche Verschwendung, die der Patriotismus notwendig macht, sollte genügen, selbst einen Mann von durchschnittlicher Intelligenz von dieser Krankheit zu heilen. Das Volk wird gezwungen, patriotisch zu sein, und für diesen Luxus bezahlt es nicht nur durch Unterstützung seiner “Verteidiger”, sondern auch noch durch Opferung seiner Kinder. Patriotismus verlangt Treue zur Fahne, und das bedeutet Gehorsam und Bereitschaft zur Tötung von Vater, Mutter, Bruder, Schwester …

Nehmen wir unseren eigenen spanisch-amerikanischen Krieg, der angeblich ein großes und patriotisches Ereignis in der Geschichte der Vereinigten Staaten darstellt. Wie brannten unsere Herzen doch vor Empörung über die grausamen Spanier! Richtig, unsere Empörung entbrannte nicht spontan. Sie war genährt worden durch monatelange Agitation in den Zeitungen, lange nachdem Weyler viele edle kubanische Männer hingeschlachtet und viele kubanische Frauen geschändet hatte. Doch um der amerikanischen Nation Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß gesagt werden, daß sie sich empörte und bereit war zu kämpfen, und daß sie tapfer kämpfte. Aber als sich der Rauch verzog, die Toten begraben waren und die Kosten des Krieges in Gestalt einer Verteuerung der Lebensmittel und der Mieten auf das Volk zurückfielen – d. h., als wir ernüchtert aus unserem patriotischen Zechgelage erwachten – dämmerte uns, daß die Ursache des spanisch-amerikanischen Krieges in einer Betrachtung über den Zuckerpreis zu suchen war; oder, um es deutlicher zu sagen, daß die Leben, das Blut und das Geld amerikanischer Menschen benutzt worden waren, die Interessen der amerikanischen Kapitalisten zu schützen, die durch die spanische Regierung bedroht waren.

Daß dies keine Übertreibung ist, sondern sich auf absolute Zahlen und Daten gründet, läßt sich am besten durch die Haltung der amerikanischen Regierung den kubanischen Arbeitern gegenüber beweisen. Als sich Kuba fest in den Klauen der Vereinigten Staaten befand, wurde den Soldaten, die man zur Befreiung Kubas schickte, während des großen Tabakarbeiterstreikes, der kurz nach Kriegsende stattfand, befohlen, kubanische Arbeiter zu erschießen.

Auch stehen wir nicht allein da in der Führung von Kriegen um solcher Gründe willen. Der Vorhang, der über den Motiven des schrecklichen russisch-japanischen Krieges hing, der so viel Blut und Tränen kostete, beginnt sich allmählich zu lüften. Und wieder erkennen wir, daß hinter dem fürchterlichen Moloch des Krieges, der noch fürchterlichere Gott des kapitalistischen Handels steht. Kuropatkin, der russische Kriegsminister zur Zeit der russisch-japanischen Kämpfe, hat das Geheimnis verraten, das sich hinter ihnen verbarg. Der Zar und seine Großen hatten in koreanischen Niederlassungen Geld investiert, und der Krieg wurde vom Zaune gebrochen um des einzigen Grundes der raschen Akkumulation willen.

Die Behauptung, daß eine stehende Armee und eine Flotte die beste Garantie für den Frieden sind, ist ebenso logisch wie die Annahme, der friedfertigste aller Bürger sei jener, der schwer bewaffnet herumläuft. Die Erfahrung des täglichen Lebens beweist zur Genüge, daß das bewaffnete Individuum beständig darauf aus ist, seine Stärke zu erproben. Dasselbe gilt historisch gesprochen für Regierungen. Wirklich friedliche Länder verschwenden nicht Leben und Energie auf die Vorbereitung von Kriegen und das Ergebnis ist, daß der Friede erhalten bleibt.

Der Ruf nach einer größeren Armee und Flotte resultiert jedoch nicht aus irgendeiner äußeren Gefahr. Er hat seine Ursache in der wachsenden Unzufriedenheit der Massen und dem Geiste des Internationalismus unter den Arbeitern. Um dem inneren Feind zu begegnen, rüsten sich die Mächte verschiedener Länder, einem Feinde, der, wenn er erst einmal zu Bewußtsein erwacht ist, sich als gefährlicher erweisen wird als jeder fremde Angreifer. Die Mächte, die jahrhundertelang damit beschäftigt waren, die Massen zu versklaven, haben deren Psychologie aufs genaueste studiert.

Sie wissen, daß die Masse der Menschen wie Kinder ist, deren Verzweiflung, Trauer und Tränen durch ein kleines Spielzeug in Freude verwandelt werden können. Und je prächtiger das Spielzeug aussieht, je schreiender die Farben, desto eher wird es dem millionen-köpfigen Kinde gefallen.

Eine Armee und eine Marine stellen das Spielzeug des Volkes dar. Um es anziehender und akzeptabler zu machen, werden Hunderte und Tausende von Dollars ausgegeben für die äußere Pracht dieses Spielzeugs. Das war die Absicht, mit der die amerikanische Regierung eine Flotte ausrüstete und sie die Pazifikküste entlangschickte, so daß jeder amerikanische Bürger den Stolz und die Glorie der Vereinigten Staaten zu fühlen bekommen sollte. Die Stadt San Franzisco gab 100 000 Dollar aus für die Unterhaltung der Flotte; Los Angeles 60 000; Seattle und Tacoma etwa 100 000. Sagte ich, die Flotte zu unterhalten? Um einigen wenigen höheren Offizieren weinreiche Diners zu servieren, während die “braven Jungen” meutern mußten, um ausreichende Mahlzeiten zu erhalten. Ja, 260 000 Dollar wurden für Feuerwerke, Theaterparties und Lustbarkeiten ausgegeben zu einer Zeit, da Männer, Frauen und Kinder weit und breit im ganzen Land Hungers starten; als Tausende von Arbeitslosen bereit waren, ihre Arbeitskraft zu jedem Preis zu verkaufen.

260 000 Dollar! Was hätte nicht alles mit einer solch ungeheuren Summe erreicht werden können? Aber anstatt Brot und Wohnung zu erhalten, wurde den Kindern jener Städte die Flotte vorgeführt, damit sie “eine bleibende Erinnerung für das Kind” bilde, wie eine der Zeitungen es ausdrückte. Eine wunderbare Sache für die Erinnerung, nicht wahr? Das Werkzeug zivilisierter Menschenschlächterei. Wenn das Bewußtsein des Kindes durch solche Erinnerungen vergiftet wird, welche Hoffnung kann es dann geben für eine wahre Realisierung menschlicher Brüderlichkeit?

Wir Amerikaner behaupten, ein friedliebendes Volk zu sein. Wir hassen Blutvergießen; wir sind Gegner der Gewalt. Doch wir schäumen über vor Freude über die Möglichkeit, Bomben aus Flugzeugen auf hilflose Zivilisten werfen zu können. Wir sind bereit, jeden zu hängen, auf den elektrischen Stuhl zu schicken oder zu lynchen, der, aus Ökonomischer Notwendigkeit heraus, sein eigenes Leben wagt bei dem Versuch eines Attentats auf einen Industriekapitän. Doch unsere Herzen schwellen vor Stolz bei dem Gedanken, daß Amerika sich zur mächtigsten Nation der Erde auswächst, und daß es im Laufe der Zeit seinen eisernen Fuß auf den Nacken aller anderen Nationen setzen wird. Das ist die Logik des Patriotismus.

Betrachtet man die üblen Resultate, die der Patriotismus für den Durchschnittsbürger mit sich bringt, so ist das noch gar nichts im Vergleich mit der Beschimpfung und dem Schaden, die der Patriotismus dem Soldaten selbst auflädt – jenem armen, verführten Opfer des Aberglaubens und der Unwissenheit. Für ihn, für den Retter seines Landes, den Beschützer seiner Nation – was hat denn der Patriotismus für ihn in petto? Ein Leben der sklavischen Unterwürfigkeit, des Lasters, der Perversion in Friedenszeiten; ein Leben der Gefahr, des Ausgeliefertseins und des Todes in Kriegszeiten …

Denkende Männer und Frauen auf der ganzen Welt beginnen zu verstehen, daß der Patriotismus eine zu enge und begrenzte Konzeption ist, um den Notwendigkeiten unseres Zeitalters zu begegnen. Die Zentralisation der Gewalt hat ein internationales Gefühl der Soldidarität unter den Unterdrückten der Nationen dieser “Welt entstehen lassen; eine Solidarität, die eine größere Interessenharmonie zwischen dem Arbeiter in Amerika und seinen Brüdern im Auslande aufweist als zwischen dem amerikanischen Bergarbeiter und seinem ausbeutenden Landsmann; eine Solidarität, die fremde Invasion nicht fürchtet, weil sie alle Arbeiter dahin bringen wird, zu ihren Herren zu sagen: “Geht und vollbringt das Geschäft des Tötens selbst. Wir haben es lange genug für euch getan.”

Diese Solidarität weckt sogar das Bewußtsein der Soldaten, die auch Fleisch vom Fleische der großen menschlichen Familie sind. Eine Solidarität, die sich mehr als einmal als unerschütterlich erwiesen hat in vergangenen Kämpfen, und die während der Kommune von 1871 für die Pariser Soldaten den Anstoß gab, den Gehorsam zu verweigern, als man ihnen befahl, ihre Brüder zu erschießen. Sie hat den Männern Mut gemacht, die in jüngster Vergangenheit auf russischen Kriegsschiffen meuterten. Sie wird allmählich den Aufstand aller Unterdrückten und Getretenen gegen ihre internationalen Ausbeuter auslösen. Das Proletariat Europas hat die große Kraft der Solidarität realisiert und folglich einen Krieg gegen den Patriotismus und sein blutiges Gespenst, den Militarismus, begonnen. Tausende von Männern füllen die Gefängnisse von Frankreich, Deutschland, Rußland und den skandinavischen Ländern, weil sie es wagten, dem alten Aberglauben zu trotzen. Auch ist die Bewegung nicht auf die Arbeiterklasse beschränkt; sie umfaßt Repräsentanten aller Gesellschaftsschichten und ihre bedeutendsten Vertreter sind Künstler, Wissenschaftler und Schriftsteller. Amerika wird sich anschließen müssen. Der Geist des Militarismus durchdringt bereits alle Gebiete des Lebens. Ich bin in der Tat davon überzeugt, daß der Militarismus sich hier zu einer größeren Gefahr auswächst als irgendwo anders, da der Kapitalismus hier jenen, die er zu zerstören wünscht, so viele Bestechungsgeschenke anzubieten weiß.

Es beginnt schon in den Schulen. Offensichtlich hält es die Regierung mit der jesuitischen Devise: “Gib mir das Bewußtsein des Kindes und ich werde den Mann formen.” Kinder werden in militärischer Taktik geübt, der Ruhm militärischer Siege stundenplanmäßig besungen und das kindliche Bewußtsein pervertiert, um der Regierung zu gefallen.

Außerdem wird die Jugend durch leuchtende Plakate verlockt, zur Armee oder zur Marine zu gehen. “Eine wunderbare Chance, die Welt zu sehen!” rufen die Marktschreier der Regierung. So werden unschuldige Knaben moralisch aufgerüstet für den Patriotismus und der militärische Moloch schreitet erobernd durch die Nation. Der amerikanische Arbeiter hat so sehr unter dem Soldaten des Staates und des Bundes gelitten, daß er völlig gerechtfertigt ist in seiner Abscheu vor und seiner Opposition gegen den uniformierten Parasiten. Bloße Denunziation wird dies große Problem allerdings nicht lösen. Was wir benötigen, ist eine Erziehungspropaganda für den Soldaten: anti-patriotische Literatur, die ihn über die wahren Schrecken seines Handwerks aufklärt, und die ein Bewußtsein seiner wahren Beziehung zum Arbeiter weckt, dessen Arbeit er seine Existenzgrundlage verdankt. Und genau das fürchten die Autoritäten am meisten. Es ist schon Hochverrat, wenn ein Soldat an einer Versammlung Radikaler teilnimmt. Zweifelsohne werden sie es auch als Hochverrat abstempeln, wenn ein Soldat ein radikales Pamphlet liest. Aber hat nicht Autorität von undenklichen Zeiten an jeden Schritt nach vorn als Verrat gebrandmarkt? Jene jedoch, die ernsthaft nach sozialer Rekonstruktion trachten, können es sich sehr wohl leisten, all dem entgegenzutreten; denn es ist wahrscheinlich sogar wichtiger, die Wahrheit zu den Soldaten in die Baracken zu tra gen, als zu den Arbeitern in die Fabriken. Wenn wir erst einmal die patriotische Lüge untergraben haben, wird schnell der Weg bereinigt und bereitet sein für die großartige Konstruktion, in der alle Nationalitäten vereinigt sein werden in einer universalen Brüderschaft – einer wahrhaft FREIEN GESELLSCHAFT.

 

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Arbeit: Raub des Lebens


Von Wolfi Landstreicher, aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt von die Eule (dieeule a-im-kreis riseup punkt net)

„Was ist der Bombenanschlag auf einen Richter, die Entführung eines Industriellen, das Hängen eines Politikers, das Erschiessen eines Polizisten, das Plündern eines Supermarktes, die Brandstiftung am Büro eines Bevollmächtigten, die Steinigung eines Journalisten, das Erpressen eines Intellektuellen, das Plündern eines Künstlers angesichts der tödlichen Entfremdung unserer Existenz, dem viel zu frühen Lärm des Weckers, dem Verkehrsstau auf der Schnellstrasse, den aneinandergereihten Gütern auf den Regalen?“

Der Wecker unterbricht deinen Schlaf erneut – wie immer viel zu früh. Du schleppst dich von deinem warmen Bett zum Badezimmer, um eine Dusche zu nehmen, dich zu rasieren und zu kacken, dann rennst du zur Küche runter, wo du Pasteten machst oder, wenn du Zeit hast, ein bisschen Toast mit Eiern und einer Tasse Kaffee. Dann eilst du zur Tür raus, um gegen den Verkehrsstau oder die vielen Menschen in der Metro anzukämpfen, bis du endlich ankommst… bei deiner Arbeit, wo du deinen Tag mit Aufgaben verbringst, die du dir nicht selbst ausgesucht hast, in aufgezwungener Gemeinschaft mit anderen, die mit damit zusammenhängenden Aufgaben beschäftigt sind, da ist die fortwährende Reproduktion der sozialen Beziehungen das wichtigste Ziel, was dich dazu zwingt, auf diese Art und Weise zu überleben.

Aber das ist nicht alles. Als Ausgleich erhältst du einen Lohn, eine Summe von Geld, die du (nach Bezahlen der Miete und der Rechnungen) in die Einkaufszentren tragen musst, um Nahrung, Kleider, verschiedene Notwendigkeiten und Unterhaltungswaren zu kaufen. Obwohl dies als deine „freie Zeit“ angesehen wird, ist auch sie eine obligatorische Aktivität, welche dein Überleben nur sekundär garantiert, sein primärer Grund ist wiederum die Reproduktion der sozialen Ordnung. Und für die meisten Menschen sind von diesen Zwängen freie Momente immer seltener.

Nach der herrschenden Ideologie dieser Gesellschaft ist diese Existenz das Resultat eines sozialen Vertrages zwischen Gleichen – gleich vor dem herrschenden Gesetz. Der /die ArbeiterIn, heisst es, ist damit einverstanden, seine/ihre Arbeit dem/der ChefIn für ein gegenseitiges Einverständnis über den Lohn zu verkaufen. Aber kann ein solcher Vertrag als frei und gleich angesehen werden, wenn die eine Seite die ganze Macht in Händen hält?

Wenn wir diesen Vertrag etwas genauer betrachten, wird es klar, dass es überhaupt kein Vertrag ist, sondern die extremste und gewalttätigste Erpressung. Am offensichtlichsten tritt dies am Rande der kapitalistischen Gesellschaft auf, wo Menschen, die für Jahrhunderte (oder, in einigen Fällen, Jahrtausende) nach eigenen Bedingungen gelebt haben, plötzlich ihre Möglichkeiten zur Selbstbestimmung ihrer Lebensbedingungen vernichtet, und dies als das Werk von Bulldozern, Kettensägen, Bergbaumaschinen etc. der Herrschenden dieser Welt. Aber es ist ein Prozess, der sich über Jahrhunderte erstreckte, von offensichtlichem und grossflächigem Raub von Land und Leben, der durch die herrschende Klasse erzwungen und ausgeführt wurde. Der Mittel beraubt, ihre Lebensbedingungen selbst zu bestimmen, kann nicht mehr ernsthaft behauptet werden, dass die Ausgebeuteten frei und gleich mit ihren AusbeuterInnen Verträge abschliessen können. Es ist ein klarer Fall von Erpressung.

Und was sind die Bedingungen dieser Erpressung? Die Ausgebeuteten werden gezwungen, Zeit ihres Lebens an ihre AusbeuterInnen im Austausch für das Überleben zu verkaufen. Und dies ist die wirkliche Tragödie der Arbeit. Die soziale Ordnung der Arbeit gründet auf dem auferlegten Gegensatz von Leben und Überleben. Die Frage, wie jemand überleben wird, unterdrückt die Art, wie jemand leben will, und mit der Zeit scheint dies alles natürlich und mensch beschränkt die eigenen Träume und Wünsche auf die Dinge, die mit Geld gekauft werden können.

Wie auch immer, die Bedingungen der Arbeitswelt lassen sich nicht nur auf diejenigen anwenden, die eine Arbeit haben. Es ist leicht zu sehen, wie die Arbeitslosen voller Angst vor Obdachlosigkeit und Hunger von der Arbeitswelt ergriffen sind. Aber dieselben sind Empfänger von Staatshilfe, dessen Überleben auf der Beistands-Bürokratie basiert… sogar diejenigen, für die die Vermeidung einer Arbeit eine solche Priorität bekommen hat, dass die eigenen Entscheidungen um Betrug, Ladendiebstahl, Müll kreisen – eben all den verschiedenen Wegen, um ohne einen Job durchzukommen -, sind davon ergriffen. Mit anderen Worten werden Aktivitäten, die gute Mittel zur Unterstützung eines Lebensprojekts sein könnten, selbst zu abgeschlossenen Aufgaben oder Zielen, indem das reine Überleben zum Lebensprojekt wird. Inwiefern unterscheidet sich dies denn wirklich von einem Job?

Aber was ist denn die wirkliche Basis der Macht hinter dieser Erpressung, welche die Arbeitswelt darstellt? Natürlich gibt es Gesetze und Gerichte, Polizei und Militär, Geldstrafen und Gefängnisse, die Angst vor Hunger und Obdachlosigkeit – all die sehr realen und bedeutenden Aspekte der Herrschaft. Aber sogar die staatliche Waffengewalt kann nur dann ihre Aufgaben erfolgreich durchführen, wenn die Menschen sich unterwerfen. Und hier finden wir die wirkliche Basis jeglicher Herrschaft – die Unterwerfung der Sklaven, ihre Entscheidung, die Sicherheit der bekannten Not und Dienerschaft zu akzeptieren, statt das Risiko der ungekannten Freiheit einzugehen, also ihre Einwilligung, ein garantiertes, aber farbloses Überleben zu akzeptieren im Austausch für die Möglichkeit eines wirklichen Lebens, das eben keine Garantien bietet.

Um also der eigenen Sklaverei ein Ende zu setzen, um über die Grenzen des blossen Überlebens hinaus zu gelangen, ist es notwendig, sich für die Verweigerung der Unterwerfung zu entscheiden; es ist notwendig damit zu beginnen, sich das eigene Leben hier und jetzt wieder anzueignen. Durch ein solches Projekt gerät mensch unvermeidlich in einen Konflikt mit der gesamten sozialen Ordnung der Arbeit; also muss das Projekt der Rückeroberung der eigenen Existenz auch das Projekt der Zerstörung der Arbeit sein. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wenn ich „Arbeit“ sage, meine ich damit nicht die Aktivität, wodurch die Mittel der eigenen Existenz geschaffen werden (welche idealerweise niemals vom einfachen Leben getrennt sein würden), sondern eine soziale Beziehung, welche diese Aktivität in eine vom eigenen Leben getrennte Sphäre transformiert und sie in den Dienst der herrschenden Ordnung setzt, so dass die Aktivität eigentlich aufhört, irgend eine direkte Beziehung zur Bildung der eigenen Existenz zu haben, sondern sie bloss im Reich des Überlebens aufrecht erhält (unabhängig vom Grad des Konsums) durch eine Serie von Entfremdungen, von welchen Eigentum, Geld und Warenaustausch zu den wichtigsten gehören. Dies ist die Welt, welche wir zerstören müssen im Prozess der Rückeroberung unserer Leben, und die Notwendigkeit dieser Zerstörung macht das Projekt der Wiederaneignung unseres Lebens eins mit dem Projekt des Aufstands und der sozialen Revolution.

 

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Natur als Spektakel – Die Vorstellung von Wildnis vs. Wildheit


Im Original von Feral Faun / Wolfi Landstreicher / Apio Ludd, vom Amerikanischen ins Deutsche übersetzt von Florian Grebner
(Anmerkung des Autors: Das häufige benutzen von Anführungszeichen innerhalb dieses Essays soll die Idee bekräftigen, dass Natur und Wildnis Konzepte sind und keine tatsächliche Wesen)¹

Natur hat nicht immer existiert. Sie findet sich nicht in den tiefen des Waldes, im Herzen des Pumas oder in den Liedern der Pygmäen; sie findet sich in den Philosophien und Bild-Konstruktionen von zivilisierten menschlichen Wesen. Scheinbar widersprüchliche Stränge werden zusammen gewoben um Natur als ein ideologisches Konstrukt zu kreieren, das uns domestizieren soll, das unsere Äußerungen von Wildheit unterdrücken und dirigieren soll.

Zivilisation ist monolithisch und der zivilisierte Art alles was wahrgenommen wird zu begreifen ist ebenfalls monolithisch.Wenn der zivilisierte Verstand mit den unzähligen Wesen um ihn herum konfrontiert wird muss er sie kategorisieren um das Gefühl zu haben das er sie versteht. (Jedoch versteht er de facto nur wie man Sachen [things] für die Zivilisation dienlich macht). Natur ist eine der essentiellsten der zivilisierten Kategorien um die Wildheit der menschlichen Individuen einzugrenzen und eine Selbstidentifikation als zivilisiertes soziales Wesen zu erzwingen
Vermutlich war die frühsten Konzeption von Natur so was ähnliches wie die die man im alten Testament der Bibel findet: Die böse Wildnis, ein trostloser Ort, welcher von bösartigen und verderblichen Bestien, heimtückischen Demonen und den verrückten bewohnt wurde. Diese Konzeption diente besonders für frühe Zivilisationen einen wichtigen Zweck. Sie löste Angst vor dem was wild war aus, wodurch die meisten Menschen innerhalb der Stadtmauern blieben und diejenigen, welche herausgingen um zu erkunden, nahmen eine defensive Position ein, wie als währen sie im Gebiet des Feindes. So half dieses Konzept die Dichotomie zwischen „Mensch“ und „Natur“zu kreieren, welche Individuen davon abhielt wild, das heißt nach ihren eigenen Bedürfnissen, zu leben.

Allerdings musste eine vollständig negative Konzeption von Natur irgendwann ihre Nützlichkeit einbüßen, da es Zivilisation zu einer geschlossenen und belagerten Festung machte und Zivilisation sich erweitern muss damit sie mehr und mehr ausbeuten kann. „Natur“ wurde zu einen Korb von Ressourcen, eine „Mutter“, welche die „Menschheit“ und ihre Zivilisation nährt. Sie war schön, war es wert verehrt zu werden, Betrachtung, Untersuchung…und Ausbeutung. Sie war nicht böse…, aber sie war chaotisch, launisch und unzuverlässig. Zum Glück der Zivilisation hatte sich die „menschliche Natur“ entwickelt, rational und das Ordnen von Sachen [things], das unter ihre Kontrolle bringen, benötigend. Wilde Orte waren nötig damit Menschen die „Natur“ in einen unberührten Zustand studieren und beobachten konnten, aber genau so, dass zivilisierte Menschen es schafften die „natürlichen“ Prozesse zu verstehen und zu kontrollieren damit sie diese nutzen können um die Zivilisation zu erweitern. So wurde die „böse Wildnis“ von der „Natur“ oder „Wildheit“ überschattet, welche einen positiven Wert für die Zivilisation hat.

Das Konzept der Natur erschafft ein System von Werten und Moral. Aufgrund der offensichtlichen widersprüchlichen Stränge, welche die Entwicklung von „Natur“ beeinflusst haben, erscheinen diese Systeme widersprüchlich, jedoch erreichen sie alle das selbe Ziel: Unsere Domestizierung. Jene die uns sagen, dass wir uns „zivilisiert verhalten“ sollen und jene die uns sagen, dass wir uns „natürlich verhalten“ sollen sagen uns Beide folgendes : „Lebe in Übereinstimmung mit externen Werten, nicht in Übereinstimmung mit deinen Verlangen.“ Die Moral der Natürlichkeit ist nicht weniger grausam gewesen als jede andere Moral. Menschen sind wegen der Ausübung „unnatürlicher Akte“ eingesperrt, gefoltert und sogar getötet worden und werden es immer noch. „Natur“ ist eben auch ein häßlicher und fordernder Gott.

Von Anfang war Natur ein Bild, welches von den Authoritäten erschaffen wurde um ihre Macht zu verstärken. Es ist keine Überraschung, dass in modernen Gesellschaften, wo das Bild die Realität dominiert und sie oft zu kreieren scheint, die „Natur“ zu einen eigenständigen Mittel wird um uns weiterhin domestiziert zu lassen. „Natur“ Shows im Fernsehen, Sierra Club Kalender, Ausstatter für die „Wildnis“, „natürliches“ Essen und Textilfasern, der „ökologische“ President und „radikale“ Ökologie hecken zusammen die Erschaffung der „Natur“ und unser „richtiges“ Verhältnis zu ihr aus. Bei diesem subtilen beschwören des Bildes werden Aspekte der „bösen Wildnis“ von frühen Zivilisationen beibehalten. „Natur“ Shows zeigen immer Szenen in denen Prädation vorkommt und man sagt sich, dass die Regisseure versuchen mit elektronische Stachelstöcke² die Tiere zu Kämpfen anzutreiben. Die Warnungen vor gefährlichen Tieren und Pflanzen, die man Möchtegern „Wildnis“ Entdeckern mitgibt und die Anzahl von Produkten, welche von „Wildnis“ausstattern kreiert wurden um mit ihnen klar zu kommen ist – so meine eigene Erfahrung beim wandern durch wilde Orte – ziemlich unverhältnismäßig. Das Leben außerhalb der Zivilisation wird als Kampf ums Überleben dargestellt.

Jedoch brauch die Gesellschaft des Spektakels die unterschwellige „böse Wildnis“ um sie effizient zu nutzen. Das vorherrschende Bild der „Natur“ ist, dass sie eine Resource und eine Schönheit ist, die man betrachten und studieren sollte. „Wildnis“ ist ein Ort in dem wir uns für eine kurze Zeit, wenn wir richtig ausgerüstet sind, zurück ziehen können um von dem eintönigen Alltag zu fliehen, uns auszuruhen und nachzudenken oder um Spannung und Abenteuer zu finden. Und die „Natur“ bleibt die „Mutter“, die uns mit dem versorgt was wir brauchen, die Resource aus der sich die Zivilisation selbst erschafft.
In der Kultur der Ware erweckt die „Natur“ unser Verlangen nach ausgelassenen Abenteuern, nach einen Leben frei von Domestizierung, indem sie uns dieses Bild verkäuft. Das unterschwellige Konzept der „bösen Wildnis“ gibt dem wandern durch die Wälder einen hauch von Risiko, was die abenteuerlustigen und rebellisch anspricht. Außerdem verfestigt es die Idee, dass wir dort nicht wirklich hingehoren, dementsprechend werden uns zahllose Produkte verkauft, welche als nötig empfunden werden wenn wir in die wilden Orte einfallen. Das positive Konzept von Natur gibt uns das Gefühl, das wir wilde Orte erleben müssen (wobei nicht realisiert wird, dass die Konzepte, welche in uns eingespeist wurden unsere Erfahrung mindestens genau so stark beeinflusst wie unsere tatsächliche Umgebung). Auf diese Weise schafft es die Zivilisation sogar die Gebiete wieder zugewinnen [recuperares]³, die sie nicht direkt berührt und transformiert sie in „Natur“, in „Wildniss“, zu Aspekten die uns weiterhin domestiziert halten.

„Natur“ domestiziert indem es die Wildheit in eine monolithische Einheit verwandeln, einen riesigen Bereich fernab der Zivilisation. Das Ausdrücken von Wildheit inmitten der Zivilisation wird als kindisch, verrückt, Kriminalität, Verbrechen oder Sittenlosigkeit bezeichnet, dadurch ist es möglich sie abzuweisen, einzusperren, zu zensieren oder zu bestrafen und dabei immernoch die Behauptung aufrechtzuhalten, dass was „natürlich“ ist ist gut. Sobald „Wildheit“ statt eines Ausdruckes unserer eigenen Freigeisterei ein Bereich außerhalb von uns ist, kann es Experten für die „Wildheit“ geben, die uns beibringen wie wir uns „richtig“ mit ihr „verbinden“ können. Entlang der Westküste gibt es alle Arten von geistigen Lehrern, welche ein Vermögen daran verdienen „Wildheit“ an Yuppies auf eine Weise zu verkaufen, die ihre ständischen Träume, ihre Porsche oder ihre Eigentumswohnung nicht bedroht. „Wildnis“ ist heutzutage eine sehr profitable Industrie.

Ökologen – sogar „radikale“ Ökologen – spielen dem in die Hand. Anstatt zu versuchen wild zu werden4 und die Zivilisation mit ihren befreiten [unchained] Begierden zerstören, versuchen sie lieber die „Wildnis zu retten“. In der Praxis heißt dies, dass man die Authoritäten anbettelt oder versucht sie zu manipulieren damit sie die schädlicheren Aktivitäten bestimmter Industrien aufhalten und relativ ungeschädigten Wälder, Wüsten und Berge zu geschützten„Wildnisgebieten“5 erklären. Dies verstärkt nur das Konzept der Wildheit als monolithische Einheit – „Wildnis“ oder „Natur“ – und die Kommodifizerung, welche diesen Konzept zugrunde liegt. Die Basis des Konzepts des „Wildnisgebietes“ ist die Trennung von „Wildheit“ und „Menschheit“. Daher sollte es nicht überraschen, dass ein Teil der „radikalen“ Ökologieideologie den Konflikt zwischen „Biozentrismus“ und „Anthropozentrismus“ erschaffen hat – als ob wir etwas anderes sein sollten als Egozentrisch.

Selbst diese „radikalen Ökologen“, die behaupten, dass sie die Menschen wieder in die „Natur“ integrieren wollen, machen sich selbst was vor. Ihre Vision von einem „wilden, symbiotischen Ganzen“ (wie es einer von ihnen mal nannte) ist nur das von der Zivilisation kreierte monolithische Konzept auf quasi-mythische Weise ausgedrückt. „Wildnis“ bleibt für diese ökologischen Mystiker ein monolithische Wesen, das viel größer ist als wir, ein Gott dem wir uns unterwerfen müssen. Jedoch ist Unterwerfung Domestizierung. Unterwerfung ist das was die Zivilisation am laufen hält. Der Name, der die Ideologie trägt, welche die Unterwerfung durchsetzt ist nicht relevant – lass es „Natur“ sein, lass es das „wilde, symbiothische Ganze“ sein. Das Resultat wird immer noch die Fortsetzung der Domestizierung sein.

Wenn Wildheit als etwas gesehen wird was nichts zu tun hat mit einen monolithischen Konzept, inklusive „Natur“ und „Wildnis“, wenn es gesehen wird als potenzielle Freigeisterei in jedem Individuum, die sich jederzeit manifestieren könnte, nur dann kann es zu einer Gefahr für die Zivilisation werden. Jeder von uns könnte Jahre in „der Wildnis“ verbringen, aber wenn wir weiterhin unsere Umgebung durch die Linse der Zivilisation sehen, wenn wir die Myriaden von Wesen monolithisch als „Natur“, als „Wildnis“, als „wildes, symbiotisches Ganzes“ begreifen, bleiben wir zivilisiert; wir wären nicht wild. Aber wenn wir, inmitten der Stadt, jederzeit aktiv uns unserer Domestizierung wiedersetzen, uns weigern von den Rollen, die uns aufgezwungen werden, dominieren zu lassen und stattdessen in Übereinstimmung mit unseren Leidenschaften, Verlangen und Launen leben, wenn wir das einmalige und unberechenbare Wesen werden, welches sich unter den Rollen versteckt, dann sind wir, für diesen Moment, wild. Wild zwischen den Ruinen der verfallenden Zivilisation spielen (aber lässt euch nicht täuschen, selbst im verfallen ist sie ein gefährlicher Feind und kann noch sehr lange weiter wanken ehe er umfällt), damit können wir unser Möglichstest tun um sie zum umfallen zu bringen. Und die freigeistigen Rebellen werden die Überlebenskunst der Ökologie als einen weiteren Versuch der Zivilisation das freie Leben zu unterdrücken ablehnen und werden nach einen chaotischen, sich ständig verändernden Tanz von Freien, verbundenen, einmaligen Individuen, Leben streben; in Opposition sowohl zur Zivilisation als auch der „Natur“, den Versuch der Zivilisation sich wildes freigeistiges Leben anzueignen.

Anmerkungen des Übersetzers:
¹Da Feral Faun die Hervorhebung wichtig ist, wurden die Wörter mit „natur“ oder „wilderniss“ o.ä. in sich, gewollt „unsauber“ übersetzt . Dies hat den Sinn, dass der Natur- bzw. Wildnisbegriff nicht verschwinden soll, da genau diese Beiden für die Argumentation sehr entscheidend sind.

² Elektronische Stachelstöcke werden zum Viehtreiben benutzt.

³ Recuperare / Rekuperation verweiset nicht nur auf „wiedererlangen“, „wiedergewinnen“, „wiedergutmachen“ o. ä. es ist ebenfalls ein wichtiges Konzept innerhalb der Theorien der Situationistischen Internationale. Es steht für Rebellion als Ware, die Simulation von Rebellion. Dies muss man ergänzent zu Debords Begriffs der Gesellschaft des Spektakels sehen; in dieser Gesellschaftsform „spielt“ jeder nur seine zugewiesene Rolle, Zeichen sind leer und beziehen sich nur auf sich selbst, in dieser Gesellschaft wird ebenfalls Rebellion (ohne Folgen) simuliert. Das ist aber nur eine stark vereinfachte Darstellung, wer sich für die ganzen Anarchisten á la Feral Faun, Alfredo Maria Bonanno, Bob Black et al interessiert sei zu empfehlen „Die Gesellschaft des Spektakels“ zu lesen. Die dortigen Fachbegriffe tauchen sehr häufig in ihren Theorien auf.

4 im Original „to go wild“, ich habe es „wild zu werden“ übersetzt, da alle gängigeren Übersetzungen davon eher abfällig sind – z.B. verkommen, ausflippen – und damit der Intention des Textes zuwiderlaufen.

5In Deutschland & der EU gibt es dutzende Arten der geschützten „Wildnisgebiete“, die wichtigsten wären Naturschutzgebiet, Landschaftsschutzgebiete, Schutzgebiete & Natura-2000-Gebiete.

 

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Es gibt eine geheime Welt


Im Original von Crimethinc., vom Amerikanischen ins Deutsche übersetzt von Arsen 13

Diese Welt, die sogenannte “wirkliche Welt” ist nur eine Fassade. Zieh den Vorhang zur Seite und du wirst merken, daß die Bibliotheken voller AusreißerInnen sind, die Romane schreiben, daß sich auf den Autobahnen lauter Flüchtende und SympathisantInnen tummeln, daß all die SekretärInnen und vernünftigen Eltern an ihren Ketten zerren und nach einer Chance suchen, um zu zeigen, wie lebendig sie noch sind… Und all das Geschwätz über “Sachlichkeit” und “Verantwortung” ist nur eine Drohung und ein Bluff, damit wir nicht wagen unsere Hände nach der anderen Welt auszustrecken, die so nah vor uns liegt.

Es gibt eine geheime Welt, die in dieser verborgen ist.

Du kannst sie im ungestümen Aufbäumen deines ersten Kusses schmecken oder in dem Blut, das nach einem plötzlichen Unfall in deinen Mundwinkel fließt, wenn du begreifst, daß du gerade nur knapp dem Tod entronnen bist. Du kannst sie in den Windböen spüren, die dir in einer Nacht voller Abenteuer auf den Häuserdächern einer Stadt um die Ohren pfeifen. Du kannst sie im Zauber deines Lieblingslieds hören, wie es dich bewegt auf eine Art, die keine Wissenschaft messen kann. Es kann sein, daß du einen Beweis für sie auf einer öffentlichen Toilette gefunden hast, eine in die Klotür eingeritzte geheime Botschaft, die du nicht entschlüsseln kannst. Oder daß du einen Hinweis auf sie in der blassen Projektion der Kinofilme gesehen hast, die dafür gemacht sind uns bei Laune zu halten. Sie schwingt in unseren Erzählungen mit, wenn wir von unseren Lüsten und Sehnsüchten sprechen, die immer noch hinter den Mauern unserer “pragmatischen” und “realistischen” Lebensweise lauern.

Wenn DichterInnen und AktivistInnen bis zum Morgengrauen wach bleiben und ihre Hirne zermatern, um die perfekte Zusammenstellung von Wörtern und/oder Umsetzung von Aktionen zu finden, die das Feuer in die Herzen (und Städte) tragen, dann versuchen sie nichts anderes als einen versteckten Eingang in sie zu finden. Wenn Kinder aus dem Fenster klettern und spät nachts durch die Nachbarschaft streifen, wenn FreiheitskämpferInnen nach den Schwächen in den Festungen der Regierung suchen, wenn Teenager eine Reklametafel zerstören um sich die ganze Nacht Verfolgungsjagden mit den Bullen liefern zu können, wenn AnarchistInnen den geordneten Ablauf einer Demonstration stören und die Schaufenster einer Firmenkette entglasen, dann versuchen sie alle ihren Eingang zu stürmen.

Wenn du Sex hast und du entdeckst neue Gefühle und Körperregionen deines/deiner LiebhaberIn, und ihr beide fühlt euch wie ForscherInnen, die neue Weltteile entdecken, die einer Wüstenoase oder der Küste eines unbekannten Kontinents ebenbürtig sind, dann entwerft ihr ein Bild ihres Gebiets.

Es ist bestimmt keine sicherere Welt als diese hier – im Gegenteil ist es das Empfinden der Gefahr dort, daß uns wiederbelebt: Das Gefühl, daß wir für einen Augenblick, der die Vergangenheit und Zukunft umschließt, wirklich etwas riskieren.

Vielleicht bist du irgendwann mal durch Zufall auf sie gestossen und warst begeistert davon, was du da gefunden hast. Die alte Welt war hinter dir und in dir zersplittert und keinE WissenschaftlerIn konnte sie je wieder zusammensetzen. Alles davor wurde unwichtig, irrelevant und lächerlich als die Horizonte sich plötzlich erweiterten und sich neue vorher unvorstellbare Wege öffneten. Und vielleicht hast du dir geschworen, daß du niemals wieder in die alte Welt zurückkehren würdest, daß du dein ganzes restliches Leben hier leben würdest, aufgeladen von der Lust am Abenteuer und der Veränderung. Aber natürlich bist du wieder dorthin zurückgekehrt.

Der gesunde Menschenverstand prügelt uns ein, daß diese Welt nur immer kurzfristig erlebt werden kann, daß es nur der kurze Moment der Veränderung ist und nichts weiter. Aber die Legenden, die wir uns an den Lagerfeuern erzählen, sprechen von ganz anderen Geschichten: Wir hören von Menschen, die sich für Wochen und Monate dort aufhielten, Menschen, die niemals von dort zurückgekehrt sind, die dort als HeldInnen lebten und starben. Wir wissen, daß diese geheime Welt nah ist und auf uns wartet. Wir fühlen es in dieser atavistischen Kammer unserer Herzen, die die Erinnerung an die Freiheit schon lange vor unserer Zeit in sich trägt. Du kannst es im Aufblitzen unserer Augen erkennen, in der Leidenschaft unserer Tänze und Liebschaften, in dem Protest und der Party, die außer Kontrolle geraten.

Du bist nicht der einzige, der versucht, sie zu finden. Wir sind auch hier draußen… einige von uns warten auch auf dich. Und du sollst wissen, daß alles, was du jemals getan oder überlegt hast zu tun, um dorthin zu gelangen, nicht verrückt, sondern wunderschön, würdevoll und notwendig war.

Revolution ist einfach die Vorstellung davon, daß wir diese Welt betreten können und nie wieder zurückkehren müssen. Oder besser gesagt: Daß wir die alte niederbrennen können um die Welt darunter zum Vorschein zu bringen.

 

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Warum anarchistisch Vegan?


Diese kurze Broschüre zielt darauf ab, eine andere Perspektive anzubieten. Diese Perspektive basiert auf einer antikapitalistischen, libertär-kommunistischen, klassenbasierten anarchistischen Sichtweise. Sie geht davon aus, dass der Leser sich der ausbeuterischen Natur von Kapitalismus und sozialer Hierarchien bewusst ist. Diese Broschüre zielt darauf ab, zu zeigen, wie Kapitalismus und hierarchische Strukturen Themenfelder betreffen, die sowohl mit der Nutzung von Tieren in der Landwirtschaft, Landbesitz als auch der Herabsetzung der Natur im Zusammenhang mit der Nahrungsmittelproduktion zu tun haben.

Diese Broschüre stammt aus England und wurde von no_nations*translations übersetzt.
Eine libertäre Sicht auf die Gründe des Veganismus. Warum anarchistisch vegan?
Anmerkung der Übersetzer*in: Die Schrift wurde in speziesistischer Schreibweise geschrieben und relativ wörtlich übersetzt worden. Das Anti-Copyright ermöglicht aber allen beliebige Änderung und Korrektur! Das Original findet sich auf: http://lib4all.redblackandgreen.net/anarkovegan-a4.pdf

Mainstream Vegan-Material wurde von einer eher sozialdemokratischen als einer klassenbasierten Perspektive geschrieben. Es baut seine Argumente auf Wohlfahrt anstatt auf Solidarität auf, und bietet individualistische und konsumistische an Stelle von kollektiven Lösungen an. Dieses Material beschuldigt häufig die individuelle Entscheidung für die zügellose industrielle Ausbeutung der Tiere, anstatt die dahinterliegenden wirtschaftlichen und hierarchischen Strukturen zu verstehen und die Leute zu bemächtigen sich gegen diese zu organisieren.

Diese kurze Broschüre zielt darauf ab, eine andere Perspektive anzubieten. Diese Perspektive basiert auf einer antikapitalistischen, libertär-kommunistischen, klassenbasierten anarchistischen Sichtweise. Sie geht davon aus, dass der Leser sich der ausbeuterischen Natur von Kapitalismus und sozialer Hierarchien bewusst ist. Diese Broschüre zielt darauf ab, zu zeigen, wie Kapitalismus und hierarchische Strukturen Themenfelder betreffen, die sowohl mit der Nutzung von Tieren in der Landwirtschaft, Landbesitz als auch der Herabsetzung der Natur im Zusammenhang mit der Nahrungsmittelproduktion zu tun haben.

Wegen des Platzmangels kann dies hier allerdings nur kurz erklärt werden. Für weitere Information verwende bitte die am Ende der Broschüre angegebenen Links zu Themen wie Brutalität gegen Tiere und umweltzerstörerische Auswirkungen der auf Tierhaltung basierten Nahrungsmittelproduktion.
Kapitalismus und Tiere
Im letzten Jahrhundert hat die Nahrungsherstellung einen massiven Wandel zu kapitalintensiveren Methoden durchgemacht. Das betrifft die gesamte Bandbreite der Nahrungsmittelproduktion, aber diese Broschüre will untersuchen, inwiefern es die Nutzung von Tieren in der Landwirtschaft betrifft.

Lass uns als Beispiel ein Blick auf die durchschnittliche Lebensdauer eines Hähnchens werfen. Hänchen ist ein Nutz- und Zuchtvogel, welcher eine stark selektive Zucht ausgesetzt war, um Eigenschaften der Produktionsmaximierung und Konstenminimierung hervorzubringen. Die selektive Zucht spezialisierte sich zum Beispiel auf eine große Brustmuskulatur und ein beschleunigtes Wachstum auf Kosten des Wohlergehens des Tieres.

Das Leben beginnt in der Brutanlage, wo riesige Brutmaschinen tausende von fruchtbaren Eiern bei optimaler Temperatur hält. Sobald ein Kücken schlüpft, wird sein Geschlecht festgestellt und da männliche Kücken schneller wachsen, werden weibliche nach ihrer Geburt in eine Hochgeschwindigkeitsmahlwerk geworfen. Ironischerweise wird bei der Eierproduktion genau das Gegenteil gemacht und männliche Kücken in das Mahlwerk geworfen, da sie bei der Eierproduktion keinen Nutzen haben. Diese beiden Hühnerrassen sind verschieden und wurden nach verschiedenen Zuchtwegen selektiert. Brathähnchen ist eigentlich keine Zuchtrasse sondern ein Hybrid mit dem Namen Ross 208 (patentiert).

Männliche Kücken werden dann in einer Kisten zur Hähncheneinheit gebracht, wo die Kücken die nächsten 35 Tage verbringen, wo sie ihre volle Größe erreichen. Die Hähncheneinheiten sind fensterlose Hallen welche zehntausende Vögel auf einmal bei durchschnittlich 21 Vögel pro Quadaratmeter unterbringen, kaum weniger als ein A4-Blatt pro Hähnchen. Die Temperatur wird automatisch kontrolliert und das fahle Licht wird in kurzen Abständen heller und dunkler gemacht um die natürlichen Effekte des Essens während Sonnenaufgang und Sonnenuntergan auszunutzen. Die Wachstumsgeschwindigkeit hat sich innerhalb der letzten Jahrzehnte verdoppelt, was verschiedene Probleme mit der Knochenstruktur und so weiter verursacht hat. Die Vögel werden dann kopfüber an einem Hacken aufgehängt, der an einem Förderband befestigt ist. Der erste Halt ist ein Becken mit Wasser, das die Vögel mit dem Kopf berühren sollen und wo die elektrische Spannung auf dem Wasser die Vögel betäuben soll. Natürlich funktioniert das nicht immer, da die Vögel zappeln und versuchen sich von dem Haken zu befreien. Der nächste Halt ist eine waagrechte Säge welche die Kehl aufschneidet. Das Hähnchen wird dann zu den automatisierten Maschinen weitergeführt, welche die Tiere rupfen und waschen, bevor sie die Verpackungsanlage erreichen.

Dieses Beispiel von industrialisierter Viehwirtschaft zeigt hoffentlich auf, wie der Wechsel zu kapitalintensiver Landwirtschaft die Ausbeutung empfindsamer Wesen verstärkt hat. Dennoch sind die Kapitalist_innen keine Speziesist_innen; sie werden versuchen alles was und jede_n die/den sie kriegen auszubeuten, wenn sie die Möglichkeit dazu sehen.
Viehhaltung schadet Menschen
Die Nutzung von Tieren in der Landwirtschaft nimmt stark zu; es werden drei Tiere von Menschen in der Landwirtschaft verwendet; die Nutzung hat sich seit den 1950ern verfünffacht. Bereits 50-60% des Getreides der Erde wird Tieren verfüttert, tendenz steigend.

Warum ist das ein Thema? Tiere in der Landwirtschaft können als “rückwärtslaufende Proteinfabrik” bezeichnet werden, was bedeutet, dass sie mehr Eiweiß und Energie verbrauchen als dann in den Produkten enthalten ist, die aus ihnen gemacht werden. Die Tiere brauchen Energie um sich zu bewegen (in dem wenigen Platz der ihnen in den Tierfabriken gelassen wird), um Wärme zu erzeugen und um sich Dinge wachsen zu lassen, für die die Kapitalisten noch kaum Verwertung gefunden haben wie Gelenke, Haare, Federn und so weiter. Mit statistischen Worten gesagt heißt das, dass so grob über den Daumen gepeilt die zehnfache Landfläche gebraucht wird um die Nahrung für eine Kuh anzubauen, wie gebraucht werden würde um entsprechende Menge an pflanzlichen Eiweißen zu produzieren.

Die Fleischproduktion hat viele andere ernsten Auswirkungen für die Umwelt, wie Methanausstoß, Tierdungverschmutzung, Waldabholzung, Bodenerosion, hoher Verbrauchvon fossilen Brennstoffen im Vergleich zu einer pflanzlichen Nahrungsmittelproduktion und verbraucht bis zu 100.000 Liter Wasser pro Kilogramm Rindfleisch im Gegensatz zu Kartoffeln (500 Liter), Reis (1000 Liter) und Soja (2000 Liter) während die Wasservorkommen der Welt langsam austrocknen.

Der Grund warum das Kapital verrückt nach tierlicher Landwirtschaft ist, ist die Art wie dort Wert produziert wird. Sie schiebt die Kosten für die Umweltverschmutzung ab, dass sich die Gesamtgesellschaft darum kümmern muss und verwendet billige nicht-vermarktbare Rohstoffe, die oft in “Gemein”besitz sind, wie z.B. Wasser.

Wir leben in einer endlichen Welt und die Rohstoffe sind in privaten, kapitalistischen Händen. Das heißt, dass der Fluss der Rohstoffe immer dahin gehen wird, Zahlungskraft liegt, nicht dorthin wo die Bedürfnisse der Leute sind, so wie es in einer libertär-kommunistischen Welt wäre. Ungerechtigkeit beim Landbesitz bedeutet, dass der Kapitalist immer daran interessiert ist zu Exportgüter für das ausländische Kapital zu produzieren. Das hat zu Situationen geführt, wo die dort ansässige Bevölkerung hungert, während das Land dazu verwendet wird, Tierprodukte oder Tierfutter für den europäischen oder nordamerikanischen Markt zu produzieren.
Gesundheit und Klasse
Die alten stereotypen antikapitalistischen Cartoons stellen die Chefs der Oberklasse immer als dicke, alte Männer mit komischen Hüten und Zigarre dar. Die moderne Realität aber ändert sich sehr schnell. Tatsächlich ist es die Arbeiterklasse, die anfälliger auf Übergewicht und Krankheit ist, während Wohlhabende Zugang zu gesünderer Nahrung, besseren Informationen und allen privatisierten Gesundheitsdienstleistungen, von Möglichkeiten zum Training bis zur Gesundheitsversorgung haben. Die moderne Oberklasse sieht gesund aus, isst gut und lebt lange.

Jahrhunderte lang bildeten sich Ernährungskulturen die eine ausgeglichene Ernährungsweise hervorbrachten, die an die Umgebung in der du lebtest angepasst war. Werfe einfach mal einen Blick auf die verschiedenen Ernährungskulturen auf der Welt und Wege, die sie gefunden haben sich ausgeglichen und größtenteils gesund zu ernähren, ohne jedes wissenschaftliche Wissen über Ernährung. Diese Kette mündlich überlieferter Ernährungskultur wurde zerbrochen und durch große multinationale Konzerne und ihre Marketingbudgets ersetzt.

Eine Folge daraus ist, dass das Essverhalten der arbeitenden Klasse sich schnell verschlechtert. Das Kapital versucht möglichst viel Profit herauszuholen, indem es Kürzungen vornimmt. Es benützt die billigsten Zutaten, häufig gentechnisch veränderte Organismen und verschmutzende Produktionsmethoden. Unsere neue Ernährungskultur, die vom Kapitalismus diktiert wird, besteht zum Großteil aus Fertignahrung, hormon- und antibiotikaverseuchten Fleischprodukten, Produkten aus Tierfabriken, Fast Food, lehren Kohlenhydraten, gentechnisch veränderten Lebensmitteln, und so weiter.

Wir können darauf reagieren, indem wir eine gesündere Ernährungskultur in unserer Klasse verbreiten und an einem bezahlbaren Zugang zu besserem Essen arbeiten. Vegan-Kampagnen können eine wichtige Rolle dabei spielen, indem für Ernährung als ein Bereich, in dem wir Kontrolle über unser eigenes Leben gewinnen können, eingetreten wird und Ernährungsweise zu einer bewusst überdachten Entscheidung wird, anstatt sie in den Händen von Marketingstrategien multinationaler Konzerne zu belassen.
Libertärer Veganismus
Indem wir vegan werden, bitten wir keine Politiker, Anführer oder professionelle Wohltäter darum, soziale Probleme zu lösen die uns wichtig sind. Es wird dadurch keine Verantwortung oder Macht dadurch übertragen, sondern eine bemächtigende Lösung gesucht, die unabhängig von Stellvertretern ist.

Veganismus verbreitet sich nicht über große, berühmte Männer oder großartige Theorien, auch wenn manche versuchen die Bewegung so darzustellen. Kommentatoren und sogar so manche_r Vegan-Aktivist_in mit hierarchischen und kapitalistischen Denkweisen versuchen die gesamte Veganbewegung mithilfe von berühmten Philosophen und Gründerväter zu beschreiben. Doch dies ist ein Irrtum und verfehlt die wahre Natur der Bewegung. Veganismus verbeitet sich von einem Freund zum nächsten, über Familienmitglieder und Arbeitskolleginn_en in echter Graswurzelmanier beruhend auf gegenseitiger Hilfe und Unterstützung.

Veganismus alleine kann den Kapitalismus nicht herausfordern und kann kein Ersatz für kollektive Massenaktion und Klassenkampf sein. Bei politischem, libertärem Veganismus geht es nicht um persönliche Reinheit oder ethisches Händewaschen, sondern um einen Versuch eine neue Ernährungskultur zu erschaffen.

Da es einfach unmöglich ist, die Weltbevölkerung auf einer Ernährungsweise mit vielen Tierprodukten zu ernähren, sei es eine kapitalistische oder eine kommunistische Gesellschaft, ist der kulturelle Wandel zu einer pflanzenbasierten Ernährungsweise notwendig. Die vegane Ernährungsweise repräsentiert ebenso einen Wandel in unserer Beziehung zu Tieren, in dem wir auf kultureller Ebene speziesübergreifendes Mitgefühl zeigen und unser leben so leben, dass kein Tier uns als Essen, Bekleidung oder Werkzeug der Unterhaltung oder Produktentwicklung dienen muss. Es erobert ebenso die Ernährungskultur von der ungesunden Richtung zurück, in welches das transnationale Kapital sie drängt. Arbeiterklassenbewegungen haben eine stolze Geschichte der Erschaffung neuer Kulturen innerhalb der Schale der kapitalistischen Ausbeuterkultur.

 

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Saul Newman: Postanarchism between Politics and Anti-Politics


Video is about 31 Mins long.



 

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Wie kriegt man das, was man will?


Im Original von CrimethInc., aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt von Arsen 13
Was willst du wirklich am meisten auf der Welt? Mehr Geld, eine neue Stereoanlage, einen Urlaub? 20,- Mark Stundenlohn in den Wind schießen, um rechtzeitig von deinem Job nach Hause zu kommen, damit du deine Lieblingsserie nicht verpasst? Oder ist es vielleicht etwas, das mehr als all das ist? Etwas, das viel schwieriger zu beschreiben ist? Vielleicht hast du es aufgegeben immer der Verwirklichungen deiner richtigen Träume nachzugehen und dich eher darauf gestürzt deinem Leben kleinere Dinge abzugewinnen, die dir einfacher und realistischer zu erreichen schienen. Vielleicht hast du dich aber auch einfach nie gefragt, ob die Ziele, die du anstrebst eigentlich wirklich diejenigen sind, die du in deinem Leben erreichen willst. Vielleicht fühlst du dich aber auch einfach nur, wie so viele andere Menschen, dazu gezwungen, diesen Dingen hinterherzujagen, so als würde dein Leben gar nicht wirklich dir gehören, sondern einem für dich vorgefertigten Plan folgen. Wie oft denkst und fühlst du so? Erinnere dich an den wichtigsten Tag in deinem Leben, den Tag an dem du dich zum ersten Mal verliebt hast oder an dem du das erste Mal dein Lieblingslied gehört hast oder ein Abenteuer erlebt hast… als sich tausend neue Türen für dich öffneten und die Welt so viel größer erschien als je zuvor. In diesem Moment war plötzlich nichts für dich unmöglich. Warum kann sich nicht jeder Tag so anfühlen?

Nun… Zum einen liegt das daran, daß wir in einer Gesellschaft leben, die es uns schwer macht unsere innersten Wünsche deutlich zu erkennen und sie zu verfolgen. Was auch immer uns das Geschwätz von “Freiheit und der Suche nach unserer Freude” vermitteln will… unsere Gesellschaft ist bis zur Absurdität hin voll verwirrender Unterhaltung und Einschränkungen. Wir sind alle so sehr damit beschäftigt damit fertig zu werden, daß wir uns gar nicht richtig an unsere Träume erinnern können, geschweige denn sie uns erfüllen. Und jedEr von uns fühlt sich zu erschöpft, um zu verstehen, daß die Welt in der wir leben eigentlich nur das Produkt unserer eigenen Arbeit, eigener Handlungen und eigenen Tuns ist. Unsere Spezies hat diesen Planeten komplett zu dem gestaltet, was er heute ist. Ist die, die wir geschaffen haben die bestmögliche aller Welten? Wenn dem nicht so ist, warum beenden wir dann nicht diese Art der Gestaltung und führen neue Arten ein, zusammen zu leben und zu arbeiten, so daß wir eine neue, eine bessere Welt erbauen können, die lustvoller für alle von uns sein kann! Auf was anderes sollten wir hinarbeiten als auf Lust und Freude?

Hast du dich jemals verliebt und es hat sich so gut angefühlt, daß es geradezu gefährlich schien? Verliebt zu sein bedeutet tatsächlich in einer anderen Welt leben zu wollen: einer aufregenderen Welt, einer schöneren Welt, einer freudigeren, sorgloseren Welt. Einer Welt in der alles eine Bedeutung hat und niemals etwas stumpf und langweilig ist. Warum sollten wir nicht damit anfangen, diese Welt genau hier und jetzt zu erschaffen? Wir haben eine ungeheuerliche Utopie: Alles, was du in deinem Leben machst, solltest du machen, weil du es machen willst. Und wenn du Pläne schmiedest, dann solltest du sie auf das aufregendste und freudigste Leben ausrichten, das du dir vorstellen kannst und nicht nach “Erfolg” oder “Sicherheit”, den Trostpreis für die Müdegewordenen und Hoffnungslosen. Was könnte radikaler sein als dein Handeln nach dem auszurichten, wie genußvoll es ist, als danach wie moralisch, wie verantwortungsvoll oder wie gesellschaftlich geduldet es scheint? Haben wir nicht versucht jedem Herrn und jeder Herrin zu dienen außer unseren eigenen Wünschen? Haben wir nicht für jeden noch so bescheuerten Grund gekämpft außer für uns selbst? Wohin hat uns all das gebracht? Den eigenen Wünschen nachzujagen bedeutet nicht, blind den eigenen Impulsen zu folgen, wohin auch immer sie einEn bringen. Es bedeutet zuallererst, dir darüber klar zu werden, das herauszufinden, was du wirklich willst: Deine Wünsche durchzugehen und zu entscheiden, welche wirkliche sind und welche Illusionen, welche stärker und welche schwächer sind und welche dir am Ende die größtmögliche Erfüllung bringen. Es bedeutet, dich und dein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen, so daß du so vielen Träumen wie möglich nachgehen kannst (weil es keine Garantie dafür gibt, daß man alle gleichzeitig erfüllen kann). Es bedeutet deinen Wünschen Prioritäten zu geben und sie zu analysieren.

Ist dir die Nägel zu lackieren bereits die Erfüllung deiner Wünsche oder könnte dieser Drang nicht auch ein Teil deiner Unsicherheit sein? Vielleicht liebst du die Natur. Wäre es dann genug für dich, dir ein paar Acker Land zu kaufen und dort dein Leben zu verbringen, während der Rest der Welt allmählich von Beton eingeschlossen wird? Deinen Wünschen nachzugehen bedeutet auch die Gesellschaft umzugestalten. JedEr von uns ist das Produkt der Welt in der wir leben. Und dennoch ist diese Welt auch das Produkt unserer Arbeit und unseres Schaffens. Um dich selbst und dein Leben zu verändern, mußt du auch die Welt umgestalten, die uns hervorbringt und formt. Und deshalb wirst du dazu auch die Hilfe jedes Menschen benötigen. Wenn wir unserem Glück nachjagen wollen, dann müssen wir für diese Welt, die wir schaffen, Verantwortung übernehmen und zusammen sicherstellen, daß diese Welt eine Welt wird, die für uns alle Lust bedeutet. Aber bedeutet nicht das zu tun, was ich tatsächlich will, daß ich gegen andere Menschen kämpfen muß? Nein – Viel eher muß es uns dazu zwingen, zusammen zu arbeiten, weil die größten und schwierigsten Anstrengungen nicht alleine vollbracht werden können.

Sie verlangen die Teilnahme anderer Menschen, auch ganzer Gesellschaften. Die meisten von uns wollen Gemeinschaft und Freundschaft mehr als alles andere im Leben, um sich sicher und zusammen frei fühlen zu können. Wir brauchen uns gegenseitig, um all das zu erreichen. Um eine Gemeinschaft aufzubauen, in der jedEr das eigene Leben in den vollsten Zügen genießen kann, müssen wir alle es uns ermöglichen unseren Träumen nachgehen zu können und frei und kreativ zu sein. Ansonsten verarschen wir uns nur selbst. Das ist das Geheimnis, das die langweilige “Ich-Generation” ausklammert: Nach einem gewissen Punkt setzt immer Habgier und Hochmut ein. Und sicher, es wird schwierig dem aus dem Wege zu gehen. Gerade am Anfang. Nichts ist schwieriger als sich immer daran zu halten aufrichtig gegenüber sich selbst zu sein und dir und jedem Tag deines Lebens das meistmögliche abzuverlangen. Es wird uns gegen die herrschende Ordnung richten. Aber welcher Kampf, wenn nicht dieser, ist es tatsächlich wert zu kämpfen? Es ist ein Kampf des großen Potentials, das wir in uns haben und des noch größeren Potentials, das wir alle zusammen haben könnten gegen alles in der Welt, das sinnlos, nebensächlich und stumpf ist… Die Alternative dazu ist natürlich sich mit dem zufrieden zu geben, was wir heute haben und niemals in Frage zu stellen, daß es irgendetwas anderes im Leben geben kann.

 

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