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Archiv der Kategorie: Pädagogik

Schule und anderer Unfug, den sich Erwachsene ausdenken [school.still.sucks.dub.mix.]


von Schwarze Katze (www.free.de/schwarze-katze)

Wenn LehrerInnen gefragt werden, warum wir dies oder jenes pauken müssen, wiederholen sich zwei typische, nicht sehr einfallsreiche Antworten: a) “dass ist nun mal so” und b) “das lernst du nicht für mich, sondern dein Leben”. Wirklich … sehr originell. Um die schulische Zurichtung von Menschen rechtfertigen zu können, spukt daher in den Köpfen fast aller Menschen der Glaube an Erziehung. Ihr Kern ist die Konstruktion von Kindern als unmündigen Wesen, als “Mindermenschen”: Kinder brauchen eine, die entscheidet, was gut für sie ist und was nicht. Immer muss einer da sein, der uns sagt, was wir zu tun haben. Dass muss wohl auch der Grund sein, warum wir nie gefragt werden, ob wir jeden morgen zur Schule wollen, ob wir uns in der fünften Stunde irgend einen langweiligen Vortrag anhören wollen, ob wir unseren Nachmittag für Hausaufgaben verschwenden wollen oder ob wir am Montag einen Vokabeltest schreiben wollen. Alles Mögliche müssen wir tun, nur eines dürfen wir nicht: uns selbstbestimmt entschieden, ob, wann und wo wir was lernen wollen. Mir ist jedenfalls noch kein Schüler und keine Schülerin bekannt, der je die Wahl gelassen wurde, ob sie in die Schule gehen möchte oder nicht.

Fremdbestimmung pur … auch mit moderner “Verkleidung”
In der Schule werden wir ständig bevormundet, immer entscheiden andere für uns, die von sich auch noch behaupten, schon zu wissen, was für mich und dich gut ist: Das, was wir lernen, wird uns von anderen vorgesetzt. Der Lehrplan, nach dem sich LehrerInnen zu richten haben, legt fest, mit welchen Themen wir uns in einzelnen Fächern beschäftigen müssen. Der Stundenplan legt fest, wie lange wir uns wo in der Schule aufhalten müssen, und nicht wir selbst. LehrerInnen bestimmen, welche Aufgaben wir zu rechnen haben. Nicht wir, sondern andere entschieden, welche Anschaffungen die Schule macht, wie Innenhöfe, Grünflächen und Architektur gestaltet werden. Und wenn uns LehrerInnen gnädigerweise zwischen drei verschieden Büchern entscheiden lassen, ändert dass nichts daran, dass wir überhaupt eines lesen müssen.

In der modernisierten Variante ist diese Fremdbestimmung subtiler: Gruppenarbeit, Teamwork und projektbezogenes Arbeiten bewirken, dass Herrschaft kaum noch spür- und lokalisierbar ist. Erst einmal führen diese Methoden dazu, dass sich Menschen tatsächlich intensiver selbst organisieren und ihre Kreativität einbringen (was gut ist!), verdecken dabei aber, dass es weiter Vorgaben gibt, die von anderen gesetzt werden – Selbstbestimmung bleibt begrenzt: Das Ziel der Gruppenarbeit wird von Lehrplänen vorgegeben und von LehrerInnen bewertet, genau so wie im Betrieb Projektarbeit nicht für ein geiles Leben, sondern für Profite da ist! Hier verlagert sich zudem Kontrolle von LehrerInnen auf die SchülerInnen selbst, die sich in den Gruppen gegenseitig überwachen, da Fehler bzw. “Leistungsverweigerung” einzelner die Benotung bzw. Belohnung beeinträchtigt usw.

Unter den Bedingungen von Schule und Herrschaftsstrukturen insgesamt bedeutet diese Modernisierung vor allem, dass Menschen ihre eigene Zurichtung selber organisieren und sich damit auch noch identifizieren. Ein beliebter Trick moderner PädagogInnen ist z.B. das “gemeinsame” Besprechen von Noten (“Was hätten Sie gerne?”) – nichts als Akzeptanzbeschaffung: Es wird Mitbestimmung, Gleichberechtigung suggeriert. Dabei wird das bestehende Machtgefälle in der Logik von “runden Tischen” geschickt ausgeblendet, denn die Entscheidungsgewalt liegt ja auch weiterhin unverändert bei den LehrerInnen. Zwang bleibt Zwang – auch bei noch so schöner Verpackung!

Noten, Machtmittel und konkurrierende Verhältnisse
Vor allem Noten sind dazu da, um uns unter Druck zu setzen, um uns Angst zu machen, damit wir das tun und lernen, was die LehrerInnen wollen. Denn wer im Kunstunterricht kein Bild malen will oder kann, weil er.sie.es unter Zwang nicht kreativ sein kann, bekommt eine 6 für “Arbeitsverweigerung”. Und auch wer zu kritisch ist, wer sich gegen die LehrerInnen auflehnt, wird von diesen mit der Androhung einer schlechten Note eingeschüchtert. Doch schon der Gedanke an die Benotung reicht bei vielen aus, die diffuse Angst zu erzeugen, etwas “Falsches” zu sagen. Viele SchülerInnen leiden unter Denkblockaden, Redehemmungen, unter Angst – und das nicht nur in der Schule. Immer wieder hatte ich selber Angst mich zu melden, obwohl ich mir der Antwort sicher war – nie gab es eine Atmosphäre, in der ein lustvolles, angstfreies Lernen möglich war. So sichern sich die LehrerInnen ihre Macht, so sichern sie sich, dass keiner ihnen zu stark widerspricht oder gar auf die Idee kommt, für sich selbst zu entscheiden. Sie brauchen Noten, damit sie weiter über uns und unser Leben entscheiden können – wobei sie selbst faktisch nur Rädchen im Schulsystem sind.

Noten führen zur Vereinzelung: Sie lenken unser Interesse auf die eigene Note, den eigenen Vorteil und erzeugen so ein konkurrierendes Verhältnis. Unter diesen Bedingungen ist es “schlau”, Wissen nicht weiter zu geben, da damit der eigene Benotungsstatus gefährdet wird. Das dies doch häufiger passiert spricht dafür, dass Menschen auch heute nie völlig von den Logiken des Systems bestimmt werden. In einer kooperativen Umgebung jenseits von Verwertung wäre es genau umgekehrt – einfach mal visionär gedacht: Allen gehört alles. Gemeinsamer Reichtum ersetzt Eigentum. Wo Wissen nicht mehr dazu eingesetzt werden kann bzw. muss, um sich zu verwerten, Geld zum Überleben zu verdienen, ist es kein Verlust, dieses weiter zu geben. Niemand wäre mehr abhängig von der Unwissenheit anderer. Was Menschen sich aneignen, würde immer auch meine Lebenssituation verbessern. Es entstünde so ein ständiges “Fliessen” von Wissen, Fähigkeiten und Information als selbstorganisierter Prozess freier Menschen … vermutlich viel effektiver als wir uns heute vorstellen können!

Unter den realen Bedingungen führen u.a. Noten dazu, dass sich fast alle SchülerInnen nur für sich interessieren, manche versuchen, sich bei den LehrerInnen einzuschleimen – “was geht mich die da drüben an, ich hab ja meine 2.” So wird gezielt ein Keil zwischen die SchülerInnen getrieben, welcher verhindert, dass sie sich zusammen tun und als Gruppe eine Gefahr für das Schulsystem darstellen. Denn was würde passieren wenn eine ganze Klasse auf die Idee käme, sich zu weigern, noch länger Klassenarbeiten zu schreiben oder in die Schule zu gehen? Die Angst vor der 5 in Mathe, dem Stress mit den Eltern und die Ausgrenzung durch MitschülerInnen, bringt die SchülerInnen dazu, Sachen zu pauken, für die sie gar kein eigenes Interesse aufbringen. LehrerInnen, ob sie wollen oder nicht, nutzen diese Ängste gegen uns aus.

Noten sind da notwendig, wo uns das, was wir lernen, von außen aufgezwungen wird. In Ländern wie England müssen SchülerInnen Schuluniformen tragen, alle sehen sich gleich. In der Schule wird allen von uns den einen Weg aufgezwungen, der von anderen als richtig erachtet wird. Dass jede von uns einzigartig ist, andere Wünsche und Fähigkeiten hat, dass jeder sein eigenes Lerntempo hat, wird von LehrerInnen Tag für Tag übergangen. In der schulischen (Auslese-)Logik ist es “normal”, dass einige auf der Strecke bleiben. Und wenn am Ende des Jahres mal wieder einer oder eine hängen bleibt, ist diese Schülerin selbst schuld – und nicht etwa die Zurichtungsanstalt Schule. Das wirkliche “Versagen” ist in einer von Herrschaft durchzogenen Gesellschaft zu suchen, die Menschen zu austauschbaren Drohnen für Markt & Staat macht und dabei ständig Ängste, Gewalt und Lernstörungen produziert.

Schule als systematische Abrichtung
Immer wieder hören wir LehrerInnen sagen, dass Schule für uns da sei. Fast jeder ist schon mal der berühmte Satz zu Ohren gekommen, dass wir nicht für LehrerInnen, sondern “für uns und unser Leben” lernen würden. Solche Sprüche von LehrerInnen sind verlogen: Wenn Schule für uns SchülerInnen da sein soll, warum dürfen wir dann nicht für uns entscheiden? So wie Schule sich heute darstellt, ähnelt sie eher einem Gefängnis für Kinder: ein straffer Zeitplan, eine feste Sitzordnung, LehrerInnen, die mit Noten über unser Leben entscheiden, keine Freiheit, das zu lernen und zu machen, was wir wollen.

Menschen, welche sich nicht selbst entscheiden dürfen, können sich niemals zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickeln. Schule verbaut uns den Weg zu einem freien Leben, indem sie uns jeden Tag aufs Neue lehrt, dass wir uns unterzuordnen haben, dass andere entscheiden, was für uns gut ist und dass wir Sachen tun müssen, die wir gar nicht wollen. Und das ist kein Fehler von Schule, sondern ihr oberstes Ziel: Eine Gesellschaft, in der ArbeiterInnen im Betrieb nichts zu melden haben, in der sich Freiheit darauf beschränkt, alle vier Jahre zwischen Parteien wählen zu dürfen (die sich nicht wirklich voneinander unterscheiden), kann eben keine Menschen gebrauchen, die sich nicht von anderen herum kommandieren lassen bzw. selber unterdrücken wollen.

Durch Schule bekommen viele Kinder und Jugendliche psychische Probleme: Stress, ständige Unruhe, Kopfschmerzen, Niedergeschlagenheit, Aggressivität oder Lustlosigkeit. Schule macht krank – und es ist unübersehbar warum: Jeden Morgen um die gleiche Zeit aufstehen müssen, stundenlang in Klassenzimmern sitzen müssen, Noten, Klassenarbeiten, Hausaufgaben, die ständige Angst vorm Versagen. Wenn diese SchülerInnen dann mit ihren Eltern zum Arzt gehen, bekommen sie in der Regel Medikamente verschrieben, z.B. gegen Kopfschmerzen. Und SchülerInnen, die sich konsequent weigern, in die Schule zu gehen, werden von Psychologen als “verhaltensgestört” erklärt. Bei Schulverweigerung drohen zwangsweise Zuführung durch Polizei, später Jugendknast oder im schlimmsten Fall eine Psychiatrisierung.

Die Gründe für ein Leben ohne Schule mögen so unterschiedlich sein wie die Menschen, die sich dafür entscheiden, Fälle, aber die Antwort von Erwachsenen und Schulbehörden lautet immer gleich: das Kind ist das Problem, ist “unnormal” usw. – und nicht etwa die Schule. Doch es ist das Schulsystem, welches SchülerInnen einengt und krank macht, es sind LehrerInnen, die uns unterdrücken. Wie sollen wir uns an einem Ort wohl fühlen, den wir unter Zwang besuchen müssen? Wie soll Lernen Spaß machen, wenn wir nicht selber festlegen können, was uns interessiert? Wie sollen wir uns selber verwirklichen, wenn wir nicht die Freiheit haben, Lernprozesse von uns aus und gemeinsam zu gestalten, ohne LehrerInnen?

Lernen in Freiheit
Kein Mensch auf der Welt kann besser wissen, was für dich gut ist, als du selbst. Und diese Fähigkeit können uns Erwachsene nicht absprechen, nur weil wir jünger oder unerfahrener sind. Erwachsene, ob Eltern oder LehrerInnen haben kein Recht, über unser Leben zu bestimmen. Sie haben nicht zu entscheiden, ob wir zur Schule gehen, was wir lernen und wo wir leben wollen. Lernen ist etwas, das jede einzelne und jeden einzelnen von uns betrifft, es ist ein wichtiger Teil unseres Lebens: jeden Tag gibt es etwas zu lernen – egal wie alt du oder ich sind.

Lernen bedeutet (Weiter-)Entwicklung. Und diese Entwicklung sollte in unseren Händen liegen – und nicht in der von LehrerInnen oder wem auch immer. Es ist unsere Entscheidung, wie und was wir lernen wollen, und mit wem wir lernen wollen. Denn es ist ein riesiger Unterschied, ob ich mich freiwillig mit Menschen zusammen tue, die ich mag, oder ob ich zwangsweise in eine Klasse mit ganz vielen anderen gesteckt werde, mit denen mich nichts verbindet. Wir wollen Lernen und Bildung in kooperativer Umgebung – aber keine LehrerInnen, die über uns bestimmen dürfen und starre Institutionen, die uns einengen. Das kann nur bedeuten: weg mit Erziehung, Noten und Schulzwang – für ein freies Leben ohne Schule und Erziehung!

Staat & Schule ausmachen!
Lernen in freier Kooperation statt Konkurrenz!
Lernen für ein schönes Leben statt für den Verwertungsprozess!

Pfoten hoch – und lasst euch von Schule und dem ganzen Rest nicht unterkriegen!

 

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Max Stirner und die Antipädagogik


Eine kurze Einführung in die Antipädagogik Stirners mit einem Hinweis auf die Antipädagogik von Ekkehard von Braunmühl.

Von H. Ibrahim Türkdogan

Im Vorfeld möchte ich darauf hinweisen, daß dieser kurze Artikel sich lediglich mit Stirners Werk “Der Einzige und sein Eigentum” auseinandersetzt. Seine andere Schriften, z. B. “Das Unwahre Prinzip unserer Erziehung” und “Über Schulgesetze”, enthalten teilweise antipädagogische Elemente, auf die ich hier nicht eingehen werde. Diese Elemente sind im Grunde genommen eine “Vorstufe” zum “Einzigen”.
Der Einzige und sein Eigentum – ein antipädagogisches Poem?
In den 1970er Jahren schrieb der Autor Ekkehard von Braunmühl eine Schrift, die er “Antipädagogik. Studien zur Abschaffung der Erziehung” genannt hat. Es gibt kaum ein anderes Buch, daß die Formen und den Kern der Erziehung mit aller Konsequenz analysiert und gleichzeitig das Tor zu einer speziellen Philosophie eröffnete: zur Stirnerschen Philosophie des Nichts. Dieser radikalen und zugleich psychologisch starken und mutigen Schrift liegt “Der Einzige und sein Eigentum” von Max Stirner zugrunde. Was Braunmühl in dem antipädagogischen Kontext über das Ich zum Ausdruck bringt, beschreibt Stirner im Zusammenhang des Sein und des Nichts und des vergänglichen Ich.

Mit Sicherheit war der Autor des “Einzigen” kein Pädagoge, sowenig er ein Anarchist war. Wir werden uns im Folgenden das Thema etwas genauer anschauen.
Die Etikettierung seiner Philosophie ist wohl einer der großen Irrtümer der philosophischen Geschichte. Und sie ist gleichzeitig ein Zeichen eines psychologischen Defizits der nicht autonomen Ich-Persönlichkeit von Stirners Gegnern- und leider auch manch seiner Anhänger.

Im “Einzigen” wird uns ein selbstschaffender, eigenständiger, autonomer, selbstbestimmter und auf nichts reduzierbarer Menschentyp vorgestellt. Ein Urbild des menschlichen Geschlechts, ein Urselbst, ja, um es vielleicht verständlicher auszudrücken, ein Urselbst mit voller Bewußtheit tritt hier zum Vorschein. Ein Urselbst, das ich hier als den Antipädagogen benennen möchte, sofern man die Antipädagogik nicht nur als auf die Menschen im Kindes- und Jugendalter eingeschränkte Nichterziehung versteht, trifft diese Bezeichnung exakt zu. Daß die Erziehung nicht nur im Kindesalter stattfindet, muß nicht besonders erwähnt werden. So ist auch die Antipädagogik ein Lebensstil, das sich ständig verwirklicht.

Die Pädagogik, sagt Braunmühl hat den Anspruch “andere Menschen in ihren ‘Grundstrukturen’ zu formen, ihnen ‘Ziele der Lebensgestaltung’, den ‘Kurs fürs Leben’ zu setzen, darüber zu bestimmen, was sie als ‘lebenswert’ betrachten, sie zur ‘Verinnerlichung gleichbleibend dominanter Motivationen’ zu zwingen, dieser Anspruch ist es, der mit dem Begriff ‘Erziehung’ gekennzeichnet wird.” (1) Stirner formuliert die Erziehung mit konkreteren Beispielen: “Auf eure Pfaffen, Eltern und guten Menschen könnt Ihr Euch nicht berufen, denn die werden eben als eure Verführer von jenen bezeichnet, als die wahren Jugendverführer und Jugendverderber, die das Unkraut der Selbstverachtung und Gottesverehrung emsig aussäen, die jungen Herzen verschlämmen und die jungen Köpfe verdummen”. (2)

Demnach hat die Pädagogik einen seelisch, geistig und sozial versklavten Menschen zur Folge: Einen Menschentyp, der entfernt von seinem Selbst in seinem Schatten lebt. Diesem Menschentyp treten beide Autoren, der Antipädagoge und der Einzige mit dem Urselbst entgegen. Der Begriff vom Einzigen rückt damit in ein neues Gesichtsfeld: er muß aus einem tiefenpsychologischen Aspekt her betrachtet werden. Dann können wir den Grund der Entstehung der fixen Ideen beim Menschen besser erkennen, was uns wiederum erleichtert, das Urselbst zu verstehen. Während die Pädagogik eine Fremdbestimmung, eine pädagogisierte Wirklichkeit, ein Scheinselbst, ein Geschöpf zur Folge hat, “fordern” der Antipädagoge und der Einzige den pädagogisierten Menschen zurück zu seiner Person als wirkliches Selbst, als Urselbst. Weder das Urselbst noch der Einzige können mit bloßen Worten beschrieben werden. Doch im folgenden Satz steckt das Geheimnis: “Im Einzigen kehrt selbst der Eigner in sein schöpferisches Nichts zurück, aus welchem er geboren wird”. (3) Was ist das schöpferische Nichts, aus dem der Einzige geboren wird? Zunächst einmal zu dem Begriff Urselbst. Das Urselbst ist das Selbst des Säuglings. Und seine Seele “gleicht nicht einem leeren Bauch, in dem alles mögliche einfließen muß, sondern sie ist zentrales Organisationsprinzip, Orientierungszentrum und Aktionsquelle, die von Anfang an über ‘primär autonome Ich-Energien verfügt”. (4)

Diese Urenergien, auch Vor-Ich genannt, werden durch die Erziehung geformt, gelenkt, unterdrückt, zivilisiert, asozialisiert. Erst durch die Verinnerlichung der aufgezwungenen Lebenswerte, also Normen, Projektionen usw. bekommen die Menschen ihre Pflichten und Berufung und schließlich verlieren sie ihre Echtheit ganz oder teilweise und werden zu Bürgern, zu frustrierten Vollstrecker ihrer eigenen Energien. Sie stecken nur noch in ihren menschlichen Ideen und Ideologien. Ob sie “Anarchisten” oder “Polizisten” werden, “macht tiefenpsychologisch gesehen keinen bedeutsamen Unterschied.” (5) Stirner, der auch einst in Ideen bzw. Ideologien sein Selbst gesucht, aber nicht gefunden hat, wollte durch die Eigenheit sein Urselbst zurückerobern. Peter Sloterdijk hat im folgenden Zitat mit einer einfachen und klaren Formulierung vom Einzigen unsere Frage beantwortet, auch wenn er selbst zu einem anderen Ergebnis kommt. Er sagt: “Der Einzige lernt in seinem ‘Mannesalter’, sich von seinen inneren Fremdprogrammierungen abzustoßen, so daß er sie zugleich hat und nicht hat, sie also als ihr freier Herr und Besitzer ‘behält’”.(6) Einst mit autonomer Ich-Energien verfügtes Urselbst ohne Bewußtheit durchlebt eine Selbstfremdung durch die Erziehung und erst im ‘Mannesalter’ gewinnt es sein Urselbst mit Bewußtsein und ohne Fremdprogrammierungen wieder. Das ist der Sinn des Einzigen.

Der Einzige geht davon aus, daß der Mensch von sich aus frei, autonom und spontan ist, deshalb bedarf er keiner Normen, Gesetze, durch die er sich “sozialisieren” sollte, um eventuell ein guter oder ein wahrer Mensch zu werden. Er bedarf also keiner Erziehung, durch die er zu einem Ziel (z. B. ein guter Bürger oder Anarchist) kommen muß. Braunmühl sagt sogar, “nimmt man des Menschen soziale Natur, sein Angelegtsein auf menschliche Gemeinschaft, ernst, ergibt sich gerade aus dieser anthropologischen Prämisse die Möglichkeit, Erziehung zu negieren.”(7) Hierzu sollte man folgende zwei Zitate vergleichen. Zunächst Braunmühl: “… Erziehung zur Autonomie, zur Spontaneität. Diese Erziehungsziele sind allgemein anerkannt und überall festgelegt … ‘Sei spontan!’ – und ‘Sei autonom!’ -Paradoxien bilden den (keinen nicht-krankhaften Ausweg mehr zulassenden) Kern moderner Pädagogik. Die Entselbstung wird perfektioniert. Kinder werden nicht mehr einfach naiv-autoritär herumkommandiert, sie werden ‘pädagogisch gefördert’.”(8) Diese Paradoxie beschreibt Stirner folgendermaßen: “Nun könnte man dem Menschen zurufen: gebrauche Deine Kraft. Doch in diesem Imperativ würde der Sinn gelegt werden, es sei des Menschenaufgabe, seine Kraft zu gebrauchen. So ist es nicht.”(9) Man sieht, wie weit Braunmühl von Stirners Philosophie Gebrauch macht. Und weiter heißt es bei Stirner: “Darum nun, weil Kräfte sich stets von selbst werktätig erweisen, wäre das Gebot, sie zu gebrauchen, überflüssig und sinnlos.”(10)

Der Antipädagoge und der Einzige sind sich einig, daß der Mensch zu nichts berufen ist und weder den Gesetzen noch Geboten gegenüber zum Gehorsam verpflichtet ist. Um ein “wahrer Mensch” zu werden, muß er erst gar nicht erzogen werden. “… Ich bin von Haus “wahrer Mensch”. Mein erstes Lallen ist das Lebenszeichen eines “wahren Menschen” … “Nicht in der Zukunft, ein Gegenstand der Sehnsucht, liegt der wahre Mensch, sondern daseiend und wirklich liegt er in der Gegenwart.”(11) Würden die primär autonomen Ich-Energien des Kindes nicht blockiert sein, wenn also ihre “Spontanautonomie” nicht verhindert, sondern respektiert werden sollten, und würde man das Kind nicht zu irgend welchen Zielen erziehen, “kann man durch die Anerkennung des primären Autonomieanspruchs von vornherein mit Kindern auf menschlich solidarischer Basis leben (statt sich ein ‘Lernziel Solidarität’ zumuten zu lassen).”(12) Die Spontaneität und die Autonomie werden von Braunmühl sowie von Stirner als zwei wichtige, ja sogar Grundelemente des menschlichen Zusammenseins gesehen im Hinblick auf die Entwicklung bzw. Bewußtwerdung des eigenen Ich. Eine spontanautonome Existenzform kann also nur realisiert werden, wenn die Autonomie nicht als sekundäre Eigenschaft, die erst durch Erziehung erzielt werden muß, sondern als Eigenschaft von Anfang an akzeptiert wird. Diese Akzeptanz erfordert folglich eine Nichterziehung, Nichtmoral und Nichteinmischung in das Leben anderer Menschen. In diesem Zusammenhang spricht die Braunmühl’sche Antipädagogik im Umgang mit Kindern und Erwachsenen von einem Nicht-Handeln. “Das ‘positive Nicht-Handeln’ im Sinne der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten von Kindern, das ‘andere Menschen in Ruhe lassen und ihnen und uns eine Chance geben’ ist nun definitiv schon die zentrale Aussage der Antipädagogik”.(13)

Dieses Nicht-Handeln erinnert uns an die Aussage von Lao Tse, der durch Nicht-Tun das Selbst bzw. das Sein zu definieren pflegte. Nicht-Tun heißt nicht, nichts tun, sondern die Dinge (das Sein) so zu lassen, wie sie sind und handeln, ohne handeln zu müssen. Folgende zwei Weisheiten von Lao Tse geben uns das wieder, was Stirner weiter unten sagen wird: “Der Weg bleibt immer im Zustand des Nicht-Tuns, und doch gibt es nichts, das ungetan bliebe.” Oder “Ist man beim Nicht-Tun angekommen, bleibt nichts ungetan.”(14) Lesen wir hierzu die oben angegebenen zwei Zitate (9 und 10) von Stirner und ergänzen dieses noch: “Die Blume folgt nicht dem Berufe, sich zu vollenden, aber sie wendet alle ihre Kräfte auf, die Welt, so gut sie kann, zu genießen und zu verzehren, d.h. sie saugt so viel Säfte der Erde, so viel Luft des Äthers, so viel Licht der Sonne ein, als sie bekommen und beherbergen kann.”(15)

Und nun, noch ein letzter Blick auf die Problematik der Autonomie und der Spontaneität, der uns alsbald zum Schlusse dieses Artikels führen soll. Um diese beiden Grundelemente des menschlichen Existierens wieder zu beleben, ins Leben zu rufen, ihnen ihre ursprüngliche Inhalte zu geben, kann die Antipädagogik diesen Entwicklungsprozeß erleichtern und fördern. “Der Einzige und sein Eigentum” beginnt mit einer Entwicklungspsychologie des Menschen, studiert und analysiert ihn in all seinen komplizierten psychischen Gegebenheiten, Gewohnheiten und Eigenschaften und bietet eine Art radikale Psychoanalyse, um es in Braunmühlscher Sprache auszudrücken, eine Antipsychopädagogik. Diese kann die Überwindung der Gespenster, der fixen Ideen, des inneren Polizisten, des inneren Pfaffen im Jugend- und Erwachsenenalter beschleunigen. Sie bedeutet jedoch nicht die Heranbildung eines Menschen nach einem bestimmten Muster oder Hinführung des Menschen zu Idealen, die den Menschen zu “seiner Berufung”, zu einem “wahren Menschen” führen soll. Nein. Anstatt den Menschen zu spalten in Ich und fixe Ideen oder ihn zu entselbsten, wie die Pädagogik es geschickt tut, kann die Antipsychopädagogik ihm seine individuelle, persönliche, eigene Einheit ermöglichen, wodurch er sein eigenes Urselbstgefühl, seinen Instinkt oder auch seine Intelligenz ausschöpfen kann. Hier sei ein letzter Punkt erwähnt, in dem den Antipädagogen vorgeworfen wird, die Entwicklung und das Heranwachsen des Kindes sei ihnen völlig gleichgültig, da sie sich in die Angelegenheiten des Kindes nicht einmischen. Stirner, der von Anfang bis Ende seines Buches immer wieder die Wichtigkeit der Antipädagogik zum Ausdruck bringt, greift den moralischen Einfluß der Erwachsenen vernichtend an. Beenden wir diese kurze Einführung mit Stirners Worten, die den angesprochenen Vorwurf entlarven: “Wenn ich jemanden zurufe, bei Sprengung eines Felsens aus dessen Nähe zu gehen, so übe ich keinen moralischen Einfluß durch diese Zumutung; wenn ich dem Kinde sage, Du wirst hungern, willst Du nicht essen, was aufgetischt wird, so ist dies kein moralischer Einfluß. Sage Ich ihm aber: Du wirst beten, die Eltern ehren, das Kruzifix respektieren usw. …, so ist der moralische Einfluß fertig; ein Mensch soll da … demütig werden, soll seinen Willen aufgeben gegen einen fremden …”(16)

“Die frechen Buben werden sich von Euch nichts mehr einschwatzen und vorgreinen lassen und kein Mitgefühl für all die Torheiten haben, für welche Ihr seit Menschengedenken schwärmt und faselt; … Glückt es Euch nicht mehr, ihnen Gespensterfurcht einzujagen, so ist die Herrschaft der Gespenster zu Ende.”(17)

Fußnoten:
(1) Ekkehard von Braunmühl: Antipädagogik. Studien zur Abschaffung der Erziehung, Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 3., korrigierte Auflage 1980, S. 78.
(2) Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Reclam, Stuttgart 1981, S. 179.
(3) ebenda, S. 412. – (4) Braunmühl, a. a. O., S. 157.
(5) ebenda, S. 159.
(6) Peter Sloterdijk: Kritik der zynischen Vernunft, Suhrkamp 1983, Band 1, S. 194.
(7) Braunmühl, a. a. O., S. 167.
(8) Braunmühl, a. a. O., S. 153.
(9) Stirner, a. a. O., S. 366.
(10) ebenda, S. 367. – (11) ebenda, S. 367.
(12) Braunmühl, a. a. O., S. 167.
(13) ebenda, S. 104.
(14) Lao Tse: Tao-Te-King, Diogenes 1990, S. 37 und 48.
(15) Stirner, a. a. O., S. 366.
(16) Ebenda, S. 88.
(17) Ebenda, S. 89.

Dieser Artikel erschien erstmals in: DER EINZIGE. Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs Leipzig. Nr. 1/2000.

 

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