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Archiv der Kategorie: Staat / Regierung

“Langhaarige und frenetische Romantiker”


Antonio Gramsci und der Anarchismus
von Jens Kastner

“Die Anarchisten sind stehen geblieben.
Sie bleiben auch weiterhin stehen,
hypnotisiert durch die Überzeugung,
dass sie im Recht waren und
immer noch im Recht sind.”
Antonio Gramsci (1)

Der italienische Kommunist Antonio Gramsci (1891-1937) ist angesagt. Nicht nur, dass die globalisierungskritische Linke seit zehn Jahren diskutiert, ob Subcomandante Marcos und Gramsci dasselbe meinen, wenn sie von “Zivilgesellschaft” reden. Auch ein anderer Begriff aus dem Wortschatz des Mitbegründers der KPI (1921) ist mit der Durchsetzung der neoliberalen Variante des Kapitalismus vielleicht nicht in aller, aber allerorts in linkem Munde: Hegemonie. Nach dem Zusammenbruch der staatssozialistischen Systeme und der Selbstdemontage der klassischen Sozialdemokratie gibt es durchaus gute Gründe, sich auf der Suche nach sozialistischen Alternativen dem marxistischen Aktivisten und Theoretiker wieder zuzuwenden. Gramscis Staatsverständnis erweist sich dabei gerade in der Auseinandersetzung mit dem Anarchismus einerseits als auch heute noch erklärungskräftig. Andererseits aber auch als wissenschaftsgläubig und ziemlich autoritär.

Der subjektive Faktor
Nicht zuletzt sein Status als Aktivist macht ihn zunähst sicherlich anschlussfähig an anarchistische Theorie und Praxis: Nicht der Lauf der Dinge, sprich: die Entwicklung der Produktivkräfte führen zur Revolution, sondern sie muss von jedem und jeder einzelnen bewusst gemacht werden. Entscheidend für Gramsci wie für AnarchistInnen aller Richtungen ist der so genannte “subjektive Faktor”. Die Frage allerdings, wie die revolutionäre Aktion zu organisieren sei, führt zu klassisch konträren Antworten. Klassisch insofern, als dass der Kommunist Gramsci hier ganz auf die avantgardistische Partei setzte, wohingegen er in typisch kommunistischer Manier die Spontaneität ablehnte und ihre VertreterInnen abwertete. So unterscheidet sich auch Gramsci in seiner Diktion diesbezüglich nicht vom kommunistischen Mainstream: “Wer Herr der Geschichte ist und ihr den Rhythmus des Fortschritts aufzwingt, wer das sichere und unaufhaltsame Fortschreiten der kommunistischen Zivilisation bestimmt, das sind nicht die ‘Halbstarken’, das ist nicht das Lumpenproletariat (i.Orig. deutsch), das sind nicht die Bohemiens, die Dilettanten, die langhaarigen und frenetischen Romantiker, sondern das sind die großen Massen der klassenbewussten Arbeiter, die stählernen Bataillone des bewussten und disziplinierten Proletariats.” (2) Zwar bezichtigt er die AnarchistInnen immer wieder einer “pseudorevolutionären Phraseologie”, appelliert aber schließlich dennoch an die “Zusammenarbeit zwischen Sozialisten und Anarchisten für die Durchführung der Revolution (…), eine freie und faire Zusammenarbeit zweier politischer Kräfte, die ihre Grundlage in konkreten, proletarischen Problemen hat.” (3) Die wahre Lehre des Proletariats aber sei der Marxismus, wohingegen Gramsci den Anarchismus einerseits eben den freischwebenden Intellektuellen und andererseits den rückständigen Bäuerinnen und Bauern und HandwerkerInnen zuschreibt. Mit dieser Auffassung, die materielle Lage und Bewusstsein so sehr aneinander knüpft, schließt Gramsci direkt an Lenin an und gibt sich letztlich wissenschaftlich verbrämten Wunschvorstellungen hin.

Staat und Sozialismus
Im Unterschied zur Frage des Klassenbewusstseins löst sich Gramsci aber in seinem Staatsverständnis von dem funktionalistischen Staat-als-Mittel-Verständnis Lenins.
Ihn treibt vielmehr die heute viel zu selten, aber von vielen AnarchistInnen seit Etienne de la Boëtie (1530-1563) gestellte Frage, wieso die Beherrschten gegen die Herrschaft nicht angehen (“Freiwillige Knechtschaft”). Nicht allein Repression, so Gramscis bis heute plausible Antwort, sondern auch Konsens sichere die Herrschaft. Während für Gewalt und Unterdrückung die politische Gesellschaft – Staatsorgane, Militär, Polizei, etc. – zuständig sei, wird der Konsens in der Zivilgesellschaft, verstanden als Konglomerat von Verbänden, Vereinen, Schule, Familie, Medien, u.v.a., hergestellt. Beide sind Teil dessen, was Gramsci den “erweiterten Staat” nennt. Dass es nicht reicht, den Staat zu erobern, ist Gramscis pragmatische Einsicht, während die AnarchistInnen das prinzipiell vertreten. Denn in der zivilen Gesellschaft konkurrieren die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen um die geistige und kulturelle Vorherrschaft, Hegemonie genannt. Staat ist demnach in Gramscis berühmter Formulierung “politische Gesellschaft + Zivilgesellschaft, das heißt, Hegemonie, gepanzert mit Zwang” (4). Aus seiner Beschreibung folgert Gramsci auch strategisch, dass Hegemonie zu erringen und in Form von politischer Führung auszuüben sei. Während Anarchisten wie Corrado Quaglino, gegen den sich Gramscis Text “Der Staat und der Sozialismus” richtet, ihn als “Staatsanbeter” bezeichnen, kritisiert Gramsci wiederum die “Staatsabgewandtheit”, den “Rebellismus” und das “Umstürzlertum” der AnarchistInnen. Auch in den während seiner langen Haft unter dem Faschismus geschriebenen “Gefängnisheften” grenzt sich Gramsci explizit von anarchistischen Vorstellungen bezüglich des Staates ab, nicht ohne sie als unpolitisch abzuqualifizieren: “Geringes Verständnis des Staates” bedeute “geringes Klassenbewusstsein” (5) – wobei natürlich hier nur ein einziges “richtiges Verständnis” zugelassen ist (was wiederum der Tatsache nicht gerade Tribut zollt, dass auch kommunistische DenkerInnen sich bezüglich des Staatsverständnisses nicht unbedingt einig waren).

Liberalismus und Klassenstandpunkt
Im Umkehrschluss seiner These vom Marxismus als einzig wahrer Lehre des Proletariats weist Gramsci den AnarchistInnen den Liberalismus zu. Indem sie gegen den Staat und für individuelle Freiheit seien, radikalisierten die AnarchistInnen den Liberalismus, ohne aber einen richtigen Klassenstandpunkt zu vertreten. Der Anarchismus sei in der 1848er-Revolte die Lehre der Bourgoisie gewesen und könne dies ebenso wieder werden, sobald es zur proletarischen Klassenherrschaft käme. Insofern der Kommunismus nicht gegen den Staat gerichtet sei, sondern als Mittel zur Errichtung einer kommunistischen Internationale, widersetzt er sich im Verständnis Gramscis auch “erbittert den Feinden des Staates, den Anarchisten und den Anarchosyndikalisten, indem er ihre Propaganda als utopisch und gefährlich für die proletarische Revolution entlarvt.” (6) Gramsci unterschlägt allerdings, dass der Anarchismus nicht nur den Liberalismus erweitert, sondern auch den Sozialismus radikalisiert hat. Diese Unterschlagung kann, um die Begriffe gleich anzuwenden, durchaus als strategisch im Kampf um Hegemonie innerhalb der ArbeiterInnenbewegung interpretiert werden. Ohne ihre sozialistischen Wurzeln und Elemente sind die meisten Anarchismen jedenfalls weder theoretisch hinreichend beschrieben, noch praktisch in ihrer Geschichte zu erfassen.

Vor der Gefahr einer Vermachtung eroberter Räume, insbesondere solcher, die das Monopol auf Gewalt beanspruchen, haben AnarchistInnen immer gewarnt. Gramsci hingegen schließt sie aus. Die Befreiung des Proletariats hänge unweigerlich mit der Errichtung des sozialistischen Staates zusammen, dem wiederum ein “erzogenes Proletariat” unbedingte “Treue und Disziplin” zu zollen habe. In seiner Rede an die AnarchistInnen zeigt sich Gramsci allerdings problembewusst: “Die kommunistische Gesellschaft kann nicht von oben herab durch Gesetze und Dekrete geschaffen werden. Sie wird spontan aus der historischen Aktivität der werktätigen Klasse hervorgehen, die die Initiativgewalt in der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion errungen hat und die dazu berufen ist, die Produktion auf neue Weise und mit einer neuen Ordnung zu reorganisieren. Der anarchistische Arbeiter wird dann die Existenz einer zentralisierten Macht schätzen, die ihm dauernd die eroberte Freiheit garantiert, die es ihm ermöglicht, nicht jeden Augenblick das begonnene Werk unterbrechen zu müssen, um sich der revolutionären Verteidigung zu widmen.” (7) Hier ist sicherlich auch die zentrale Frage anarchistischen Scheiterns angesprochen, wie nämlich die erkämpften Errungenschaften zu bewahren und verteidigen sind. Die historische Beschaffenheit der “zentralisierten Macht” allerdings spricht nicht gerade für Gramscis Plan: Vom Aufstand der Kronstädter Matrosen 1921 über die Spanische Revolution 1936/37 bis hin zum Pariser Mai 1968, jedes Mal, wenn KommunistInnen zentrale Machtpositionen inne hatten, erwiesen sie sich nicht gerade als BeschützerInnen revolutionärer Errungenschaften. Im Gegenteil, “der anarchistische Arbeiter” und andere RevolutionärInnen mussten um ihr Leben, zumindest aber um die Erfolge ihrer Rebellion fürchten.
Dass einerseits kommunistische Strategien nicht selten das Scheitern anarchistischer Modelle befördert haben, darf andererseits aber die Frage nach den eigenen theoretischen und praktischen Schwächen nicht ausblenden. Hier kann Gramscis Polemik von der Radikalisierung des Liberalismus möglicherweise konstruktiver als Warnung gelesen werden. Die bequeme anarchistische Geste, sich angesichts des staatssozialistischen Zusammenbruchs im Recht fühlend auf die Schulter zu klopfen, ist nur zu einem Teil angebracht. Zum Stehen Bleiben besteht kein Anlass. Denn heute sind nicht nur skurrile “Anarchokapitalisten”, sondern überhaupt die Offenheit libertärer Ideale für eine der brutalsten Formen des Kapitalismus erklärungsbedürftig. Die meisten ehemals libertär inspirierten “68er” sind mittlerweile zu TrägerInnen des Neoliberalismus mutiert, zentrale libertäre Begriffe wie Selbstbestimmung, Kreativität und Autonomie werden nicht selten antikollektivistisch gewendet und kooptiert.
Auch das sicher ein Erfolg im hegemonialen “Stellungskrieg”, wie Gramsci es nannte. Ob dagegen allein der richtige Klassenstandpunkt in Anschlag zu bringen ist, muss bezweifelt werden.

Anmerkungen
(1) Antonio Gramsci: Der Staat und der Sozialismus. Nachwort zu einem Artikel von For Ever “Zur Verteidigung der Anarchie” vom 28. Juni bis 5. Juli 1919
(2) ebd.
(3) Antonio Gramsci: Rede an die Anarchisten.(3.-10.April 1920):
(4) Zitiert nach Harald Neubert: Antonio Gramsci: Hegemonie – Zivilgesellschaft – Partei. Eine Einführung, Hamburg 2001, S.58.
(5) Zitiert nach Neubert, S.65.
(6) Antonio Gramsci: Der Staat und der Sozialismus.
(7) Antonio Gramsci: Rede an die Anarchisten

 

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Patriotismus: Eine Bedrohung der Freiheit


Im Original von Emma Goldman, ins Deutsche übersetzt von ?

Was ist Patriotismus?

Ist es die Liebe zum Ort unserer Geburt, zum Hort von Kindheitserinnerungen und Hoffnungen, Sehnsüchten und Träumen? Ist es die Stelle, an der wir so oft in kindlicher Naivität den ziehenden Wolken zusahen und uns wunderten, warum es nicht auch uns gegeben war, so rasch dahinzu-schweben?

Ist es der Ort, an dem wir standen und die Milliarden glitzernder Sterne zählten, angstgelähmt bei dem Gedanken, jeder einzelne “könnte ein Auge sein”, das bis in die tiefsten Tiefen unserer kleinen Seelen vorzudringen vermöchte?

Ist es der Platz, an dem wir der Musik des Vogelsangs lauschten und wünschten, Schwingen zu haben, um, genau wie sie, in ferne Länder fliegen zu können? Oder ist es der Ort, an dem wir, auf Mutters Knien sitzend, hingerissen waren von wundervollen Geschichten über große Taten und Siege? Kurz gesagt, ist es die Liebe zu jenem Fleckchen Erde, das in jedem Zentimeter Boden uns liebe und teure Erinnerungen an eine glückliche und verspielte Kindheit birgt?

Wenn das Patriotismus wäre, könnten nur wenige Amerikaner heute patriotisch genannt werden, da ihr Spielplatz in eine Fabrik, eine Spinnerei oder ein Bergwerk verwandelt wurde, während der betäubende Lärm von Maschinen den Gesang der Vögel ersetzt hat. Auch können wir nicht länger den Geschichten großer Taten lauschen, da unsere Mütter uns heute nur Geschichten der Tränen, der Trauer und des Schmerzes zu erzählen wissen. Was ist dann aber Patriotismus? “Patriotismus, mein Herr, ist die letzte Zuflucht der Schufte”, sagte Dr. Johnson.

Leo Tolstoi, der größte Gegner des Patriotismus unserer Zeit, definiert ihn als das Prinzip, das die Ausbildung für den Mord auf breiter Basis zu rechtfertigen erlaubt; ein Handwerk, das bessere Ausrüstung zum Mord erfordert als zur Herstellung der Lebensnotwendigkeiten wie Schuhe, Bekleidung und Häuser; ein Handwerk, das bessere Entlohnung und größeren Ruhm garantiert als den, den der gewöhnliche Arbeiter erhält.

Gustav Herve, ein weiterer großer Gegner des Patriotismus, nennt ihn zurecht einen Aberglauben – einen, der schädlicher, brutaler und inhumaner ist als die Religion. Der religiöse Aberglaube hatte seinen Ursprung in der Unfähigkeit des Menschen, die Phänomene der Natur zu erklären. D. h., als der Primitive den Donnerschlag hörte oder den Blitz sah, konnte er sich weder den einen noch den anderen erklären und schloß daher, daß hinter ihnen eine Macht stehen müsse, die größer war als er selbst. Ähnlich vermutete er im Regen und in den anderen Naturvorgängen eine übernatürliche Macht. Patriotismus hingegen ist ein künstlich geschaffener Aberglaube, der durch ein Netzwerk der Lügen und Falschheiten am Leben erhalten wird; ein Aberglaube, der den Menschen seiner Selbstachtung und Würde beraubt und seine Arroganz und Überheblichkeit fördert. In der Tat sind Ubernatürlichkeit, Arroganz und Egoismus die wesentlichsten Zutaten des Patriotismus. Lassen Sie mich das illustrieren.

Der Patriotismus nimmt an, daß die Erde aufgeteilt ist in lauter kleine Fleckchen, von denen jedes umgeben ist von einem eisernen Gitter. Jene, die das Glück hatten, auf einem bestimmten Fleckchen geboren zu werden, erachten sich als besser, edler, großartiger und intelligenter als all jene Lebewesen, die andere Fleckchen bewohnen. Es ist daher die Pflicht jedes einzelnen, der ein solch auserwähltes Fleckchen bewohnt, zu kämpfen, zu töten und zu sterben bei dem Versuch, allen anderen seine Überlegenheit aufzuzwingen.

Die Bewohner der anderen Fleckdien argumentieren natürlich in der gleichen Weise, mit dem Ergebnis, daß das Bewußtsein der Menschen von frühester Kindheit an durch blutrünstige Geschichten über die Deutschen, die Franzosen, die Italiener, die Russen usw. vergiftet wird. Wenn das Kind zum Manne herangereift ist, ist er gründlich durchtränkt von dem Glauben, daß Gott selbst ihn auserwählt habe, sein Vaterland gegen Angriff und Invasion aller daran interessierten Ausländer zu verteidigen. Nur aus diesem Grunde verlangen wir so stürmisch nach einer größeren Armee und Marine, nach mehr Kriegsschiffen und Waffen. Nur aus diesem Grunde hat Amerika innerhalb einer kurzen Zeit 400 Millionen Dollar ausgegeben.

Denken Sie einen Augenblick darüber nach – 400 Millionen Dollar, die dem Besitz des Volkes genommen wurden. Denn die Reichen leisten sicher keinen Beitrag zum Patriotismus. Sie sind Kosmopoliten, die sich in jedem Lande zu Hause fühlen. Wir in Amerika kennen diese Wahrheit nur zu gut. Sind unsere reichen Amerikaner nicht in Frankreich Franzosen, in Deutschland Deutsche und in England Engländer? Und verschwenden sie nicht mit kosmopolitischer Grandezza Münzen, die von amerikanischen Kindern der Fabriken und Sklaven der Baumwollproduktion geprägt wurden? Ja, zu ihnen paßt ein Patriotismus, der ihnen gestattet, Beileidsschreiben an einen Tyrannen wie den russischen Zaren zu schicken, sobald ihm irgendein Unglück widerfährt, so wie es Präsident Roosevelt im Namen seines Volkes zu tun gefiel, als Sergius von den russischen Revolutionären bestraft wurde. Es ist ein Patriotismus, der dem Prototyp eines Mörders, Diaz, beisteht bei der Vernichtung Tausender von Leben in Mexiko oder gar hilft, mexikanische Revolutionäre auf amerikanischem Boden zu verhaften und sie, ohne den geringsten vernünftigen Grund, in amerikanischen Gefängnissen eingesperrt zu halten.

Aber darüber hinaus ist Patriotismus gar nicht gedacht für jene, die Macht und Reichtum repräsentieren. Er ist gut genug fürs Volk. Er erinnert an die historische Weisheit Friedrichs des Großen, des Busenfreundes Voltaires, der sagte: “Die Religion ist ein Betrug, der um der Massen willen aufrechterhalten werden muß.” Daß der Patriotismus eine ziemlich kostspielige Institution ist, wird niemand zu bezweifeln wagen nach Einsichtnahme in folgende Statistiken. Das progressive Wachstum der Ausgaben für die führenden Armeen und Flotten der Welt während des letzten Vierteljahrhunderts ist ein so gravierendes Faktum, daß es jeden verantwortungsbewußt ökonomische Probleme Studierenden, erschrecken muß …

Die schreckliche Verschwendung, die der Patriotismus notwendig macht, sollte genügen, selbst einen Mann von durchschnittlicher Intelligenz von dieser Krankheit zu heilen. Das Volk wird gezwungen, patriotisch zu sein, und für diesen Luxus bezahlt es nicht nur durch Unterstützung seiner “Verteidiger”, sondern auch noch durch Opferung seiner Kinder. Patriotismus verlangt Treue zur Fahne, und das bedeutet Gehorsam und Bereitschaft zur Tötung von Vater, Mutter, Bruder, Schwester …

Nehmen wir unseren eigenen spanisch-amerikanischen Krieg, der angeblich ein großes und patriotisches Ereignis in der Geschichte der Vereinigten Staaten darstellt. Wie brannten unsere Herzen doch vor Empörung über die grausamen Spanier! Richtig, unsere Empörung entbrannte nicht spontan. Sie war genährt worden durch monatelange Agitation in den Zeitungen, lange nachdem Weyler viele edle kubanische Männer hingeschlachtet und viele kubanische Frauen geschändet hatte. Doch um der amerikanischen Nation Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß gesagt werden, daß sie sich empörte und bereit war zu kämpfen, und daß sie tapfer kämpfte. Aber als sich der Rauch verzog, die Toten begraben waren und die Kosten des Krieges in Gestalt einer Verteuerung der Lebensmittel und der Mieten auf das Volk zurückfielen – d. h., als wir ernüchtert aus unserem patriotischen Zechgelage erwachten – dämmerte uns, daß die Ursache des spanisch-amerikanischen Krieges in einer Betrachtung über den Zuckerpreis zu suchen war; oder, um es deutlicher zu sagen, daß die Leben, das Blut und das Geld amerikanischer Menschen benutzt worden waren, die Interessen der amerikanischen Kapitalisten zu schützen, die durch die spanische Regierung bedroht waren.

Daß dies keine Übertreibung ist, sondern sich auf absolute Zahlen und Daten gründet, läßt sich am besten durch die Haltung der amerikanischen Regierung den kubanischen Arbeitern gegenüber beweisen. Als sich Kuba fest in den Klauen der Vereinigten Staaten befand, wurde den Soldaten, die man zur Befreiung Kubas schickte, während des großen Tabakarbeiterstreikes, der kurz nach Kriegsende stattfand, befohlen, kubanische Arbeiter zu erschießen.

Auch stehen wir nicht allein da in der Führung von Kriegen um solcher Gründe willen. Der Vorhang, der über den Motiven des schrecklichen russisch-japanischen Krieges hing, der so viel Blut und Tränen kostete, beginnt sich allmählich zu lüften. Und wieder erkennen wir, daß hinter dem fürchterlichen Moloch des Krieges, der noch fürchterlichere Gott des kapitalistischen Handels steht. Kuropatkin, der russische Kriegsminister zur Zeit der russisch-japanischen Kämpfe, hat das Geheimnis verraten, das sich hinter ihnen verbarg. Der Zar und seine Großen hatten in koreanischen Niederlassungen Geld investiert, und der Krieg wurde vom Zaune gebrochen um des einzigen Grundes der raschen Akkumulation willen.

Die Behauptung, daß eine stehende Armee und eine Flotte die beste Garantie für den Frieden sind, ist ebenso logisch wie die Annahme, der friedfertigste aller Bürger sei jener, der schwer bewaffnet herumläuft. Die Erfahrung des täglichen Lebens beweist zur Genüge, daß das bewaffnete Individuum beständig darauf aus ist, seine Stärke zu erproben. Dasselbe gilt historisch gesprochen für Regierungen. Wirklich friedliche Länder verschwenden nicht Leben und Energie auf die Vorbereitung von Kriegen und das Ergebnis ist, daß der Friede erhalten bleibt.

Der Ruf nach einer größeren Armee und Flotte resultiert jedoch nicht aus irgendeiner äußeren Gefahr. Er hat seine Ursache in der wachsenden Unzufriedenheit der Massen und dem Geiste des Internationalismus unter den Arbeitern. Um dem inneren Feind zu begegnen, rüsten sich die Mächte verschiedener Länder, einem Feinde, der, wenn er erst einmal zu Bewußtsein erwacht ist, sich als gefährlicher erweisen wird als jeder fremde Angreifer. Die Mächte, die jahrhundertelang damit beschäftigt waren, die Massen zu versklaven, haben deren Psychologie aufs genaueste studiert.

Sie wissen, daß die Masse der Menschen wie Kinder ist, deren Verzweiflung, Trauer und Tränen durch ein kleines Spielzeug in Freude verwandelt werden können. Und je prächtiger das Spielzeug aussieht, je schreiender die Farben, desto eher wird es dem millionen-köpfigen Kinde gefallen.

Eine Armee und eine Marine stellen das Spielzeug des Volkes dar. Um es anziehender und akzeptabler zu machen, werden Hunderte und Tausende von Dollars ausgegeben für die äußere Pracht dieses Spielzeugs. Das war die Absicht, mit der die amerikanische Regierung eine Flotte ausrüstete und sie die Pazifikküste entlangschickte, so daß jeder amerikanische Bürger den Stolz und die Glorie der Vereinigten Staaten zu fühlen bekommen sollte. Die Stadt San Franzisco gab 100 000 Dollar aus für die Unterhaltung der Flotte; Los Angeles 60 000; Seattle und Tacoma etwa 100 000. Sagte ich, die Flotte zu unterhalten? Um einigen wenigen höheren Offizieren weinreiche Diners zu servieren, während die “braven Jungen” meutern mußten, um ausreichende Mahlzeiten zu erhalten. Ja, 260 000 Dollar wurden für Feuerwerke, Theaterparties und Lustbarkeiten ausgegeben zu einer Zeit, da Männer, Frauen und Kinder weit und breit im ganzen Land Hungers starten; als Tausende von Arbeitslosen bereit waren, ihre Arbeitskraft zu jedem Preis zu verkaufen.

260 000 Dollar! Was hätte nicht alles mit einer solch ungeheuren Summe erreicht werden können? Aber anstatt Brot und Wohnung zu erhalten, wurde den Kindern jener Städte die Flotte vorgeführt, damit sie “eine bleibende Erinnerung für das Kind” bilde, wie eine der Zeitungen es ausdrückte. Eine wunderbare Sache für die Erinnerung, nicht wahr? Das Werkzeug zivilisierter Menschenschlächterei. Wenn das Bewußtsein des Kindes durch solche Erinnerungen vergiftet wird, welche Hoffnung kann es dann geben für eine wahre Realisierung menschlicher Brüderlichkeit?

Wir Amerikaner behaupten, ein friedliebendes Volk zu sein. Wir hassen Blutvergießen; wir sind Gegner der Gewalt. Doch wir schäumen über vor Freude über die Möglichkeit, Bomben aus Flugzeugen auf hilflose Zivilisten werfen zu können. Wir sind bereit, jeden zu hängen, auf den elektrischen Stuhl zu schicken oder zu lynchen, der, aus Ökonomischer Notwendigkeit heraus, sein eigenes Leben wagt bei dem Versuch eines Attentats auf einen Industriekapitän. Doch unsere Herzen schwellen vor Stolz bei dem Gedanken, daß Amerika sich zur mächtigsten Nation der Erde auswächst, und daß es im Laufe der Zeit seinen eisernen Fuß auf den Nacken aller anderen Nationen setzen wird. Das ist die Logik des Patriotismus.

Betrachtet man die üblen Resultate, die der Patriotismus für den Durchschnittsbürger mit sich bringt, so ist das noch gar nichts im Vergleich mit der Beschimpfung und dem Schaden, die der Patriotismus dem Soldaten selbst auflädt – jenem armen, verführten Opfer des Aberglaubens und der Unwissenheit. Für ihn, für den Retter seines Landes, den Beschützer seiner Nation – was hat denn der Patriotismus für ihn in petto? Ein Leben der sklavischen Unterwürfigkeit, des Lasters, der Perversion in Friedenszeiten; ein Leben der Gefahr, des Ausgeliefertseins und des Todes in Kriegszeiten …

Denkende Männer und Frauen auf der ganzen Welt beginnen zu verstehen, daß der Patriotismus eine zu enge und begrenzte Konzeption ist, um den Notwendigkeiten unseres Zeitalters zu begegnen. Die Zentralisation der Gewalt hat ein internationales Gefühl der Soldidarität unter den Unterdrückten der Nationen dieser “Welt entstehen lassen; eine Solidarität, die eine größere Interessenharmonie zwischen dem Arbeiter in Amerika und seinen Brüdern im Auslande aufweist als zwischen dem amerikanischen Bergarbeiter und seinem ausbeutenden Landsmann; eine Solidarität, die fremde Invasion nicht fürchtet, weil sie alle Arbeiter dahin bringen wird, zu ihren Herren zu sagen: “Geht und vollbringt das Geschäft des Tötens selbst. Wir haben es lange genug für euch getan.”

Diese Solidarität weckt sogar das Bewußtsein der Soldaten, die auch Fleisch vom Fleische der großen menschlichen Familie sind. Eine Solidarität, die sich mehr als einmal als unerschütterlich erwiesen hat in vergangenen Kämpfen, und die während der Kommune von 1871 für die Pariser Soldaten den Anstoß gab, den Gehorsam zu verweigern, als man ihnen befahl, ihre Brüder zu erschießen. Sie hat den Männern Mut gemacht, die in jüngster Vergangenheit auf russischen Kriegsschiffen meuterten. Sie wird allmählich den Aufstand aller Unterdrückten und Getretenen gegen ihre internationalen Ausbeuter auslösen. Das Proletariat Europas hat die große Kraft der Solidarität realisiert und folglich einen Krieg gegen den Patriotismus und sein blutiges Gespenst, den Militarismus, begonnen. Tausende von Männern füllen die Gefängnisse von Frankreich, Deutschland, Rußland und den skandinavischen Ländern, weil sie es wagten, dem alten Aberglauben zu trotzen. Auch ist die Bewegung nicht auf die Arbeiterklasse beschränkt; sie umfaßt Repräsentanten aller Gesellschaftsschichten und ihre bedeutendsten Vertreter sind Künstler, Wissenschaftler und Schriftsteller. Amerika wird sich anschließen müssen. Der Geist des Militarismus durchdringt bereits alle Gebiete des Lebens. Ich bin in der Tat davon überzeugt, daß der Militarismus sich hier zu einer größeren Gefahr auswächst als irgendwo anders, da der Kapitalismus hier jenen, die er zu zerstören wünscht, so viele Bestechungsgeschenke anzubieten weiß.

Es beginnt schon in den Schulen. Offensichtlich hält es die Regierung mit der jesuitischen Devise: “Gib mir das Bewußtsein des Kindes und ich werde den Mann formen.” Kinder werden in militärischer Taktik geübt, der Ruhm militärischer Siege stundenplanmäßig besungen und das kindliche Bewußtsein pervertiert, um der Regierung zu gefallen.

Außerdem wird die Jugend durch leuchtende Plakate verlockt, zur Armee oder zur Marine zu gehen. “Eine wunderbare Chance, die Welt zu sehen!” rufen die Marktschreier der Regierung. So werden unschuldige Knaben moralisch aufgerüstet für den Patriotismus und der militärische Moloch schreitet erobernd durch die Nation. Der amerikanische Arbeiter hat so sehr unter dem Soldaten des Staates und des Bundes gelitten, daß er völlig gerechtfertigt ist in seiner Abscheu vor und seiner Opposition gegen den uniformierten Parasiten. Bloße Denunziation wird dies große Problem allerdings nicht lösen. Was wir benötigen, ist eine Erziehungspropaganda für den Soldaten: anti-patriotische Literatur, die ihn über die wahren Schrecken seines Handwerks aufklärt, und die ein Bewußtsein seiner wahren Beziehung zum Arbeiter weckt, dessen Arbeit er seine Existenzgrundlage verdankt. Und genau das fürchten die Autoritäten am meisten. Es ist schon Hochverrat, wenn ein Soldat an einer Versammlung Radikaler teilnimmt. Zweifelsohne werden sie es auch als Hochverrat abstempeln, wenn ein Soldat ein radikales Pamphlet liest. Aber hat nicht Autorität von undenklichen Zeiten an jeden Schritt nach vorn als Verrat gebrandmarkt? Jene jedoch, die ernsthaft nach sozialer Rekonstruktion trachten, können es sich sehr wohl leisten, all dem entgegenzutreten; denn es ist wahrscheinlich sogar wichtiger, die Wahrheit zu den Soldaten in die Baracken zu tra gen, als zu den Arbeitern in die Fabriken. Wenn wir erst einmal die patriotische Lüge untergraben haben, wird schnell der Weg bereinigt und bereitet sein für die großartige Konstruktion, in der alle Nationalitäten vereinigt sein werden in einer universalen Brüderschaft – einer wahrhaft FREIEN GESELLSCHAFT.

 

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Arbeit: Raub des Lebens


Von Wolfi Landstreicher, aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt von die Eule (dieeule a-im-kreis riseup punkt net)

„Was ist der Bombenanschlag auf einen Richter, die Entführung eines Industriellen, das Hängen eines Politikers, das Erschiessen eines Polizisten, das Plündern eines Supermarktes, die Brandstiftung am Büro eines Bevollmächtigten, die Steinigung eines Journalisten, das Erpressen eines Intellektuellen, das Plündern eines Künstlers angesichts der tödlichen Entfremdung unserer Existenz, dem viel zu frühen Lärm des Weckers, dem Verkehrsstau auf der Schnellstrasse, den aneinandergereihten Gütern auf den Regalen?“

Der Wecker unterbricht deinen Schlaf erneut – wie immer viel zu früh. Du schleppst dich von deinem warmen Bett zum Badezimmer, um eine Dusche zu nehmen, dich zu rasieren und zu kacken, dann rennst du zur Küche runter, wo du Pasteten machst oder, wenn du Zeit hast, ein bisschen Toast mit Eiern und einer Tasse Kaffee. Dann eilst du zur Tür raus, um gegen den Verkehrsstau oder die vielen Menschen in der Metro anzukämpfen, bis du endlich ankommst… bei deiner Arbeit, wo du deinen Tag mit Aufgaben verbringst, die du dir nicht selbst ausgesucht hast, in aufgezwungener Gemeinschaft mit anderen, die mit damit zusammenhängenden Aufgaben beschäftigt sind, da ist die fortwährende Reproduktion der sozialen Beziehungen das wichtigste Ziel, was dich dazu zwingt, auf diese Art und Weise zu überleben.

Aber das ist nicht alles. Als Ausgleich erhältst du einen Lohn, eine Summe von Geld, die du (nach Bezahlen der Miete und der Rechnungen) in die Einkaufszentren tragen musst, um Nahrung, Kleider, verschiedene Notwendigkeiten und Unterhaltungswaren zu kaufen. Obwohl dies als deine „freie Zeit“ angesehen wird, ist auch sie eine obligatorische Aktivität, welche dein Überleben nur sekundär garantiert, sein primärer Grund ist wiederum die Reproduktion der sozialen Ordnung. Und für die meisten Menschen sind von diesen Zwängen freie Momente immer seltener.

Nach der herrschenden Ideologie dieser Gesellschaft ist diese Existenz das Resultat eines sozialen Vertrages zwischen Gleichen – gleich vor dem herrschenden Gesetz. Der /die ArbeiterIn, heisst es, ist damit einverstanden, seine/ihre Arbeit dem/der ChefIn für ein gegenseitiges Einverständnis über den Lohn zu verkaufen. Aber kann ein solcher Vertrag als frei und gleich angesehen werden, wenn die eine Seite die ganze Macht in Händen hält?

Wenn wir diesen Vertrag etwas genauer betrachten, wird es klar, dass es überhaupt kein Vertrag ist, sondern die extremste und gewalttätigste Erpressung. Am offensichtlichsten tritt dies am Rande der kapitalistischen Gesellschaft auf, wo Menschen, die für Jahrhunderte (oder, in einigen Fällen, Jahrtausende) nach eigenen Bedingungen gelebt haben, plötzlich ihre Möglichkeiten zur Selbstbestimmung ihrer Lebensbedingungen vernichtet, und dies als das Werk von Bulldozern, Kettensägen, Bergbaumaschinen etc. der Herrschenden dieser Welt. Aber es ist ein Prozess, der sich über Jahrhunderte erstreckte, von offensichtlichem und grossflächigem Raub von Land und Leben, der durch die herrschende Klasse erzwungen und ausgeführt wurde. Der Mittel beraubt, ihre Lebensbedingungen selbst zu bestimmen, kann nicht mehr ernsthaft behauptet werden, dass die Ausgebeuteten frei und gleich mit ihren AusbeuterInnen Verträge abschliessen können. Es ist ein klarer Fall von Erpressung.

Und was sind die Bedingungen dieser Erpressung? Die Ausgebeuteten werden gezwungen, Zeit ihres Lebens an ihre AusbeuterInnen im Austausch für das Überleben zu verkaufen. Und dies ist die wirkliche Tragödie der Arbeit. Die soziale Ordnung der Arbeit gründet auf dem auferlegten Gegensatz von Leben und Überleben. Die Frage, wie jemand überleben wird, unterdrückt die Art, wie jemand leben will, und mit der Zeit scheint dies alles natürlich und mensch beschränkt die eigenen Träume und Wünsche auf die Dinge, die mit Geld gekauft werden können.

Wie auch immer, die Bedingungen der Arbeitswelt lassen sich nicht nur auf diejenigen anwenden, die eine Arbeit haben. Es ist leicht zu sehen, wie die Arbeitslosen voller Angst vor Obdachlosigkeit und Hunger von der Arbeitswelt ergriffen sind. Aber dieselben sind Empfänger von Staatshilfe, dessen Überleben auf der Beistands-Bürokratie basiert… sogar diejenigen, für die die Vermeidung einer Arbeit eine solche Priorität bekommen hat, dass die eigenen Entscheidungen um Betrug, Ladendiebstahl, Müll kreisen – eben all den verschiedenen Wegen, um ohne einen Job durchzukommen -, sind davon ergriffen. Mit anderen Worten werden Aktivitäten, die gute Mittel zur Unterstützung eines Lebensprojekts sein könnten, selbst zu abgeschlossenen Aufgaben oder Zielen, indem das reine Überleben zum Lebensprojekt wird. Inwiefern unterscheidet sich dies denn wirklich von einem Job?

Aber was ist denn die wirkliche Basis der Macht hinter dieser Erpressung, welche die Arbeitswelt darstellt? Natürlich gibt es Gesetze und Gerichte, Polizei und Militär, Geldstrafen und Gefängnisse, die Angst vor Hunger und Obdachlosigkeit – all die sehr realen und bedeutenden Aspekte der Herrschaft. Aber sogar die staatliche Waffengewalt kann nur dann ihre Aufgaben erfolgreich durchführen, wenn die Menschen sich unterwerfen. Und hier finden wir die wirkliche Basis jeglicher Herrschaft – die Unterwerfung der Sklaven, ihre Entscheidung, die Sicherheit der bekannten Not und Dienerschaft zu akzeptieren, statt das Risiko der ungekannten Freiheit einzugehen, also ihre Einwilligung, ein garantiertes, aber farbloses Überleben zu akzeptieren im Austausch für die Möglichkeit eines wirklichen Lebens, das eben keine Garantien bietet.

Um also der eigenen Sklaverei ein Ende zu setzen, um über die Grenzen des blossen Überlebens hinaus zu gelangen, ist es notwendig, sich für die Verweigerung der Unterwerfung zu entscheiden; es ist notwendig damit zu beginnen, sich das eigene Leben hier und jetzt wieder anzueignen. Durch ein solches Projekt gerät mensch unvermeidlich in einen Konflikt mit der gesamten sozialen Ordnung der Arbeit; also muss das Projekt der Rückeroberung der eigenen Existenz auch das Projekt der Zerstörung der Arbeit sein. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wenn ich „Arbeit“ sage, meine ich damit nicht die Aktivität, wodurch die Mittel der eigenen Existenz geschaffen werden (welche idealerweise niemals vom einfachen Leben getrennt sein würden), sondern eine soziale Beziehung, welche diese Aktivität in eine vom eigenen Leben getrennte Sphäre transformiert und sie in den Dienst der herrschenden Ordnung setzt, so dass die Aktivität eigentlich aufhört, irgend eine direkte Beziehung zur Bildung der eigenen Existenz zu haben, sondern sie bloss im Reich des Überlebens aufrecht erhält (unabhängig vom Grad des Konsums) durch eine Serie von Entfremdungen, von welchen Eigentum, Geld und Warenaustausch zu den wichtigsten gehören. Dies ist die Welt, welche wir zerstören müssen im Prozess der Rückeroberung unserer Leben, und die Notwendigkeit dieser Zerstörung macht das Projekt der Wiederaneignung unseres Lebens eins mit dem Projekt des Aufstands und der sozialen Revolution.

 

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Saul Newman: Postanarchism between Politics and Anti-Politics


Video is about 31 Mins long.



 

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Postscript on the Societies of Control (Video)


The original text by Deleuze can be read here

 

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„Von den Schwierigkeiten, die Regierung stürzen zu wollen“


Im Original von Jens Kastner

„Die Kunst des Regierens ist gerade die Kunst,
die Macht in der Form und nach dem
Vorbild der Ökonomie auszuüben“
(Michel Foucault, Die Gouvernementalität).

„Bildet Regierungen!“ lautete das leicht irritierende Motto eines Symposiums, das Ende Januar (30./31.01.2004) in Lüneburg stattfand. Auf dem Programm stand der „Gouvernementalitätsansatz“ des französischen Philosophen Michel Foucault. Sollten nun etwa angesichts des unter dem Eindruck neoliberaler Ökonomien allerorten diagnostizierten Einflussverlustes des Nationalstaates neue, alternative Regierungen gebildet werden? Nicht ganz. Was es mit der Gouvernementalität auf sich hat, und was das für ein Verständnis von Herrschaft und Widerstand bedeutet, soll im folgenden skizziert und diskutiert werden.

Die Macht als Regierung
Ende der 1970er Jahre, also zwischen der so eingeteilten zweiten (mit dem Schwerpunkt auf „Macht“) und seiner dritten Werksphase (mit Augenmerk auf „Subjekt“) beginnt Foucault, Prozesse der Herrschaft und die Arten und Weisen, wie Menschen zu Subjekten werden, zusammenzudenken. Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist der sich durchsetzende Neoliberalismus – was als recht weitsichtig gelten kann, denn weder Thatcher noch Reagan sind bereits gewählt.

Der Begriff der Regierung wird dabei zum Leitfaden und erweitert die bisherige Machtanalyse um eine entscheidende Dimension. Macht wird nicht mehr aus dem Blickwinkel vom Modell des Rechts oder dem des Krieges betrachtet, sondern unter dem Gesichtspunkt von „Führung“: wie werden Menschen geführt, und wie führen sie sich (auf). Regierung lässt sich als eine Form der Machtausübung bezeichnen, die als solche nicht nur von Herrschaft, Ausbeutung, etc. zu unterscheiden ist, sondern auch historisch verschiedene Führungstechniken umfasst (z.B. die griechisch-antike, die christlich-pastorale). „Der Kontaktpunkt, an dem die Form der Lenkung der Individuen durch andere mit der Weise ihrer Selbstführung verknüpft ist, kann nach meiner Auffassung Regierung genannt werden“ (Foucault, zit. n. Bröckling u.a. 2000: 29). Regierung wird so – laut Thomas Lemke (1997) – konzipiert als Bindeglied zwischen strategischen Machtbeziehungen und Herrschaftszuständen. Damit unterscheidet Foucault erstmals deutlich zwischen Macht und Herrschaft. Zweitens vermittelt der Begriff der Regierung zwischen Macht und Subjektivität, d.h. es kann nun untersucht werden, wie sich Herrschaftstechniken und Technologien des Selbst verknüpfen. Und drittens ermöglicht der Regierungsbegriff die Untersuchung der Verflechtungen von Macht und Wissen. Dafür wird der Begriff der Gouvernementalität geprägt, der Regieren (gouverner) und Denkweise (mentalité) semantisch verbindet. Zum Ausdruck kommen soll damit, dass es komplizierter geworden ist mit dem alten revolutionären Traum, der schließlich auf der 2001er-CD der Goldenen Zitronen („Schafott zum Fahrstuhl“) auch nur noch ironisch gebrochen zu haben ist: „Alles was ich will, ist nur die Regierung stürzen“.

Der Staat als Effekt
Die Macht ohne den König zu denken – „Alles was ich will, ist nur ein paar Köpfe kürzen“ (Die Goldenen Zitronen) –, hatte Foucault schon zuvor angemahnt. Nicht nur repressiv und vernichtend, sondern auch selbst produzierend sei die Macht zu denken. Zudem geht sie nicht, wie anarchistische und marxistische Theorien oft vertraten, allein vom Staat aus. Foucault will den Staat nicht als autonome Quelle von Macht mit eigenem Wesen verstanden wissen, auf das sich mögliche Angriffe richten ließen. „Der Staat“, so Foucault (2000: 69), „ist keine Universalie“, sondern Effekt von Gouvernementalität. Der Staat sei nichts anderes als die Tatsachen, „das Profil, der bewegliche Zuschnitt einer ständigen Verstaatlichung oder ständiger Verstaatlichungen, unaufhörlicher Transaktionen, welche die Finanzangelegenheiten, die Investitionsweisen, die Entscheidungszentren, die Formen und Typen der Kontrolle und die Beziehungen zwischen den lokalen Mächten und der zentralen Autorität verändern, verschieben, umstürzen oder allmählich ins Rutschen bringen, wie auch immer“ (Foucault 2000: 70). Ist der Staat nun ein Effekt von Gouvernementalitäten, löst er sich im Neoliberalismus keineswegs auf, sondern vervielfältigt sich eher: Die NGO, die zur Vermittlerin zwischen RegierungsbeamtInnen und KonzernvertreterInnen mutiert ist, das gegen Miethaie und StadtplanerInnen durchgesetzte Innenstadt-Parkprojekt, das nun zur vermarktbaren Aufwertung des Stadtteils beiträgt, die „unabhängigen“ Arbeitsverhältnisse von Kunstschaffenden, die inzwischen zum Modell für Zwangsflexibilität und Prekarisierung geworden sind – die Beispiele sind unendlich, an denen sich zeigt, wie durchlässig ehemalige Frontlinien geworden sind. Herrschaft ist dadurch nicht weniger geworden, sondern nur komplexer und schwerer zu begreifen.

Wie sind nun aber neue Gouvernementalitäten zu denken? Obwohl bei Foucault gerade als Verbindung zwischen Mikro- und Makroebene, zwischen Individuum und Gesellschaft gedacht, scheinen sich die mittlerweile auch im deutschen Sprachraum betriebenen gouvernementality studies doch wieder zwischen beiden Bereichen aufzuteilen. Wer Gouvernementalität vor allem methodologisch auffasst, richtet den Blick in erster Linie auf besonders ausgefeilte Techniken der individuellen Selbstbeherrschung oder gar auf Potentiale der Selbstregierung. Eher zeitdiagnostisch verstanden, widmet sich die Suche nach Gouvernementalitäten vor allem Verflechtungen verschiedener Strukturen, Institutionen und Praktiken. Foucault selbst hat den Begriff erst angesichts der historisch-spezifischen Situation des erstarkenden Neoliberalismus geprägt, setzt aber mit seiner Geschichte der Gouvernementalitäten im 19.Jahrhundert an. So, wie sich die Modi der Machtausübung angesichts von Bevölkerungswachstum und veränderten Produktionsweisen veränderten, wird heute eine neue Form von Regierung entwickelt.

Das neoliberale Projekt
Die ökonomische Krise der westlichen Industrieländer, die sich seit Mitte der 70er Jahre in abnehmenden Wachstumsraten bei gleichzeitig steigenden Sozialausgaben manifestiert, ist nicht nur eine grundsätzliche Krise der fordistischen Regulationsweise und Akkumulation. Sie ist laut Foucault auch eine politische und soziale Krise. Keynesianismus und Sozialstaat sind dabei in die Kritik geraten. Fehlende Souveränität des Staates wird von rechts ebenso beklagt wie seine ausgebauten repressiven und Herrschaftsfunktionen von links moniert werden. In die Krise geraten ist damit auch das allgemeine Dispositiv des Regierens. Auf der Suche nach einer neuen Gouvernementalität werden daraufhin linke und rechte Sozialstaatskritik aufgegriffen und in einem neuen Programm reformuliert: im neoliberalen Projekt. Von der liberalen Gouvernementalität unterscheidet sich die neoliberale v.a. in zwei Punkten: Zum einen wird das Verhältnis von Staat und Ökonomie neu definiert: Das klassisch liberale Verständnis wird umgekehrt, nicht mehr der Staat überwacht und definiert die Marktfreiheit, sondern der Markt wird selbst zum definierenden und regulierenden Prinzip des Staates. „Der Neoliberalismus ersetzt ein begrenzendes und äußerliches durch ein regulatorisches und innerliches Prinzip: Es ist die Form des Marktes, die als Organisationsprinzip des Staates und der Gesellschaft dient“ (Lemke 1997: 241). Zum zweiten wird die Differenz zur Grundlage des Regierens: Die natürliche Freiheit des Individuums ist im klassischen Liberalismus die technische Bedingung einer rationalen Regierung, da es diese individuelle Rationalität ist, die den Markt funktionieren lässt. Der Neoliberalismus rekurriert zwar auch auf individuelle Freiheit, jedoch nicht auf eine als natürlich begriffene, sondern auf individuelle Freiheit als ein künstliches Arrangement konkurrenziellen und unternehmerischen Verhaltens.

Im Gegensatz zu früheren Machttechniken zielt das neoliberale Projekt nicht (so sehr) auf eine disziplinierende oder auf eine normalisierende Gesellschaft. Das Programm des Neoliberalismus zeichnet sich durch Vorstellungen und Praktiken aus, die auf eine Gesellschaft gerichtet sind, in der die Kultivierung und Optimierung von Differenzen betrieben wird. Einheit stiften auch die Institutionen und gesellschaftlichen Vorgänge nicht mehr, die wir als Staat kennen. Viel mehr wirken sie gegenwärtig an der zentralen Ermutigung des Neoliberalismus mit: der individuellen Existenz eine unternehmerische Form zu geben. Eine nicht unerhebliche Rolle auch für die Effektivität gegenwärtiger Gouvernementalität spielt dabei u.a. die marktkonforme Neukontextualisierung der alternativen 68er-Werte wie Kreativität, Selbstverwirklichung und Autonomie.

Widerstand
Umstritten ist, wie mit Foucaults Konzept Widerstand zu beschreiben ist. Der Untertitel des einleitend erwähnten Symposiums, „Gouvernementalität jenseits von Ökonomisierung und Verwertungslogik“ legt zumindest die Lesart nahe, es könne irgendwie alternative Gouvernementalitäten geben. Dabei ist ja gerade an Foucaults Verständnis von Macht immer wieder kritisiert worden, dass es kein Außerhalb zulasse, woraus gefolgert wurde, dass es auch keinen Standpunkt für Kritik oder Widerstand geben könne. Versteht Foucault Herrschaft als eine Art verhärteter Machtstrukturen und –mechanismen, ist, wo Macht ist, laut Foucault auch Widerstand. Ob er sich in Nischenprojekten eher, besser, effektiver äußert als in künstlerischen Projekten als in Stadtteilarbeit als in queeren Verschiebungen vorgefundener Bedeutungen, sei (vorerst) dahingestellt. Wenn die Zapatistas im Süden Mexikos alternative Entscheidungsstrukturen installieren („Juntas de Buen Gobierno“), ist das mit Regieren im foucaultschen Sinne jedenfalls nicht zu beschreiben. Wenn es auch kein Außen und keine Alternativgouvernementalität gibt, um den Widerstand steht es dennoch – auch mit einem an Foucault geschulten Blick – nicht unbedingt schlecht. Widerstand als das spontane und temporäre Absetzen und Sich-Entziehen, wie Ulrich Bröckling es auf dem Symposium beschrieb, sind Praktiken, die sich in den Sozialen Bewegungen der letzten Jahre wieder großer Beliebtheit erfreuen. Wieder? Ein wenig nach libertärer Tradition von Thoreau über die SituationistInnen zur 70er-Subkultur klingt das schon, auch wenn die große Weigerung nun wohl aus vielen kleinen besteht.

Ausgearbeitet ist das Konzept der Gouvernementalität vor allem in:
Lemke, Thomas: Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität. Berlin/ Hamburg 1997 (Argument).
Foucaults Vorlesungen zum Thema plus einiger Anwendungen des Gouvernementalitätskonzeptes finden sich in:
Bröckling, Ulrich, Susanne Krasmann und Thomas Lemke (Hg.): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt/ M. 2000 (Suhrkamp). Darin finden sich auch die Texte von Foucault selbst, aus denen hier zitiert wurde: „Die Gouvernementaltät“, S.41-67, und „Staatsphobie“, S.68-71.
Aufsätze, in denen das Konzept angewendet wird, finden sich in: Pieper, Marianne und Encarnación Gutíerrez Rodriguez (Hg.): Gouvernementalität. Ein sozialwissenschaftliches Konzept im Anschluss an Foucault, Frankfurt/ M. 2003 (Campus).
Peripherie. Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt, Heft 92, Dezember 2003, „Gouvernementalität“, Münster (Verlag Westfälisches Dampfboot).

 

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