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Archiv der Kategorie: Arbeit

Das Tragische an der Emanzipation der Frau


Im Original von Emma Goldman, ins Deutsche übersetzt von ?

Ich beginne mit einem Eingeständnis: Ungeachtet aller politischen und Wirtschaftstheorien, die sich mit den Hauptunterscheidungsmerkmalen verschiedener Gruppen von Menschen befassen, ungeachtet aller unnatürlichen Abgrenzungen zwischen den Rechten der Frau und den Rechten des Mannes, bin ich der Überzeugung , dass es einen Punkt gibt, an dem diese Unterscheidungen nicht länger in Widerspruch zueinander stehen und zu einem großen Ganzen zusammenwachsen.

Was nicht bedeutet, dass ich einen Friedensvertrag unterbreiten will. Die allgemeinen sozialen Gegensätze, die heute überall zu Tage treten und die herbeigeführt sind durch gegensätzliche und widersprüchliche Interessen, werden in dem Moment ihre Absurdität offenbaren, da die Neuordnung unseres sozialen Lebens, das sich gründet auf dem Grundsatz wirtschaftlicher Gerechtigkeit, Realität geworden ist.

Frieden oder Harmonie zwischen den Geschlechtern und den Menschen hängt nicht allein von der formalen Gleichstellung der Menschen ab und setzt auch nicht das Auslöschen individueller Merkmale und Eigenarten voraus. Das Problem, das sich uns heute stellt und dessen Lösung dringend ansteht, liegt darin, seine eigenen Bedürfnisse zu leben und gleichzeitig die Bedürfnisse der anderen nicht außer acht zu lassen, auf andere Menschen eingehen zu können und doch die eigene Persönlichkeit zu bewahren. Für mich ist das die Basis, auf der sich die Massen und der Einzelne, der wahre Demokrat und der wahre Mensch, Mann und Frau ohne Feindschaft und Opposition begegnen können. Der Wahlspruch sollte nicht sein: Vergebt einander, sondern eher: Versucht, einander zu verstehen. Der oft zitierte Satz der Madame de Stael: “Alles zu verstehen, bedeutet alles zu vergeben”, hat mich nie sonderlich angesprochen, er hat so etwas Konfessionelles; jemandem zu vergeben, beinhaltet ein Stückchen Selbstgerechtigkeit. Jemanden zu verstehen ist ausreichend. Mein Eingeständnis ist zum Teil Ausdruck meiner grundsätzlichen Einschätzung der Frauenemanzipation und deren Auswirkung auf die Geschlechter.

Die Emanzipation sollte es der Frau ermöglichen, im wahrsten Sinne menschlich zu sein. All jene Kräfte in ihr, die nach Anerkennung und Aktivität verlangen, sollten voll zum Ausdruck kommen; alle unnatürlichen Schranken abgebaut und der Weg zu größerer Freiheit geräumt werden von allen Spuren jahrhundertelanger Unterwerfung und Sklaverei.

Das war das ursprüngliche Ziel der Frauenbewegung. Aber das, was seither erreicht wurde, hat die Frau isoliert und sie der Quelle der Freude beraubt, die für sie so wichtig ist. Die nur rein formelle Emanzipation hat aus der Frau von heute ein unnatürliches Wesen gemacht, das an die Produkte französischer Baumzucht erinnert mit ihren arabesken Bäumen und Sträuchern, Pyramiden, Rädern und Kränzen; dabei kommt alles mögliche zum Ausdruck, nur nicht ihre inneren Fähigkeiten und Eigenschaften. Von solchen unnatürlichen weiblichen Wesen gibt es eine ganze Reihe, besonders in den sogenannten intellektuellen Kreisen.

Freiheit und Gleichheit für die Frau! Was für Hoffnungen und Erwartungen wurden durch diese Worte geweckt, als sie das erste Mal ausgesprochen wurden von einigen der größten und mutigsten Geister jener Zeit. Eine neue, leuchtende und strahlende Sonne schien aufzugehen über einer neuen Welt; in dieser Welt hatte die Frau die Freiheit, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen – ein Ziel, das große Begeisterung, den Mut, die Ausdauer und das unermüdliche Bemühen der vielen Männer und Frauen sicherlich wert war, die alles einsetzten gegen eine Welt des Vorurteils und des Nicht-Verstehens.

Auch meine Hoffnungen richten sich auf dieses Ziel, jedoch glaube ich, dass die Emanzipation der Frau, wie sie heute interpretiert und auch gelebt wird, nicht dorthin führen kann. Es ist heute für die Frau notwendig geworden, sich von der Emanzipation zu emanzipieren, will sie wirklich frei sein. Das mag paradox klingen, ist jedoch nur zu wahr.

Was hat sie durch die Emanzipation erreicht? In einigen Staaten gleiches Wahlrecht. Hat das etwa unser politisches Leben vom Schmutz befreit, wie einige wohlmeinende Befürworter voraussagten? Ganz sicher nicht. Tatsächlich ist es an der Zeit, dass Leute mit klarem und vernünftigem Beurteilungsvermögen aufhören, über politische Korruption in schulmeisterlichem Ton zu reden. Korruption in der Politik hat nichts zu tun mit dem Moralverständnis oder der lockeren Moral einiger Politiker. Sie beruht einzig auf materialistischen Umständen. Politik ist das Spiegelbild der Wirtschaft und Industrie mit ihren Wahlsprüchen: „Nehmen ist seliger als geben”, „Kaufe billig und verkaufe teuer”, „Eine schmutzige Hand wäscht die andere”. Es besteht keine Hoffnung, dass die Frau – trotz Stimmrecht – je die Politik vom Schmutz befreien wird.

Die Emanzipation hat der Frau wirtschaftliche Gleichberechtigung gebracht; d.h. sie kann sich ihren eigenen Beruf und ihr eigenes Handwerk wählen; da sie jedoch nach wie vor physisch nicht in jedem Fall in der Lage ist, es mit dem Mann aufzunehmen, muß sie oft alle ihr zur Verfügung stehenden Kräfte aufwenden, ihre Vitalität verbrauchen und ihre Nerven aufs Äußerste anspannen, um den Marktwert zu erreichen. Und nur ein Bruchteil ist erfolgreich, denn nachweislich wird den Lehrerinnen, Ärztinnen, Rechtsanwältinnen, Architektinnen und weiblichen Ingenieuren weder das gleiche Vertrauen wie ihren männlichen Kollegen entgegengebracht, noch werden sie gleich bezahlt. Und die, die tatsächlich die so verlockende Gleichstellung erreichen, erreichen sie größtenteils auf Kosten ihres physischen und psychischen Wohlergehens. Wieviel Unabhängigkeit ist erreicht, wenn die Masse der arbeitenden Frauen und Mädchen die Borniertheit und den Mangel an Freiheit zuhause eintauscht gegen die Borniertheit und den Mangel an Freiheit in der Fabrik, den Ausbeutungsbetrieben, im Kaufhaus oder Büro? Dazu kommt die Belastung vieler Frauen, die nach einem harten Arbeitstag sich auch noch um Heim und Herd kümmern müssen – kalt, trostlos, unaufgeräumt, unfreundlich! Was für eine herrliche Unabhängigkeit! Kein Wunder, daß so viele junge Mädchen, die ihre “Unabhängigkeit” hinter dem Ladentisch, der Näh- oder Schreibmaschine gründlich satt haben, jede Möglichkeit zu heiraten sofort wahrnehmen. Sie wollen genauso gern heiraten wie die Mädchen der Mittelklasse, die endlich dem elterlichen Gewahrsam entfliehen wollen. Eine sogenannte Unabhängigkeit, die einzig dazu führt, ein minimales Auskommen zu haben, ist nicht so verlockend und ideal, daß man erwarten könnte, eine Frau würde alles dafür hergeben. Unsere so gepriesene Unabhängigkeit ist letztendlich nur ein Prozeß der ständigen Vergewaltigung der natürlichen Eigenschaften der Frau, ihres Liebesempfindens und Muttergefühls.

Dennoch ist die Lage der Arbeiterinnen um vieles natürlicher und menschlicher als die ihrer scheinbar viel glücklicheren Schwestern in einem Beruf, der einen höheren Bildungsgrad voraussetzt – Lehrerinnen, Ärztinnen, Rechtsanwältinnen, weibliche Ingenieure etc., die nach außen würdig und korrekt erscheinen müssen, während ihr Gefühlsleben erkaltet und erstickt.

Die Borniertheit der heutigen Auslegung der Unabhängigkeit und Emanzipation der Frau; die Angst vor der Liebe zu einem Mann, der ihr gesellschaftlich unterlegen ist; die Furcht davor, daß ihre Liebe sie ihrer Freiheit und Unabhängigkeit beraubt; der Horror davor, daß sie durch Liebe oder Muttersein daran gehindert wird, ihren Beruf richtig auszuüben – all dies trägt dazu bei, daß die emanzipierte Frau von heute zu einer zwangsmäßigen Jungfrau wird, an der das Leben mit seinen großen Höhen und Tiefen vorübergeht, ohne ihr Innerstes zu berühren oder gar zu packen.

Emanzipation, wie sie von der Mehrheit ihrer Anhängerinnen und Vertreterinnen verstanden wird, ist viel zu eng gefaßt, als daß sie Raum lassen würde für grenzenlose Liebe und Verzückung, die in der Empfindungswelt der wahren Frau, Geliebten und Mutter so tief verankert sind.

Die Tragik der sich selbst versorgenden oder wirtschaftlich unabhängigen Frau liegt nicht in zu viel, sondern in zu wenig Erfahrung. zwar ist sie ihren Schwestern vergangener Generationen überlegen in Bezug auf ihr Wissen von der Welt und den Menschen; aber gerade deshalb spürt sie umso deutlicher den Mangel an Wesentlichem im Leben, das allein den Geist des Menschen bereichern kann und ohne das die Mehrzahl der Frauen zu Automaten ihres Berufes geworden sind.

Daß es dazu kommen würde, wurde schon lange vorausgesagt von denen, die erkannt hatten, daß es auf dem Gebiet der Ethik viele Relikte gab aus der Zeit, da der Mann uneingeschränkt regierte; Überreste, die noch immer für brauchbar gehalten werden. Und, was wichtiger ist, viele der emanzipierten Frauen können ohne sie gar nicht zurechtkommen. In jeder Bewegung, die abzielt auf die Zerstörung existierender Institutionen und deren Ersetzung durch fortschrittlichere und perfektere Einrichtungen gibt es Anhänger, die theoretisch für die radikalsten Ideen eintreten, im täglichen Leben allerdings genauso spießbürgerlich sind wie andere, Ehrbarkeit vortäuschen und von ihren Gegnern nicht schlecht angesehen werden möchten. Es gibt z.B. Sozialisten und auch Anarchisten, die laut proklamieren, Besitz sei Diebstahl, gleichzeitig jedoch empört darüber sind, daß ihnen jemand soviel wie vielleicht ein halbes Dutzend Stecknadeln schuldet.

Die gleichen Spießbürger gibt es auch in der Frauenbewegung. Sensationsreporter und schlechte Literaten haben die emanzipierte Frau derart dargestellt, daß es dem normalen Sterblichen und seinen Mitbürgern die Haare zu Berge stehen läßt. Jede Frauenrechtlerin wurde wie George Sand dargestellt, als sei sie absolut unmoralisch. Nichts war ihr heilig. Sie zeigte keine Achtung vor der idealen Beziehung zwischen Mann und Frau. Kurz, Emanzipation war ein Synonym für leichtsinniges Leben voll Lust und Sünde, ohne Rücksicht auf Gesellschaft, Religion und Moral. Die Frauenrechtlerinnen zeigten sich über derartige Mißinterpretation äußerst empört und – leider fehlte es ihnen an Humor – brachten all ihre Energien auf, um zu beweisen, daß sie absolut nicht so schlecht waren wie dargestellt, sondern ganz im Gegenteil. Natürlich konnte die Frau, solange sie die Sklavin des Mannes gewesen war, nicht gut und rein sein, nun aber, da sie frei und unabhängig war, würde sie beweisen, wie gut sie sein konnte und daß ihr Einfluß eine befreiende Wirkung auf alle gesellschaftlichen Einrichtungen haben würde. Die Frauenrechtsbewegung hat sicherlich viele alte Fesseln gesprengt, gleichzeitig jedoch zum Entstehen neuer beigetragen. Die große, wahre Frauenrechtsbewegung hat nur wenige Anhängerinnen gefunden, die der Freiheit furchtlos ins Gesicht sehen konnten. Ihre bornierte und puritanische Einschätzung der Bewegung verbannte den Mann als Störenfried und zwielichtigen Charakter aus ihrem Gefühlsleben. Um keinen Preis wurde der Mann toleriert, außer vielleicht als Vater eines Kindes, da ein Kind ja schlecht ohne Vater geboren werden konnte. Glücklicherweise werden jedoch auch die strengen Puritaner nie stark genug sein, das angeborene Verlangen nach Mutterschaft abzutöten. Aber die Freiheit der Frau steht in engem Verhältnis zur Freiheit des Mannes, und viele meiner sogenannten emanzipierten Schwestern scheinen zu übersehen, daß ein in Freiheit geborenes Kind Liebe und Zuneigung von allen es umgebenden Menschen braucht, seien sie nun männlich oder weiblich. Leider liegt es an dieser bornierten Einschätzung zwischenmenschlicher Beziehungen, daß das Leben der Männer und Frauen von heute oft recht trostlos erscheint.

Vor ungefähr fünfzehn Jahren erschien ein Werk der großartigen Norwegerin Laura Marholm “Die Frau. Eine Charakterstudie”, (Woman, a Character Study). Sie war eine der ersten, die aufmerksam machte auf die Leere und Borniertheit der damaligen Vorstellung von Frauenemanzipation und ihren trostlosen Einfluß auf das Innenleben der Frau. In ihrem Werk erzählt Laura Marholm die Geschichte einiger begabter Frauen von internationalem Ruhm: die hervorragende Eleonora Duse; die großartige Mathematikerin und Schriftstellerin Sonya Kovalevskaia; die Künstlerin und Dichterin Marie Bashkirtzeff, die so jung gestorben ist. In jeder Biographie dieser außergewöhnlichen Frauen zieht sich wie ein roter Faden ihr unbefriedigtes Streben nach einem ausgefüllten, harmonischen und schönen Leben und die Unruhe und Einsamkeit, da es ihr verweigert ist. Aufgrund dieser großartigen psychologischen Schilderungen ergibt sich zwangsläufig die Folgerung, daß, je intelligenter eine Frau ist, es desto schwieriger für sie ist, einen passenden Partner zu finden, der in ihr nicht nur Sexualität, sondern auch den Menschen, den Freund, den Kameraden und ihre Persönlichkeit anerkennt, die nicht auf ein Charaktermerkmal verzichten könnte oder sollte.

Der Durchschnittsmann mit seinem Eigendünkel und seinem lächerlichen Gefühl der Überlegenheit gegenüber dem weiblichen Geschlecht ist für die Frau, wie sie in der Charakterstudie von Laura Marholm dargestellt ist, ein unmöglicher Partner. Genauso unmöglich ist für sie der Mann, der nur ihren Geist und ihre Intellektualität sieht, aber nicht die Frau in ihr ansprechen kann.

Intellekt und aufrechter Charakter werden gewöhnlich als die Merkmale einer starken und großen Persönlichkeit angesehen. Für die Frau von heute stellen diese Merkmale ein Hindernis für ihre volle Anerkennung dar. Für über 100 Jahre wurde die traditionelle Ehe, gestützt auf die Bibel, „Bis daß der Tod Euch scheidet“, als eine Einrichtung angesehen, die gleichbedeutend war mit der Herrschaft des Mannes über die Frau, mit ihrer völligen Ausgesetztheit gegenüber seinen Launen und Befehlen und absoluter Abhängigkeit von seinem Namen und seiner Unterstützung. Immer wieder hat es sich gezeigt, daß in der traditionellen Ehe die Frau in ihrer Funktion beschränkt war auf seine Dienerin und Mutter seiner Kinder. Und dennoch gibt es viele emanzipierte Frauen, die eine Ehe mit all ihren Nachteilen der Beschränktheit eines Alleinlebens vorziehen: eingeengt und unerträglich, da moralische und gesellschaftliche Vorurteile sie an der Entfaltung ihrer Persönlichkeit hindern.

Die Erklärung für ein derartig inkonsequentes Verhalten vieler fortschrittlicher Frauen liegt darin begründet, daß sie die Bedeutung der Emanzipation nie richtig erkannt haben. Sie dachten, daß das einzig Notwendige die Befreiung von äußeren Zwängen sei; der innere Zwang, der auf das Leben und die Entwicklung einen viel schädlicheren Einfluß ausübt – ethische und gesellschaftliche Konventionen – wurden außer acht gelassen, und sie haben das ihrige getan. Sie scheinen in den Köpfen und Herzen der aktivsten Frauenrechtlerinnen genauso verwurzelt zu sein wie schon in den Köpfen und Herzen unserer Großmütter.

Diese inneren Zwänge, haben sie nun die Form von öffentlicher Meinung oder der Frage „Was sagt Mutter dazu“, oder der Bruder, der Vater, die Tante oder irgendein anderer Verwandter; was wird Mrs. Gundy, Mr. Comstock, der Arbeitgeber, die Erziehungsbehörde dazu sagen? Diese ganzen Wichtigtuer, Detektive der Moral, Gefangenenwärter der menschlichen Seele, was sagen sie dazu? Solange die Frau nicht gelernt hat, ihnen die Stirn zu bieten, fest auf ihren eigenen Füßen zu stehen und auf ihre eigene, unbeschränkte Freiheit zu pochen, ihrer inneren Stimme zu lauschen, ob es nun geht um die größte Kostbarkeit im Leben, die Liebe zu einem Mann, oder um ihr großartigstes Privileg, einem Kind das Leben schenken zu können, ist sie nicht wirklich emanzipiert. Wieviele emanzipierte Frauen sind mutig genug zuzugeben, daß in ihnen die Stimme der Liebe ruft, ganz heftig in ihrer Brust klopft und drängt, gehört und befriedigt zu werden.

Der französische Schriftsteller Jean Reibrach versucht in einem seiner Romane, “Neue Schönheit” (New Beauty), die ideale, schöne, emanzipierte Frau darzustellen. Dieses Ideal wird verkörpert durch ein junges Mädchen, eine Ärztin. Sie spricht sehr schlau und weise darüber, wie man Kinder füttert; ist sehr gütig und verteilt an arme Mütter kostenlos Medikamente. Sie spricht mit einem jungen Bekannten über Hygienebedingungen der Zukunft und darüber, daß verschiedene Bazillen und Keime ausgerottet werden sollen durch den Bau von Steinwänden und Fußböden und die Abschaffung von Teppichen und Gardinen. Es versteht sich, daß sie sehr schlicht und praktisch gekleidet ist, meistens trägt sie schwarz. Der junge Mann, der bei ihrer ersten Begegnung tief beeindruckt war von der Weisheit dieser emanzipierten Frau, beginnt allmählich, sie zu verstehen und erkennt eines Tages, daß er sie liebt. Sie sind beide jung, und sie ist gütig und schön, und gleichwohl sie immer sehr streng gekleidet ist, wird der Eindruck gemildert durch einen blütenweißen Kragen und Manschetten. Man würde erwarten, daß er ihr von seiner Liebe spricht, aber er hält so etwas für viel zu romantisch. Vor der reinen Schönheit des Mädchens verstecken sich errötend Poesie und Liebestaumel. Er unterdrückt seine innere Stimme und bleibt korrekt. Auch sie verhält sich ständig korrekt, rational und wohlerzogen. Ich glaube fast, wären die beiden einen Bund eingegangen, hätte der junge Mann es darauf ankommen lassen zu erfrieren. Und ich muß zugeben, daß ich an diesem neuen Schönheitsbild nichts Schönes entdecken kann, denn das Mädchen ist ebenso kalt wie die Steinmauern und Fußböden aus ihren Träumen. Da sind mir romantische Liebeslieder, Don Juan und die Venus, eine nächtliche Entführung bei Mondschein mit Strick und Leiter, verfolgt vom Fluch des Vaters, den Tränen der Mutter und dem Klatsch der Nachbarn wesentlich lieber als Korrektheit und eiserne Anstandsformen. Wenn Liebende es nicht fertigbringen, ohne Einschränkung zu geben und zu nehmen, handelt es sich nicht um Liebe, sondern um einen Geschäftsabschluß, in dem ständig Plus und Minus gegeneinander abgewogen werden.

Die größte Einschränkung erfährt die heutige Emanzipation durch ihre unnatürliche Steifheit und bornierten Anstandsregeln, die in der Seele der Frau eine Leere hervorrufen, die es ihr versagt, vom Quell ihres Lebens zu trinken. Ich habe weiter oben bereits erwähnt, daß zwischen der altmodischen Mutter und Hausfrau, die sich ständig bereithält, um für das Glück ihrer Kinder und das Wohl ihrer Lieben zu sorgen und der wirklich emanzipierten Frau eine tiefere Verwandtschaft besteht als zwischen der letzteren und ihrer angeblich so emanzipierten Schwester. Die Schülerinnen der Emanzipation erklärten mich schlicht und einfach zur Heidin, auf die nur noch der Scheiterhaufen warte. Ihr blinder Eifer ließ sie übersehen, daß mein Vergleich zwischen dem Alten und Neuen einzig darauf abzielte zu beweisen, daß die meisten unserer Großmütter mehr Blut in ihren Adern hatten und sehr viel humorvoller, witziger und sicherlich auch sehr viel natürlicher, herzlicher und unkomplizierter waren als die meisten unserer emanzipierten Geistesarbeiterinnen, die die Universitäten, Studienzimmer und Büros bevölkern. Was nicht bedeutet, daß ich zurückkehren möchte zur Vergangenheit oder die Frau in ihren alten Bereich, die Küche und Kinderpflege, zurückdrängen möchte.

Eine Lösung liegt im Vorwärtsstreben in Richtung auf eine schönere und klarere Zukunft. Unbedingt müssen wir über alte Traditionen und Gewohnheiten hinauswachsen. Die Frauenbewegung hat erst einen winzigen Schritt in diese Richtung getan. Es bleibt zu hoffen, daß sie die Kraft aufbringt, weiterzustreben. Das Stimmrecht oder gleiche Bürgerrechte sind angemessene Forderungen, jedoch beginnt die wahre Emanzipation weder an der Wahlurne noch in den Gerichten. Sie beginnt im Herzen der Frau. Die Geschichte lehrt uns, daß jede unterdrückte Klasse die wahre Befreiung von ihren Beherrschern nur durch eigene Anstrengungen erreicht hat. Es ist notwendig, daß die Frau dieses einsieht, daß sie erkennt, daß ihre Freiheit so weit reichen wird wie ihre Kraft zur Erreichung ihrer Freiheit. Es ist daher umso wichtiger, sich von der Last der Vorurteile, Traditionen und Gewohnheiten zu lösen. Die Forderung nach gleichen Rechten ist gerecht und fair; letztendlich ist jedoch das wichtigste Recht das Recht auf Liebe und darauf, geliebt zu werden. Soll die teilweise Emanzipation tatsächlich zu vollständiger und reiner Emanzipation werden, so muß aufgeräumt werden mit der lächerlichen Vorstellung, geliebt zu werden, Geliebte und Mutter zu sein, sei gleichbedeutend mit Sklave und Untertan zu sein. Es muß aufgeräumt werden mit der absurden Vorstellung des Dualismus der Geschlechter oder daß Mann und Frau Vertreter zweier feindlicher Lager seien.

Kleinlichkeit spaltet, Großzügigkeit verbindet. Laßt uns groß und großzügig sein. Laßt uns über all das Triviale das Wesentliche nicht aus den Augen verlieren. In der echten Beziehung zwischen Mann und Frau wird es keinen Sieger und keinen Besiegten geben sondern nur eines: immer wieder zu geben, um dadurch bereichert zu werden, tiefer empfinden zu können und gütiger zu werden. Dies allein kann die Leere ausfüllen, kann das Tragische an der Emanzipation der Frau ersetzen durch Glück, grenzenloses Glück.

 

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Unser Job ist es


Im Original von Crimethinc., aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt von Arsen_13

Willkommen zu unserer Anzeige. Es ist immer wieder beruhigend für uns hier im großen Geschäft mit den blauen Scheinen zu wissen, dass sich dein Blick ständig auf die Bilder von schönen Frauen richtet, die an phallisch geformten Dingen lecken – es macht es uns so viel einfacher deine Aufmerksamkeit zu bekommen. Und wenn wir schon mal deine Aufmerksamkeit haben, dann ist es ein leichtes für uns, dich zum Kaufen irgendwelcher Waren zu bringen, von denen du gar keinen Nutzen hast und für die du auch eigentlich kein Geld hast. Kauf einfach auf Kredit oder zahl’s ab in Raten – Damit können wir dich an einen Job fesseln, den du abgrundtief hasst, einfach weil du uns den Kredit oder die Raten wieder zurückzahlen musst. Und indem du förmlich durch diesen Job geschleift wirst, 8 Stunden am Tag, 5 Tage die Woche, immer wieder vollkommen k.o. nach Hause kommst, du nur noch die Glotze anschalten und die Plackerei endlich vergessen willst, wirst du niemals wirklich etwas tun, um dieses System aus dem Gleichgewicht zu bringen, für dessen Erhalt wir doch alle so hart arbeiten – 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Und selbstverständlich kommen auch diese schönen Frauen wieder, sobald du dich einmal vor den Kasten gepflanzt hast! Und das wirklich schöne an all dem ist, dass dieser Weg nicht nur effizient ist, sondern auch praktisch zwingend ist!!! Du hilfst uns dabei und wir helfen dir dabei immer schon „auf der geraden Bahn zu bleiben“!

 

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Arbeit: Raub des Lebens


Von Wolfi Landstreicher, aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt von die Eule (dieeule a-im-kreis riseup punkt net)

„Was ist der Bombenanschlag auf einen Richter, die Entführung eines Industriellen, das Hängen eines Politikers, das Erschiessen eines Polizisten, das Plündern eines Supermarktes, die Brandstiftung am Büro eines Bevollmächtigten, die Steinigung eines Journalisten, das Erpressen eines Intellektuellen, das Plündern eines Künstlers angesichts der tödlichen Entfremdung unserer Existenz, dem viel zu frühen Lärm des Weckers, dem Verkehrsstau auf der Schnellstrasse, den aneinandergereihten Gütern auf den Regalen?“

Der Wecker unterbricht deinen Schlaf erneut – wie immer viel zu früh. Du schleppst dich von deinem warmen Bett zum Badezimmer, um eine Dusche zu nehmen, dich zu rasieren und zu kacken, dann rennst du zur Küche runter, wo du Pasteten machst oder, wenn du Zeit hast, ein bisschen Toast mit Eiern und einer Tasse Kaffee. Dann eilst du zur Tür raus, um gegen den Verkehrsstau oder die vielen Menschen in der Metro anzukämpfen, bis du endlich ankommst… bei deiner Arbeit, wo du deinen Tag mit Aufgaben verbringst, die du dir nicht selbst ausgesucht hast, in aufgezwungener Gemeinschaft mit anderen, die mit damit zusammenhängenden Aufgaben beschäftigt sind, da ist die fortwährende Reproduktion der sozialen Beziehungen das wichtigste Ziel, was dich dazu zwingt, auf diese Art und Weise zu überleben.

Aber das ist nicht alles. Als Ausgleich erhältst du einen Lohn, eine Summe von Geld, die du (nach Bezahlen der Miete und der Rechnungen) in die Einkaufszentren tragen musst, um Nahrung, Kleider, verschiedene Notwendigkeiten und Unterhaltungswaren zu kaufen. Obwohl dies als deine „freie Zeit“ angesehen wird, ist auch sie eine obligatorische Aktivität, welche dein Überleben nur sekundär garantiert, sein primärer Grund ist wiederum die Reproduktion der sozialen Ordnung. Und für die meisten Menschen sind von diesen Zwängen freie Momente immer seltener.

Nach der herrschenden Ideologie dieser Gesellschaft ist diese Existenz das Resultat eines sozialen Vertrages zwischen Gleichen – gleich vor dem herrschenden Gesetz. Der /die ArbeiterIn, heisst es, ist damit einverstanden, seine/ihre Arbeit dem/der ChefIn für ein gegenseitiges Einverständnis über den Lohn zu verkaufen. Aber kann ein solcher Vertrag als frei und gleich angesehen werden, wenn die eine Seite die ganze Macht in Händen hält?

Wenn wir diesen Vertrag etwas genauer betrachten, wird es klar, dass es überhaupt kein Vertrag ist, sondern die extremste und gewalttätigste Erpressung. Am offensichtlichsten tritt dies am Rande der kapitalistischen Gesellschaft auf, wo Menschen, die für Jahrhunderte (oder, in einigen Fällen, Jahrtausende) nach eigenen Bedingungen gelebt haben, plötzlich ihre Möglichkeiten zur Selbstbestimmung ihrer Lebensbedingungen vernichtet, und dies als das Werk von Bulldozern, Kettensägen, Bergbaumaschinen etc. der Herrschenden dieser Welt. Aber es ist ein Prozess, der sich über Jahrhunderte erstreckte, von offensichtlichem und grossflächigem Raub von Land und Leben, der durch die herrschende Klasse erzwungen und ausgeführt wurde. Der Mittel beraubt, ihre Lebensbedingungen selbst zu bestimmen, kann nicht mehr ernsthaft behauptet werden, dass die Ausgebeuteten frei und gleich mit ihren AusbeuterInnen Verträge abschliessen können. Es ist ein klarer Fall von Erpressung.

Und was sind die Bedingungen dieser Erpressung? Die Ausgebeuteten werden gezwungen, Zeit ihres Lebens an ihre AusbeuterInnen im Austausch für das Überleben zu verkaufen. Und dies ist die wirkliche Tragödie der Arbeit. Die soziale Ordnung der Arbeit gründet auf dem auferlegten Gegensatz von Leben und Überleben. Die Frage, wie jemand überleben wird, unterdrückt die Art, wie jemand leben will, und mit der Zeit scheint dies alles natürlich und mensch beschränkt die eigenen Träume und Wünsche auf die Dinge, die mit Geld gekauft werden können.

Wie auch immer, die Bedingungen der Arbeitswelt lassen sich nicht nur auf diejenigen anwenden, die eine Arbeit haben. Es ist leicht zu sehen, wie die Arbeitslosen voller Angst vor Obdachlosigkeit und Hunger von der Arbeitswelt ergriffen sind. Aber dieselben sind Empfänger von Staatshilfe, dessen Überleben auf der Beistands-Bürokratie basiert… sogar diejenigen, für die die Vermeidung einer Arbeit eine solche Priorität bekommen hat, dass die eigenen Entscheidungen um Betrug, Ladendiebstahl, Müll kreisen – eben all den verschiedenen Wegen, um ohne einen Job durchzukommen -, sind davon ergriffen. Mit anderen Worten werden Aktivitäten, die gute Mittel zur Unterstützung eines Lebensprojekts sein könnten, selbst zu abgeschlossenen Aufgaben oder Zielen, indem das reine Überleben zum Lebensprojekt wird. Inwiefern unterscheidet sich dies denn wirklich von einem Job?

Aber was ist denn die wirkliche Basis der Macht hinter dieser Erpressung, welche die Arbeitswelt darstellt? Natürlich gibt es Gesetze und Gerichte, Polizei und Militär, Geldstrafen und Gefängnisse, die Angst vor Hunger und Obdachlosigkeit – all die sehr realen und bedeutenden Aspekte der Herrschaft. Aber sogar die staatliche Waffengewalt kann nur dann ihre Aufgaben erfolgreich durchführen, wenn die Menschen sich unterwerfen. Und hier finden wir die wirkliche Basis jeglicher Herrschaft – die Unterwerfung der Sklaven, ihre Entscheidung, die Sicherheit der bekannten Not und Dienerschaft zu akzeptieren, statt das Risiko der ungekannten Freiheit einzugehen, also ihre Einwilligung, ein garantiertes, aber farbloses Überleben zu akzeptieren im Austausch für die Möglichkeit eines wirklichen Lebens, das eben keine Garantien bietet.

Um also der eigenen Sklaverei ein Ende zu setzen, um über die Grenzen des blossen Überlebens hinaus zu gelangen, ist es notwendig, sich für die Verweigerung der Unterwerfung zu entscheiden; es ist notwendig damit zu beginnen, sich das eigene Leben hier und jetzt wieder anzueignen. Durch ein solches Projekt gerät mensch unvermeidlich in einen Konflikt mit der gesamten sozialen Ordnung der Arbeit; also muss das Projekt der Rückeroberung der eigenen Existenz auch das Projekt der Zerstörung der Arbeit sein. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wenn ich „Arbeit“ sage, meine ich damit nicht die Aktivität, wodurch die Mittel der eigenen Existenz geschaffen werden (welche idealerweise niemals vom einfachen Leben getrennt sein würden), sondern eine soziale Beziehung, welche diese Aktivität in eine vom eigenen Leben getrennte Sphäre transformiert und sie in den Dienst der herrschenden Ordnung setzt, so dass die Aktivität eigentlich aufhört, irgend eine direkte Beziehung zur Bildung der eigenen Existenz zu haben, sondern sie bloss im Reich des Überlebens aufrecht erhält (unabhängig vom Grad des Konsums) durch eine Serie von Entfremdungen, von welchen Eigentum, Geld und Warenaustausch zu den wichtigsten gehören. Dies ist die Welt, welche wir zerstören müssen im Prozess der Rückeroberung unserer Leben, und die Notwendigkeit dieser Zerstörung macht das Projekt der Wiederaneignung unseres Lebens eins mit dem Projekt des Aufstands und der sozialen Revolution.

 

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Es gibt eine geheime Welt


Im Original von Crimethinc., vom Amerikanischen ins Deutsche übersetzt von Arsen 13

Diese Welt, die sogenannte “wirkliche Welt” ist nur eine Fassade. Zieh den Vorhang zur Seite und du wirst merken, daß die Bibliotheken voller AusreißerInnen sind, die Romane schreiben, daß sich auf den Autobahnen lauter Flüchtende und SympathisantInnen tummeln, daß all die SekretärInnen und vernünftigen Eltern an ihren Ketten zerren und nach einer Chance suchen, um zu zeigen, wie lebendig sie noch sind… Und all das Geschwätz über “Sachlichkeit” und “Verantwortung” ist nur eine Drohung und ein Bluff, damit wir nicht wagen unsere Hände nach der anderen Welt auszustrecken, die so nah vor uns liegt.

Es gibt eine geheime Welt, die in dieser verborgen ist.

Du kannst sie im ungestümen Aufbäumen deines ersten Kusses schmecken oder in dem Blut, das nach einem plötzlichen Unfall in deinen Mundwinkel fließt, wenn du begreifst, daß du gerade nur knapp dem Tod entronnen bist. Du kannst sie in den Windböen spüren, die dir in einer Nacht voller Abenteuer auf den Häuserdächern einer Stadt um die Ohren pfeifen. Du kannst sie im Zauber deines Lieblingslieds hören, wie es dich bewegt auf eine Art, die keine Wissenschaft messen kann. Es kann sein, daß du einen Beweis für sie auf einer öffentlichen Toilette gefunden hast, eine in die Klotür eingeritzte geheime Botschaft, die du nicht entschlüsseln kannst. Oder daß du einen Hinweis auf sie in der blassen Projektion der Kinofilme gesehen hast, die dafür gemacht sind uns bei Laune zu halten. Sie schwingt in unseren Erzählungen mit, wenn wir von unseren Lüsten und Sehnsüchten sprechen, die immer noch hinter den Mauern unserer “pragmatischen” und “realistischen” Lebensweise lauern.

Wenn DichterInnen und AktivistInnen bis zum Morgengrauen wach bleiben und ihre Hirne zermatern, um die perfekte Zusammenstellung von Wörtern und/oder Umsetzung von Aktionen zu finden, die das Feuer in die Herzen (und Städte) tragen, dann versuchen sie nichts anderes als einen versteckten Eingang in sie zu finden. Wenn Kinder aus dem Fenster klettern und spät nachts durch die Nachbarschaft streifen, wenn FreiheitskämpferInnen nach den Schwächen in den Festungen der Regierung suchen, wenn Teenager eine Reklametafel zerstören um sich die ganze Nacht Verfolgungsjagden mit den Bullen liefern zu können, wenn AnarchistInnen den geordneten Ablauf einer Demonstration stören und die Schaufenster einer Firmenkette entglasen, dann versuchen sie alle ihren Eingang zu stürmen.

Wenn du Sex hast und du entdeckst neue Gefühle und Körperregionen deines/deiner LiebhaberIn, und ihr beide fühlt euch wie ForscherInnen, die neue Weltteile entdecken, die einer Wüstenoase oder der Küste eines unbekannten Kontinents ebenbürtig sind, dann entwerft ihr ein Bild ihres Gebiets.

Es ist bestimmt keine sicherere Welt als diese hier – im Gegenteil ist es das Empfinden der Gefahr dort, daß uns wiederbelebt: Das Gefühl, daß wir für einen Augenblick, der die Vergangenheit und Zukunft umschließt, wirklich etwas riskieren.

Vielleicht bist du irgendwann mal durch Zufall auf sie gestossen und warst begeistert davon, was du da gefunden hast. Die alte Welt war hinter dir und in dir zersplittert und keinE WissenschaftlerIn konnte sie je wieder zusammensetzen. Alles davor wurde unwichtig, irrelevant und lächerlich als die Horizonte sich plötzlich erweiterten und sich neue vorher unvorstellbare Wege öffneten. Und vielleicht hast du dir geschworen, daß du niemals wieder in die alte Welt zurückkehren würdest, daß du dein ganzes restliches Leben hier leben würdest, aufgeladen von der Lust am Abenteuer und der Veränderung. Aber natürlich bist du wieder dorthin zurückgekehrt.

Der gesunde Menschenverstand prügelt uns ein, daß diese Welt nur immer kurzfristig erlebt werden kann, daß es nur der kurze Moment der Veränderung ist und nichts weiter. Aber die Legenden, die wir uns an den Lagerfeuern erzählen, sprechen von ganz anderen Geschichten: Wir hören von Menschen, die sich für Wochen und Monate dort aufhielten, Menschen, die niemals von dort zurückgekehrt sind, die dort als HeldInnen lebten und starben. Wir wissen, daß diese geheime Welt nah ist und auf uns wartet. Wir fühlen es in dieser atavistischen Kammer unserer Herzen, die die Erinnerung an die Freiheit schon lange vor unserer Zeit in sich trägt. Du kannst es im Aufblitzen unserer Augen erkennen, in der Leidenschaft unserer Tänze und Liebschaften, in dem Protest und der Party, die außer Kontrolle geraten.

Du bist nicht der einzige, der versucht, sie zu finden. Wir sind auch hier draußen… einige von uns warten auch auf dich. Und du sollst wissen, daß alles, was du jemals getan oder überlegt hast zu tun, um dorthin zu gelangen, nicht verrückt, sondern wunderschön, würdevoll und notwendig war.

Revolution ist einfach die Vorstellung davon, daß wir diese Welt betreten können und nie wieder zurückkehren müssen. Oder besser gesagt: Daß wir die alte niederbrennen können um die Welt darunter zum Vorschein zu bringen.

 

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Wie kriegt man das, was man will?


Im Original von CrimethInc., aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt von Arsen 13
Was willst du wirklich am meisten auf der Welt? Mehr Geld, eine neue Stereoanlage, einen Urlaub? 20,- Mark Stundenlohn in den Wind schießen, um rechtzeitig von deinem Job nach Hause zu kommen, damit du deine Lieblingsserie nicht verpasst? Oder ist es vielleicht etwas, das mehr als all das ist? Etwas, das viel schwieriger zu beschreiben ist? Vielleicht hast du es aufgegeben immer der Verwirklichungen deiner richtigen Träume nachzugehen und dich eher darauf gestürzt deinem Leben kleinere Dinge abzugewinnen, die dir einfacher und realistischer zu erreichen schienen. Vielleicht hast du dich aber auch einfach nie gefragt, ob die Ziele, die du anstrebst eigentlich wirklich diejenigen sind, die du in deinem Leben erreichen willst. Vielleicht fühlst du dich aber auch einfach nur, wie so viele andere Menschen, dazu gezwungen, diesen Dingen hinterherzujagen, so als würde dein Leben gar nicht wirklich dir gehören, sondern einem für dich vorgefertigten Plan folgen. Wie oft denkst und fühlst du so? Erinnere dich an den wichtigsten Tag in deinem Leben, den Tag an dem du dich zum ersten Mal verliebt hast oder an dem du das erste Mal dein Lieblingslied gehört hast oder ein Abenteuer erlebt hast… als sich tausend neue Türen für dich öffneten und die Welt so viel größer erschien als je zuvor. In diesem Moment war plötzlich nichts für dich unmöglich. Warum kann sich nicht jeder Tag so anfühlen?

Nun… Zum einen liegt das daran, daß wir in einer Gesellschaft leben, die es uns schwer macht unsere innersten Wünsche deutlich zu erkennen und sie zu verfolgen. Was auch immer uns das Geschwätz von “Freiheit und der Suche nach unserer Freude” vermitteln will… unsere Gesellschaft ist bis zur Absurdität hin voll verwirrender Unterhaltung und Einschränkungen. Wir sind alle so sehr damit beschäftigt damit fertig zu werden, daß wir uns gar nicht richtig an unsere Träume erinnern können, geschweige denn sie uns erfüllen. Und jedEr von uns fühlt sich zu erschöpft, um zu verstehen, daß die Welt in der wir leben eigentlich nur das Produkt unserer eigenen Arbeit, eigener Handlungen und eigenen Tuns ist. Unsere Spezies hat diesen Planeten komplett zu dem gestaltet, was er heute ist. Ist die, die wir geschaffen haben die bestmögliche aller Welten? Wenn dem nicht so ist, warum beenden wir dann nicht diese Art der Gestaltung und führen neue Arten ein, zusammen zu leben und zu arbeiten, so daß wir eine neue, eine bessere Welt erbauen können, die lustvoller für alle von uns sein kann! Auf was anderes sollten wir hinarbeiten als auf Lust und Freude?

Hast du dich jemals verliebt und es hat sich so gut angefühlt, daß es geradezu gefährlich schien? Verliebt zu sein bedeutet tatsächlich in einer anderen Welt leben zu wollen: einer aufregenderen Welt, einer schöneren Welt, einer freudigeren, sorgloseren Welt. Einer Welt in der alles eine Bedeutung hat und niemals etwas stumpf und langweilig ist. Warum sollten wir nicht damit anfangen, diese Welt genau hier und jetzt zu erschaffen? Wir haben eine ungeheuerliche Utopie: Alles, was du in deinem Leben machst, solltest du machen, weil du es machen willst. Und wenn du Pläne schmiedest, dann solltest du sie auf das aufregendste und freudigste Leben ausrichten, das du dir vorstellen kannst und nicht nach “Erfolg” oder “Sicherheit”, den Trostpreis für die Müdegewordenen und Hoffnungslosen. Was könnte radikaler sein als dein Handeln nach dem auszurichten, wie genußvoll es ist, als danach wie moralisch, wie verantwortungsvoll oder wie gesellschaftlich geduldet es scheint? Haben wir nicht versucht jedem Herrn und jeder Herrin zu dienen außer unseren eigenen Wünschen? Haben wir nicht für jeden noch so bescheuerten Grund gekämpft außer für uns selbst? Wohin hat uns all das gebracht? Den eigenen Wünschen nachzujagen bedeutet nicht, blind den eigenen Impulsen zu folgen, wohin auch immer sie einEn bringen. Es bedeutet zuallererst, dir darüber klar zu werden, das herauszufinden, was du wirklich willst: Deine Wünsche durchzugehen und zu entscheiden, welche wirkliche sind und welche Illusionen, welche stärker und welche schwächer sind und welche dir am Ende die größtmögliche Erfüllung bringen. Es bedeutet, dich und dein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen, so daß du so vielen Träumen wie möglich nachgehen kannst (weil es keine Garantie dafür gibt, daß man alle gleichzeitig erfüllen kann). Es bedeutet deinen Wünschen Prioritäten zu geben und sie zu analysieren.

Ist dir die Nägel zu lackieren bereits die Erfüllung deiner Wünsche oder könnte dieser Drang nicht auch ein Teil deiner Unsicherheit sein? Vielleicht liebst du die Natur. Wäre es dann genug für dich, dir ein paar Acker Land zu kaufen und dort dein Leben zu verbringen, während der Rest der Welt allmählich von Beton eingeschlossen wird? Deinen Wünschen nachzugehen bedeutet auch die Gesellschaft umzugestalten. JedEr von uns ist das Produkt der Welt in der wir leben. Und dennoch ist diese Welt auch das Produkt unserer Arbeit und unseres Schaffens. Um dich selbst und dein Leben zu verändern, mußt du auch die Welt umgestalten, die uns hervorbringt und formt. Und deshalb wirst du dazu auch die Hilfe jedes Menschen benötigen. Wenn wir unserem Glück nachjagen wollen, dann müssen wir für diese Welt, die wir schaffen, Verantwortung übernehmen und zusammen sicherstellen, daß diese Welt eine Welt wird, die für uns alle Lust bedeutet. Aber bedeutet nicht das zu tun, was ich tatsächlich will, daß ich gegen andere Menschen kämpfen muß? Nein – Viel eher muß es uns dazu zwingen, zusammen zu arbeiten, weil die größten und schwierigsten Anstrengungen nicht alleine vollbracht werden können.

Sie verlangen die Teilnahme anderer Menschen, auch ganzer Gesellschaften. Die meisten von uns wollen Gemeinschaft und Freundschaft mehr als alles andere im Leben, um sich sicher und zusammen frei fühlen zu können. Wir brauchen uns gegenseitig, um all das zu erreichen. Um eine Gemeinschaft aufzubauen, in der jedEr das eigene Leben in den vollsten Zügen genießen kann, müssen wir alle es uns ermöglichen unseren Träumen nachgehen zu können und frei und kreativ zu sein. Ansonsten verarschen wir uns nur selbst. Das ist das Geheimnis, das die langweilige “Ich-Generation” ausklammert: Nach einem gewissen Punkt setzt immer Habgier und Hochmut ein. Und sicher, es wird schwierig dem aus dem Wege zu gehen. Gerade am Anfang. Nichts ist schwieriger als sich immer daran zu halten aufrichtig gegenüber sich selbst zu sein und dir und jedem Tag deines Lebens das meistmögliche abzuverlangen. Es wird uns gegen die herrschende Ordnung richten. Aber welcher Kampf, wenn nicht dieser, ist es tatsächlich wert zu kämpfen? Es ist ein Kampf des großen Potentials, das wir in uns haben und des noch größeren Potentials, das wir alle zusammen haben könnten gegen alles in der Welt, das sinnlos, nebensächlich und stumpf ist… Die Alternative dazu ist natürlich sich mit dem zufrieden zu geben, was wir heute haben und niemals in Frage zu stellen, daß es irgendetwas anderes im Leben geben kann.

 

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Postscript on the Societies of Control (Video)


The original text by Deleuze can be read here

 

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Es gibt einen Unterschied zwischen Leben und Überleben!


Im Original von Crimethinc. (Amerikanisch), ins Deutsche übersetzt von Arsen 13

Diese Welt, die sogenannte “wirkliche Welt” ist nur eine Fassade. Zieh den Vorhang zur Seite und du wirst merken, daß die Bibliotheken voller AusreißerInnen sind, die Romane schreiben, daß sich auf den Autobahnen lauter Flüchtende und SympathisantInnen tummeln, daß all die SekretärInnen und vernünftigen Eltern an ihren Ketten zerren und nach einer Chance suchen, um zu zeigen, wie lebendig sie noch sind… Und all das Geschwätz über “Sachlichkeit” und “Verantwortung” ist nur eine Drohung und ein Bluff, damit wir nicht wagen unsere Hände nach der anderen Welt auszustrecken, die so nah vor uns liegt.

Es gibt einen Unterschied zwischen Leben und Überleben.

Was auch immer die Medizin uns vermitteln will… Es gibt einen Unterschied zwischen dem Leben und dem Überleben. Man braucht mehr als einen Herzschlag und ein funktionsfähiges Gehirn um am Leben zu sein. Lebendig zu sein, am Leben zu sein, ist etwas viel tiefgreifenderes und herrlicheres als biochemische Reaktionen. Die medizinischen Apparate messen unseren Blutdruck und unsere Körpertemperatur, aber sie übersehen unsere Lüste, Leidenschaften und unsere Liebe. All die Dinge die unserem Leben Bedeutung einhauchen. Um diesem unserem Leben wieder einen Sinn zu geben, um ihm das größtmögliche abzuverlangen, müssen wir das Leben ganz neu bestimmen.Wir müssen uns befreien von seinen bloßen klinischen Definitionen und uns solchen Begriffsbestimmungen zuwenden, die mehr mit dem zu tun haben, was wir tatsächlich fühlen.

Wo wir gerade dabei sind: Wieviel Lebendiges spüren wir eigentlich in unserem Leben? Wie oft wachst du morgens auf und fühlst dich wirklich befreit? Fühlst die Aufregung, am Leben zu sein und kannst es kaum erwarten die Erfahrungen eines neuen Tages zu machen? Wie oft schläfst du nachts selbstverwirklicht und befriedigt ein, wenn du an die Ereignisse des vergangenen Tages denkst? Viele von uns glauben, daß bereits alles schon ohne uns entschieden worden ist, so als ob das Leben nicht ein kreativer Akt ist, sondern etwas, daß mit uns passiert. Genau das bedeutet eben nicht am Leben zu sein. Das bedeutet bloßes Überleben. Das bedeutet ein Zombie zu sein. Und so haben wir uns unsere eigenen Leichenhäuser geschaffen, in den Büroräumen, den Videospielen, den Einkaufshäusern, den Fabriken und vor der Glotze. Natürlich fürchten Hausfrauen und kleinbürgerliche Angestellte das Risiko und die Veränderung wie den Tod. Sie können sich nicht vorstellen, daß es etwas anderes gibt, das Bedeutung haben kann, als ihre materielle Sicherheit. Ihre Herzen mögen noch schlagen, aber sie glauben nicht mehr länger an ihre Träume, geschweige denn daran ihnen nachzujagen. Sie haben ihren eigenen Sarg geschaffen. Sie nennen ihn Büro- oder Fernsehsessel.

Aber in einigen von uns brennt noch ein Lebensfeuer. Sie fangen an ihren Träumen nachzugehen und ihre alten Alltagsmuster zu durchbrechen. Sie kümmern sich um das, was sie lieben (und darum, in diesem Prozeß das zu entdecken, was sie hassen). Sie beginnen zu träumen, die Dinge um sie herum in Frage zu stellen und außerhalb der Grenzen von Routine und Vorschriften zu handeln. Andere sehen ihnen dabei zu, sehen Leute, die es wagen, kreativer, abenteuerlicher, freizügiger und fordernder zu leben, als sie es jemals für möglich gehalten haben und werden sich ihnen nach und nach anschließen. Das wird der Anfang der Umwälzung sein. Wenn einmal genug Menschen diese Art zu leben in sich aufgenommen haben, dann ist eine kritische Masse entstanden und die Gesellschaft wird sich von selbst ändern. Von diesem Moment an wird sich die Welt umwandeln: Von dem angsteinflößenden und entfremdeten Ort wie sie jetzt ist zu einem Ort voller Möglichkeiten, an dem wir unser Leben in den eigenen Händen nehmen und unsere Träume Wirklichkeit werden lassen.

Also mach das, was du tatsächlich mit deinem Leben machen willst, was auch immer es ist! Aber um sicher zu sein, daß du auch das bekommst, was du willst, denke zuerst genau darüber nach, was es wirklich ist und wie du es bekommen willst. Analysiere die Welt um dich herum und du wirst herausfinden welche Menschen und Kräfte gegen deine Wünsche arbeiten und welche auf deiner Seite stehen… Und wie du mit uns zusammenarbeiten kannst. Wir sind hier draußen, erleben das Leben in vollen Zügen und warten auf dich… Wir fahren schwarz in Güterzügen durch Amerika. Wir organisieren den Widerstand in den französischen Schulen. Wir schreiben wundervolle Briefe bei Sonnenaufgang in Bangkok. Wir tanzen zur Musik der klirrenden Scheiben multinationaler Konzerne. Wir lieben uns auf der Toilette deiner Firma und haben uns gerade davon geschlichen, als du zu deiner Mittagspause wieder zurück kommst.

Das Leben wartet mit uns auf dich. Auf den Gipfeln von unbestiegenen Bergen, im Rauch von Lagerfeuern und brennenden Gebäuden, in den Armen von Geliebten, die unsere Welt komplett umkehren. Komm schon! Schließ dich uns an!

Tod oder Leben? Du hast die Wahl!

 

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Die Abschaffung der Arbeit


Im Original von Bob Black, vom Amerikanischen von ins Deutsche übersetzt von Daniel Kulla.

Niemand sollte jemals arbeiten.

Arbeit ist die Ursache nahezu allen Elends in der Welt. Fast jedes erdenkliche Übel geht aufs Arbeiten oder auf eine fürs Arbeiten eingerichtete Welt zurück. Um das Leiden zu beenden, müssen wir aufhören zu arbeiten.

Das bedeutet nicht, daß wir aufhören sollten, Dinge zu tun. Vielmehr sollten wir eine neue Lebensweise schaffen, der das Spielen zugrundeliegt; sozusagen eine spielerische Revolution. Unter Spielen verstehe ich dabei ebenso Feierlichkeiten, Kreativität, Geselligkeit, commensality und vielleicht sogar Kunst. Spielen umfaßt mehr als bloßes Kinderspiel, so wertvoll das auch sein mag. Ich fordere ein kollektives Abenteuer allgemeiner Freude in freiem und gegenseitigem Überschwang. Spielen hat nichts Passives an sich. Ohne Zweifel brauchen wir alle viel mehr Zeit fürs Faulsein und Herumlungern als gegenwärtig, unabhängig vom Einkommen oder der Beschäftigung, doch wenn wir uns erst von der beschäftigungsbasierten Verausgabung unserer Kräfte erholt haben werden, werden beinahe alle von uns wieder tätig werden wollen. Oblomowismus* und Stachanowismus** sind zwei Seiten derselben entwerteten Münze.

Spielerisches Leben ist völlig unkompatibel zur bestehenden Wirklichkeit. Das sagt alles über die “Wirklichkeit”, das Schwerkraftloch, das dem Wenigen im Leben, das es noch vom bloßen Überleben unterscheidet, die Lebenskraft absaugt. Seltsamerweise – oder vielleicht auch nicht – sind alle alten Ideologien konservativ, weil sie an die Arbeit glauben. Manche von ihnen, wie der Marxismus oder die meisten Spielarten des Anarchismus, glauben an die Arbeit umso inbrünstiger, als sie an so wenig anderes glauben.

Die Liberalen fordern ein Ende der Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Ich fordere ein Ende des Arbeitsmarktes. Die Konservativen unterstützen das Recht auf Arbeit. Mit Karl Marx‘ eigensinnigem Schwiegersohn Paul Lafargue unterstütze ich das “Recht auf Faulheit”. So wie die Surrealisten – abgesehen davon, daß ich es ernst meine – fordere ich volle Arbeitslosigkeit. Die Trotzkisten agitieren für die permanente Revolution. Ich agitiere für permanentes Feiern. Aber wenn alle Ideologen die Arbeit verteidigen, was sie ja tun, und das nicht nur, weil sie andere dazu bringen wollen, ihren Teil mitzumachen, geben sie es doch ungern zu. Sie führen endlose Debatten über Löhne, Arbeitsstunden, Arbeitsbedingungen, Ausbeutung, Produktivität und Gewinnchancen. Sie reden gern über alles – außer über die Arbeit selbst. Diese Experten, die sich anbieten, uns das Denken abzunehmen, teilen selten ihre Erkenntnisse über die Arbeit mit uns, trotz der Bedeutung für unser aller Leben. Untereinander streiten sie sich ein bißchen über die Einzelheiten. Gewerkschaften und Vorstände stimmen darin überein, daß wir unsere Lebenszeit fürs Überleben verkaufen sollen, wenngleich sie über den Preis verhandeln. Marxisten wollen, daß wir von Bürokraten geleitet werden. Die Freiheitlichen wollen, daß wir von Unternehmern geführt werden. Vom feministischen Standpunkt ist die Form der Leitung egal, solange die Bosse Frauen sind. All diese Ideologen haben ernste Differenzen über die Verteilung der Macht. Genauso klar ist, daß sie der Macht als solcher nicht widersprechen und daß sie uns alle am Arbeiten halten wollen.
Sie mögen sich fragen, ob ich nur scherze oder es ernst meine. Ich tue beides. Spielerisch sein heißt nicht lächerlich sein. Spielen ist nicht notwendigerweise oberflächlich, obwohl Oberflächlichkeit keineswegs gleich Trivialität ist: wir sollten Oberflächlichkeit öfter ernst nehmen. Ich möchte, daß das Leben ein Spiel ist – aber ein Spiel mit hohen Einsätzen. Ich möchte um dauerhafte Einsätze spielen.
Das Gegenteil von Arbeit ist nicht nur Faulheit. Kindlich und kindisch ist nicht dasselbe. So sehr ich die Lust der Trägheit schätze, ist sie doch wohl am lohnendsten, wenn sie anderen Genuß und Zeitvertreib unterbricht. Genausowenig werbe ich für das gelenkte und zeitlich festgelegte Notventil namens “Freizeit”; nichts läge mir ferner. Freizeit ist Nicht-Arbeit zum Nutzen der Arbeit. Freizeit ist die Zeit, die man damit verbringt, sich von der Arbeit zu erholen und verzweifelt zu versuchen, die Arbeit zu vergessen. Viele Leute kommen aus den Ferien so zerschlagen wieder, daß sie sich darauf freuen, wieder arbeiten zu gehen. Der wesentliche Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit besteht darin, daß man bei der Arbeit wenigstens für die Entfremdung und Entnervung bezahlt wird.

Ich betreibe hier keine Wortklauberei. Wenn ich sage, daß ich die Arbeit abschaffen möchte, meine ich genau das, aber ich will mich deutlich ausdrücken, indem ich meine Begriffe auf nicht-idiotische Weise definiere. Mein Grundbegriff für Arbeit ist Zwangsarbeit, also erzwungene Tätigkeit. Beide Teile des Wortes sind von zentraler Bedeutung. Arbeit ist mithilfe von wirtschaftlichen oder politischen Mitteln erzwungene Produktion, mithilfe von Zuckerbrot oder Peitsche (Das Zuckerbrot ist letztlich auch nur eine Peitsche.) Jedoch ist nicht alle schöpferische Tätigkeit Arbeit. Arbeit wird nie um ihrer selbst Willen verrichtet, sie wird mit dem Ziel geleistet, ein bestimmtes Produkt oder eine bestimmte Leistung zu erzeugen. Das ist das Wesen der Arbeit. Sie ist aber mesit noch viel schlimmer, als sie von der Definition her klingt. Die Triebkraft der Herrschaft, die der Arbeit innewohnt, führt mit der Zeit zu weiteren Teilentwicklungen. In modernen Arbeitsgesellschaften, ob kapitalistisch oder “kommunistisch”, weist Arbeit immer auch andere Attribute auf, die ihre Absurdität noch betonen.

Üblicherweise – und sogar eher in “kommunistischen” als in kapitalistischen Ländern, wenn der Staat als einziger Arbeitgeber auftritt und nahezu jeder sein Beschäftigter ist – ist Arbeit Beschäftigung, also Lohnarbeit, also das Sich-Verkaufen an den Dienstplan. 95% der arbeitenden Amerikaner arbeiten für jemand anderen (oder etwas anderes). In der UdSSR oder auf Kuba oder in Jugoslawien oder nahezu jedem anderem Modell, das wir heranziehen, beträgt der Anteil 100%. Lediglich die umkämpften Bauernbastionen der Dritten Welt – Mexiko, Indien, Brasilien, die Türkei – genießen zeitweise den Schutz beträchtlicher Konzentrationen an Landwirten, die an der traditionellen Arbeitsorganisation der letzten paar Jahrhunderte festhalten, am Zahlen von Steuern (=Lösegeld) an den Staat oder von Pacht an parasitäre Grundherrn, um ansonsten von ihnen in Ruhe gelassen zu werden. Sogar diese eigentlich harte Übereinkunft erscheint mittlerweile als verhältnismäßig gut. Alle Arbeiter in der Industrie und im Büro sind Lohnabhängige und stehen unter einer Form von Beaufsichtigung, die für Unterwürfigkeit sorgt.

An moderner Arbeit hängt aber noch mehr. Leute arbeiten nicht nur, sie haben “Jobs”. Eine Person erledigt die ganze Zeit eine produktive Aufgabe auf einer Tun-oder-Rausfliegen-Grundlage. Auch wenn der Tätigkeit ein Quentchen Erfüllung innewohnt (was immer seltener vorkommt), zerstört doch die Eintönigkeit ihrer verbindlichen Ausschließlichkeit jedes spielerische Potential. Ein “Job”, der vielleicht für einen vernünftigen Zeitraum und für den Spaß an der Sache die Energien einiger Leute mobilisieren mag, ist nichts als eine Last für die, die ihn 40 Stunden in der Woche ausüben müssen, ohne Mitspracherecht, für den Profit eines Eigentümers, der selbst nichts zum Vorankommen beiträgt und ohne die Möglichkeit für die eigentlich Arbeitenden, die Aufgaben zu teilen und zu verteilen. Das ist die wirkliche Arbeitswelt: eine Welt voller bürokratischem Pfusch, sexueller Belästigung und Diskriminierung, voller knochenköpfiger Chefs, die ihre Untergebenen ausbeuten und verunglimpfen, welche eigentlich – nach allen rational-technischen Erwägungen – das Sagen haben sollten. Aber der real existierende Kapitalismus unterwirft die rationale Produktivitätssteigerung und Profitmaximierung den Erfordernissen organisatorischer Kontrolle.
Die Entwürdigung, die die meisten Arbeitenden bei ihren Jobs erleben, entspringt der Summe der verschiedensten Demütigungen, die unter dem Begriff “Disziplin” zusammengefaßt werden können. Foucault hat dieses Phänomen komplexer dargestellt, aber es ist eigentlich ganz einfach. Disziplin besteht aus der Absolutheit der totalitären Kontrolle am Arbeitsplatz – Überwachung, Fließband, vorgegebenes Arbeitstempo, Produktionsziffern, Stechuhr usw. Disziplin ist das, was Fabrik, Büro und Geschäft mit dem Gefängnis, der Schule und dem Irrenhaus gemein haben. Es ist etwas historisch Einzigartiges und Furchtbares. Es überstieg die Fähigkeiten solch teuflischer Diktatoren wie weiland Nero oder Dschingis Khan oder Iwan des Schrecklichen. So schlecht ihre Absichten auch gewesen sein mögen, ihnen fehlte die Maschinerie, um ihre Untertanen so gründlich zu kontrollieren, wie es moderne Despoten vermögen. Disziplin ist die charakteristisch moderne Funktionsweise der gesellschaftlichen Kontrolle, es ist ein innovatives Eintrichtern, gegen das bei der ersten sich bietenden Gelegenheit eingeschritten werden muß.
So steht es mit der Arbeit. Spielen ist das gerade Gegenteil. Spielen ist immer freiwillig. Was ansonsten Spiel wäre, wird zur Arbeit, sobald es erzwungen wird. Das ist unumstößlich klar. Bernie de Koven hat Spielen durch die “Ausschaltung der Konsequenzen” definiert. Das ist inakzeptabel, wenn es darauf hinauslaufen soll, daß Spielen inkonsequent sei. Der Punkt ist nicht, daß Spiel ohne Folgen bleibt. Solche Anschauungen sollen das Spielen nur herabsetzen. Der Punkt ist, daß die Ergebnisse, so es sie gibt, kostenlos sind. Spielen und Schenken sind nah verwandt, sie sind Verhaltens- und Interaktionsausdruck des gleichen Impulses, des Spieltriebs. Ihnen ist eine geradezu aristokratische Mißachtung von Ergebnissen gemeinsam. Für den Spieler springt beim Spielen etwas heraus, deswegen spielt er. Doch die eigentliche Belohnung ist das Erlebnis der Aktivität. Ansonsten aufmerksame Beobachter des Spielens wie Johan Huizinga (“Homo Ludens”), definieren es als Spielespielen oder als Regelnbefolgen. Ich respektiere Huizingas Gelehrsamkeit, aber lehne seine Beschränkungen nachdrücklich ab. Es gibt viele gute Spiele (Schach, Baseball, Monopoly, Bridge), die auf Regeln basieren, aber es gibt so viel anderes zu spielen als nur Spiele. Unterhaltung, Sex, Tanzen, Reisen – diesen Aktivitäten liegen keine Regeln zugrunde, doch sie fallen eindeutig in die Kategorie “Spiele”, wenn irgendetwas darunter fällt. Und mit Regeln kann mindestens genauso leicht gespielt werden.

Arbeit verhöhnt die Freiheit. Offiziell können wir uns glücklich schätzen, von Rechtsstaat und Demokratie umgeben zu sein. Andere arme Unglückliche, die nicht so frei sind wie wir, müssen in Polizeistaaten leben. Diese Opfer folgen Befehlen, egal wie willkürlich sie sind. Die Behörden halten sie unter dauernder Aufsicht. Staatsbeamte kontrollieren sogar kleinste Details ihres Alltagslebens. Die Bürokraten, die sie herumschubsen, müssen sich nur nach oben verantworten, in öffentlichen wie in Privat-Angelegenheiten. So und so werden Abweichung und Auflehnung bestraft. Regelmäßig leiten Informanten Berichte an die Behörden weiter. Das alles gilt als sehr schlecht gehalten.

Und das ist es auch , obwohl es nichts weiter darstellt als eine Beschreibung eines modernen Arbeitsplatzes. Die Liberalen und Konservativen und Freiheitlichen, die sich über Totalitarismus beschweren, sind Schwindler und Heuchler. Es gibt mehr Freiheit in jeder einigermaßen entstalinisierten Diktatur als an einem gewöhnlichen amerikanischen Arbeitsplatz. In einem Büro oder einer Fabrik herrscht dieselbe Art von Hierarchie und Disziplin wie in einem Kloster oder einem Gefängnis. Tatsächlich haben Foucault und andere gezeigt, daß Gefängnisse und Fabriken etwa zur gleichen Zeit aufkamen, und ihre Betreiber entliehen sich bewußt Kontrolltechniken voneinander. Ein Arbeiter ist ein Teilzeitsklave. Der Chef sagt, wann es losgeht, wann gegangen werden kann und was in der Zwischenzeit getan wird. Er schreibt vor, wieviel Arbeit zu erledigen ist und mit welchem Tempo. Es steht ihm frei, seine Kontrolle bis in demütigende Extreme auszuweiten, indem er festlegt, (wenn ihm danach ist) welche Kleidung vorgeschrieben wird und wie oft die Toilette aufgesucht werden darf. Mit wenigen Ausnahmen kann er jeden aus jedem Grund feuern, oder auch ohne Grund. Er läßt bespitzeln und nachschnüffeln, er legt Akten über jeden Angestellten an. Widersprechen heißt “Unbotmäßigsein”, als wäre der Arbeiter ein ungezogenes Kind, und es sorgt nicht nur für sofortige Entlassung, es verringert auch die Chancen auf Arbeitslosenunterstützung. Ohne es unbedingt gutzuheißen, ist es wichtig anzumerken, daß Kinder zu Hause und in der Schule die gleiche Behandlung erfahren, bei ihnen durch die angenommene Unreife gerechtfertigt. Was sagt uns das über ihre Eltern und Lehrer, die arbeiten?

Das entwürdigende Herrschaftssystem, das ich beschrieben habe, kontrolliert die Hälfte der wachen Zeit einer Mehrheit der Frauen und fast aller Männer für Jahrzehnte, den Großteil ihres Lebens. Aus bestimmten Gründen ist es gar nicht so irreführend, unser System Demokratie oder Kapitalismus oder – besser noch – Industriegesellschaft zu nennen, doch seine wirklichen Namen sind Fabrikfaschismus und Bürooligarchie. Jeder, der meint, all diese Männer und Frauen wären frei, lügt oder ist dumm. Du bist, was du tust. Wenn du langweilige, dumme, monotone Arbeit tust, ist es sehr wahrscheinlich, daß du langweilig, dumm und monoton wirst. Arbeit ist eine viel bessere Erklärung für die schleichende Verblödung um uns herum, als solche durchaus schon sehr verdummende Mechanismen wie das Fernsehen und das Bildungswesen. Menschen, denen ihr ganzes Leben lang Vorschriften gemacht werden, die von der Schule an die Arbeit weitergereicht werden und die zu Anfang von der Familie und später von der Privatklinik versorgt werden, sind an Hierarchien gewöhnt und psychologisch versklavt. Ihre Freiheitsfähigkeit ist so zerrüttet, daß ihre Freiheitsangst zu ihren wenigen rational begründeten Phobien gehört. Ihr Gefolgschaftstraining bei der Arbeit pflanzt sich zum einen in die von ihnen begründeten Familien fort und reproduziert so das System, zum anderen greift es in die Politik, die Kultur und alles andere über. Wenn einmal die Lebenskraft der Menschen durch die Arbeit abgesaugt ist, unterwerfen sie sich sehr wahrscheinlich Hierarchien und Experten in jeder Beziehung. Sie sind daran gewöhnt.

Wir sind so dicht an der Arbeitswelt, daß wir nicht sehen können, was sie uns antut. Wir müssen auf Beobachter aus anderen Zeiten oder aus anderen Kulturen zurückgreifen, um das Extrem und die Krankhaftigkeit unserer gegenwärtigen Position zu begreifen. Es gab eine Zeit in unserer Vergangenheit, in der die “Arbeitsethik” unvorstellbar gewesen wäre, und vielleicht war Weber weitsichtig, als er ihr Entstehen mit einer Religion verknüpfte: dem Calvinismus, der, wenn er heute entstünde statt vor 400 Jahren, sofort als Sekte bezeichnet werden würde. Wie dem auch sei, wir müssen lediglich auf die Weisheit der Antike zurückgreifen, um uns ein Bild von der Arbeit zu machen. Die alten Denker sahen Arbeit als das, was sie ist – und ihre Sicht überdauerte, die Calvinisten nicht mitgerechnet, bis sie von der Industrialisierung gestürzt wurde – doch nicht eher, als daß deren Propheten es verlangten.
Tun wir mal für einen Moment so, als würde Arbeit aus Leuten keine verblödeten Untertanen machen. Tun wir auch so, entgegen jeder nachvollziehbaren Psychologie und der Ideologie ihrer Förderer, daß sie keinen Effekt auf die Charakterbildung hat. Und tun wir so, als wäre Arbeit nicht so langweilig und ermüdend und entwürdigend, wie sie es ist. Auch dann würde sie alle humanistischen und demokratischen Bemühungen verspotten, einfach weil sie so viel Zeit beansprucht. Sokrates beharrte, daß Handarbeiter schlechte Freunde und schlechte Staatsbürger abgäben, da ihnen die Zeit mangele, die Verantwortlichkeiten einer Freundschaft und ihrer Staatsbürgerschaft auszufüllen. Er hatte Recht. Wegen der Arbeit schauen wir dauernd auf die Uhr. Das einzig “freie” an der sogenannten Freizeit, ist, daß sie den Boss von der Lohnfortzahlung befreit. Die Freizeit wird hauptsächlich genutzt, um sich auf die Arbeit vorzubereiten, zur Arbeit zu gehen, von der Arbeit zu kommen und sich von ihr zu erholen. Freizeit ist ein Euphemismus für die besondere Art, mit der die Arbeitskraft als ein Produktionsfaktor nicht nur sich selbst zum und vom Arbeitsplatz transportiert, sondern auch die Hauptverantwortung für die eigene Versorgung und Wiederherstellung übernimmt. Drehbänke und Schreibmaschinen machen das nicht. Arbeiter schon. Kein Wunder, daß Edward G. Robinson in einem seiner Gangsterfilme ausrief: “Arbeit ist für Luschen!”
Sowohl Plato als auch Xenophon führen das Bewußtsein für die zerstörerischen Effekte der Arbeit auf den Arbeiter als Bürger und menschliches Wesen auf Sokrates zurück und teilen es mit ihm. Herodot hielt die Verachtung für die Arbeit für ein Attribut der klassischen Griechen auf dem Zenit ihrer Kultur. Um nur ein römisches Beispiel herauszugreifen, Cicero schrieb, daß “wer immer seine Arbeitskraft für Geld gibt, sich selbst verkauft und sich in den Rang eines Sklaven stellt”. Seine Offenheit ist heute selten, doch heutige primitive Gesellschaften, auf die wir so gern herabblicken, haben Sprecher gesandt, die westliche Anthropologen erleuchten konnten. Die Kapauku aus West-Papua haben laut Posposil ein Konzept von Lebensbalance, das ihnen nur erlaubt, jeden zweiten Tag zu arbeiten, wobei der Tag der Ruhe dafür gedacht ist, “die verlorene Gesundheit und Kraft wiederzugewinnen”. Unsere Vorfahren waren sich noch im 18. Jahrhundert, als sie schon weit auf dem Weg zu unserem heutigen Dilemma fortgeschritten waren, über das im Klaren, was wir vergessen haben: die Kehrseite der Industrialisierung. Ihre religiöse Verehrung des Heiligen Montags – auf diese Weise die Einführung einer Fünf-Tage-Woche 150-200 Jahre vor ihrer rechtlichen Verankerung – trieb die frühen Fabrikbesitzer in die Verzweiflung. Es dauerte lange, bis sie sich der Tyrannei der Glocke unterwarfen, der Vorfahrin der Turmuhr. In den ersten ein oder zwei Generationen war es erforderlich, statt Männern Frauen einzustellen, die die Gefolgschaft gewohnt waren oder Kinder, die den industriellen Bedürfnissen angepaßt werden konnten. Sogar die ausgebeuteten Bauern des ancien regime entrissen der Fronarbeit entscheidende Zeitmengen. Lafargue zufolge bestand ein Viertel des französischen Bauernkalenders aus Sonntagen und Feiertagen, und Tschajanows Zahlen aus Dörfern des zaristischen Rußland – kaum eine fortschrittliche Gesellschaft – zeigen ein Viertel bis ein Fünftel Mußetage. Durch unser Ringen um Produktivität sind wir offenbar weit hinter diese rückschrittlichen Gesellschaften zurückgefallen. Die ausgebeuteten muzhiks würden sich fragen, warum wir überhaupt arbeiten. Und diese Frage sollten wir uns auch stellen.

Um das volle Ausmaß unserer Verirrung ermessen zu können, muß man sich jedoch die früheste menschliche Urgesellschaft vorstellen, ohne Regierung und Besitz, als wir Jäger und Sammler waren. Hobbes vermutete, daß das Leben damals gefährlich, grausam und kurz war. Andere nehmen an, daß das Leben nichts als ein verzweifelter, unerbittlicher Kampf ums Überleben war, ein Kampf, der gegen eine brutale Natur geführt wurde, und der mit dem Tod und Verderben für die endete, die der Herausforderung der Existenz nicht gewachsen waren. Eigentlich handelte es sich bei diesen Vorstellungen um Angstprojektionen angesichts des Sturzes einer Regierung über Leute, die es nicht gewohnt waren, ohne eine klarzukommen, wie im England von Hobbes zu Zeiten des Bürgerkriegs. Hobbes’ Landsleute waren bereits alternativen Gesellschaftsformen begegnet, die andere Lebensweisen vorführten – besonders in Nordamerika – aber schon diese waren zu weit von ihrer Erfahrung entfernt, um von ihnen verstanden zu werden. (Die niederen Klassen, die dichter an den Lebensbedingungen der Indianer waren, verstanden es besser und fanden sie oft anziehend. Das gesamte 17. Jahrhundert hindurch kam es vor, daß englische Siedler zu den Indianerstämmen überliefen oder sich weigerten zurückzukehren, wenn sie im Krieg gefangen worden waren. Die Indianer hingegen wanderten nicht in größerer Zahl in die weißen Siedlungen aus, als Deutsche die Berliner Mauer von Westen überwanden.) Die “Überleben des Stärkeren”-Version – die Thomas-Huxley-Version – des Darwinismus war ein bessere Darstellung des Wirtschaftslebens im viktorianischen England als ein Bild der natürlichen Auslese, wie der Anarchist Kropotkin in seinem Buch “Gegenseitige Hilfe und ihre Rolle in der Evolution” zeigte. (Kropotkin war Wissenschaftler, ein Geograph, der jede Menge unfreiwillige Gelegenheit zu Feldforschung hatte, während er nach Sibirien vernannt war.) So wie die meisten Gesellschaftstheorien oder politischen Ideen war die Geschichte von Hobbes und seiner Nachfolger eigentlich eine nicht eingestandene Autobiografie.
Der Anthropologe Marshall Sahlins sichtete die Daten über heutige Jäger und Sammler und nahm daraufhin den Mythos von Hobbes in einem Artikel namens “Die ursprüngliche Überflußgesellschaft” auseinander. Sie arbeiten weit weniger als wir und ihre Arbeit ist nur schwer von dem zu unterscheiden, was wir Spielen nennen. Sahlins schlußfolgerte, daß “Jäger und Sammler weniger Zeit mit der Arbeit verbringen als wir; daß die Nahrungssuche weniger ein andauerndes Geplacker ist, sondern ständig unterbrochen wird, daß es Muße im Überfluß gibt und daß am Tage pro Nase und Jahr mehr geschlafen wird als in jeder anderen Gesellschaftsform.” Sie arbeiten im Schnitt vier Stunden am Tag, wenn man davon ausgeht, daß sie überhaupt arbeiten. Ihre “Arbeit”, wie es uns scheint, war Facharbeit, die ihre körperlichen und intellektuellen Fähigkeiten förderte; ungelernte Arbeit in einem größeren Ausmaße ist undenkbar außerhalb der Industriegesellschaft. Damit erfüllt sie Schillers Definition des Spiels als der einzigen Gelegenheit, bei der ein Mensch seine volle Menschlichkeit erkennt, indem er beide Seiten seiner doppelten Natur anspricht, dem Denken und dem Fühlen. Wie es bei ihm heißt: “Ein Tier arbeitet, wenn Versagung der Hauptgrund seines Handelns ist, und es spielt, wenn die Fülle seiner Kraft es antreibt, wenn der Überfluß des Lebens sich selbst beflügelt.” (Eine moderne Version – seltsam ausgebaut – ist Abraham Maslows Gegenüberstellung von “Mangel” und “Wachstum” als Motivation.) Spiel und Freiheit decken einander in puncto Produktion. Sogar Marx, der trotz all seiner guten Absichten in den Produktivitäts-Pantheon gehört, stellte im dritten Band des Kapital fest: “Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion.”

Er konnte sich nie dazu durchringen, diesen fröhlichen Umstand als das zu sehen, was er ist: die Abschaffung der Arbeit. Es ist letztlich etwas ungewöhnlich, für die Arbeiter und gegen die Arbeit einzutreten – aber wir können das.

Das Bestreben, in ein Leben ohne Arbeit voranzuschreiten oder zurückzukehren, zeigt sich deutlich in jeder ernsthaften sozialen oder kulturellen Geschichtsschreibung im vorindustriellen Europa, darunter “England im Übergang” von M. Dorothy George und “Volkskultur im frühmodernen Europa” von Peter Burke. Genauso gehört Daniel Bells Essay “Arbeit und Unzufriedenheit” hierher, vermutlich der erste Text, der so wortreich von einer “Revolte gegen die Arbeit” spricht und, wäre er verstanden worden, ein wichtiges Korrektiv zur Selbstgefälligkeit, die gewöhnlich mit dem Buch in Verbindung gebracht wird, in dem er erschien, “Das Ende der Ideologie”. Weder die Kritiker noch die Bewunderer haben mitbekommen, daß Bells Ende-der-Ideologie-These nicht daß Ende sozialer Unzufriedenheit signalisierte, sondern den Beginn einer neuen, nicht faßbaren Phase, die von Ideologien nicht mehr gehemmt oder beeinflußt wird. Nicht Bell, sondern Seymour Lipset rief zu selben Zeit in “Political Man” aus, daß “die fundamentalen Probleme der Industriellen Revolution gelöst sind”, nur ein paar Jahre, bevor ihn die post- oder meta-industrielle Unzufriedenheit der Studenten aus Berkeley ins vorübergehend relativ ruhige Harvard vertrieb.
Bell macht darauf aufmerksam, daß Adam Smith in seinem “Reichtum der Nationen” bei allem Marktenthusiasmus und seiner Bewunderung für die Arbeitsteilung viel wachsamer gegenüber der Schattenseite der Arbeit war (und das auch zugab) als die Begründerin des Objektivismus Ayn Rand oder die marktliberalen Wirtschaftswissenschaftler von Chicago oder einer von Smiths modernen Epigonen. Smith beobachtete: “Das Verständnis der Mehrzahl der Menschen wird notwendigerweise von ihren gewöhnlichen Beschäftigungen geformt. Der Mann, dessen Leben darin besteht, wenige einfache Tätigkeiten auszuführen… hat keine Gelegenheit, sein Verständnis zu schulen… Er wird im allgemeinen so dumm und ignorant, wie ein Mensch eben werden kann.” Hier findet sich in wenigen einfachen Worten meine Kritik an der Arbeit. In der Goldenen Ära des Eisenhower-Schwachsinns und der amerikanischen Selbstzufriedenheit entdeckte Bell 1956 die unorganisierte und unorganisierbare Misere der Siebziger; die, die sich keine politische Richtung nutzbar machen kann; die, die im Regierungsbericht “Arbeit in Amerika”*** dargelegt wurde; die, aus der niemand Kapital schlagen kann und die daher ignoriert wird. Das Problem ist die Revolte gegen die Arbeit. Sie kommt in keinem Text der Laissez-faire-Theoretiker vor – Milton Friedman, Murray Rothbard, Richard Prosner – weil sie sich nach ihren Begriffen, wie es bei Star Trek hieß, “nicht rechnet”.
Wenn es all diesen von der Freiheitsliebe getriebenen Einwänden nicht gelingen sollte, die Humanisten zu einer Wende der Nützlichkeit oder wenigstens der väterlichen Fürsorge zu bewegen, dann kann ich noch mehr anführen, dem sie sich nicht entziehen können. Arbeit ist eine Gesundheitsbedrohung. Arbeit stellt eigentlich einen Massenmord oder gar Völkermord dar. Arbeit wird auf direktem oder indirektem Weg die meisten umbringen, die das hier lesen. Zwischen 14000 und 25000 Werktätige sterben in Amerika jedes Jahr auf der Arbeit. Mehr als zwei Millionen werden versehrt. 20 bis 25 Millionen werden jedes Jahr verletzt. Und diese Zahlen gehen von einem sehr konservativen Begriff von Arbeitsunfall aus. Daher wurden die jährliche halbe Million Fälle von Berufskrankheiten nicht mitgerechnet. Ich fand ein medizinisches Lesebuch über Berufskrankheiten, daß 1200 Seiten dick war. Auch das kratzt gerade an der Oberfläche. Die verfügbaren Statistiken zählen die offensichtlichen Fälle wie die 100000 Bergarbeiter, die an Lungen-Tbc (black lung disease) erkrankt sind, von denen jedes Jahr 4000 daran sterben, eine wesentlich höhere Sterblichkeit als bei AIDS beispielsweise, obwohl das die viel höhere Aufmerksamkeit bekommt. Hier spiegelt sich die unreflektierte Annahme wieder, daß von AIDS nur Perverse betroffen sind, die ihre Mängel auch in den Griff kriegen könnten, während Kohlebergbau eine heilige Tätigkeit jenseits aller Infragestellung ist. Was die Zahlen in jedem Fall verschweigen, ist der Umstand, daß die Lebenserwartung von Millionen von Leuten durch die Arbeit verkürzt wird. Man denke an die Ärzte, die sich in ihren Fünfzigern zu Tode arbeiten. Man denke an die zahllosen Workaholics.

Auch wenn man nicht direkt beim Arbeiten verkrüppelt oder getötet wird, kann das genauso gut auf dem Weg zur oder von der Arbeit geschehen, bei der Arbeitssuche oder bei dem Versuch, die Arbeit zu vergessen. Die große Mehrzahl der Opfer von Autounfällen erledigen gerade einer dieser arbeitsnahen Beschäftigungen oder fallen einem zum Opfer, der sie erledigt. Zu dieser erweiterten Leichenzählung kommen auch die Opfer der auto-industriellen Verschmutzung und von Alkoholismus und Drogensucht als Folge der Arbeit hinzu. Sowohl Krebs als auch Herzkrankheiten sind moderne Heimsuchungen, die sich mehr oder weniger direkt auf die Arbeit zurückführen lassen.
Arbeit macht Totschlag zu einem Lebensstil. Es heißt, die Kambodschaner wären wahnsinnig gewesen, sich selbst auszurotten, aber sind wir irgendwie anders? Das Pol-Pot-Regime hatte zumindest eine Vision, wie verzerrt auch immer, von einer Gesellschaft der Gleichheit. Wir töten Menschenmengen im sechsstelligen Bereich, um Big Mäcs und Cadillacs an die Überlebenden zu verkaufen. Unsere 40 bis 50 Tausend Highway-Toten jedes Jahr sind Opfer und keine Märtyrer. Sie starben umsonst – oder besser: sie starben für die Arbeit. Aber Arbeit ist nichts, wofür es sich zu sterben lohnt.

Schlechte Neuigkeiten für Liberale: regulatorisches Geflicke ist in diesem Spiel auf Leben und Tod völlig sinnlos. Die Bundesbehörde für Sicherheit und Gesundheit im Beruf (OSHA) sollte den Kern des Problems überwachen, die Sicherheit am Arbeitsplatz. Schon bevor Reagan und der Oberste Gerichtshof OSHA stoppten, war es längst zu einer Farce geworden. Selbst bei der relativ großzügigen Bezuschussung der Carter-Ära konnte ein Arbeitsplatz statistisch gesehen höchstens einmal in 46 Jahren von einem OSHA-Inspektor Besuch erwarten.

Staatliche Wirtschaftskontrolle ist keine Lösung. Arbeit ist in staatssozialistischen Ländern noch wesentlich gefährlicher als hier. Tausende russischer Arbeiter wurden getötet oder verletzt, als sie die Moskauer U-Bahn bauten. Gegen die auftauchenden Geschichten über vertuschte Atomunfälle in der Sowjetunion wirken Times Beach und Three-Mile-Island wie Luftschutzübungen in der Grundschule. Auf der anderen Seite würde die gegenwärtig so beliebte Deregulierung auch nichts nützen und sogar Schaden anrichten. Aus dem Blickwinkel der Gesundheit und Sicherheit waren die Arbeitsbedingungen am schlimmsten, als die Wirtschaft dem Laissez-faire am nächsten war – wie Befürworter der Sklaverei in den Südstaaten betonen – Fabrikarbeiter in den Nordstaaten und in Europa waren weit schlimmer dran als die Sklaven auf den südlichen Plantagen. Keine Verschiebungen der Verhältnisse zwischen Bürokraten und Geschäftsleuten scheinen in puncto Produktion irgendwas zu ändern. Ernsthafte Durchsetzung selbst so vager Standards wie die der OSHA würden die Wirtschaft praktisch zum Stillstand bringen. Die Inspektoren sehen das auch so – schon um eine Ausrede zu haben, sich um die wirklich schlimmen Angelegenheiten nicht kümmern zu müssen.
Es lag keineswegs in meiner Absicht, mit dem Gesagten nur Unruhe zu stiften. Viele Werktätige kotzen sich mit der Arbeit an. Es gibt hohe und weiter steigende Raten von Blaumacherei, Fluktuation, Diebstahl am Arbeitsplatz und Sabotage, wilden Streiks und allgemeiner Verweigerung. Vielleicht gibt es sogar schon eine Bewegung hin zu einer bewußten und nicht nur instinktiven Ablehnung der Arbeit. Und doch ist die vorherrschende Auffassung, unter sämtlichen Chefs und ihren Agenten und zumindest weit verbreitet unter den Werktätigen, daß die Arbeit unausweichlich und notwendig ist.

Dem widerspreche ich. Wir haben jetzt die Möglichkeit, die Arbeit abzuschaffen und den notwendigen Anteil Arbeit durch eine Vielfalt an neuen freien Aktivitäten zu ersetzen. Die Abschaffung der Arbeit erfordert eine Annährung von zwei Seiten, einer quantitativen und einer qualitativen. Auf der einen, der quantitativen Seite, müssen wir die Menge geleisteter Arbeit massiv reduzieren. Gegenwärtig ist die meiste Arbeit einfach nutzlos und wir sollten sie loswerden. Auf der anderen Seite – und ich denke, diese qualitative Annäherung ist der Knackpunkt und der wirklich revolutionäre Aufbruch – müssen wir die wenige nutzbringende Arbeit in verschiedenste spielerische und handwerkliche Freuden verwandeln, nicht unterscheidbar von anderen freudvollen Tätigkeiten, außer dadurch, daß sie nebenbei nützliche Endprodukte hervorbringen. Das sollte sie aber keinesfalls weniger verlockend machen. In der Folge könnten alle künstlichen Schranken von Macht und Besitz fallen. Schöpfung wäre nicht mehr Erschöpfung. Und wir könnten alle aufhören, voreinander Angst zu haben.

Ich unterstelle nicht, daß diese Verwandlung bei jeder Art von Arbeit möglich ist. Aber dann ist die meiste Arbeit auch nicht wert, erhalten zu werden. Nur ein kleiner und sich noch verkleinernder Ausschnitt der Arbeitswelt dient letztlich einem Zweck, den nicht erst die Verteidigung und Reproduktion des Arbeitssystems und seiner politischen und rechtlichen Anhängsel nötig machen. Vor 20 Jahren schätzten Paul und Percival Goodman, daß gerade mal fünf Prozent der damals geleisteten Arbeit – es ist anzunehmen, daß die Zahl, wenn sie stimmt, heute noch geringer sein dürfte – tatsächlich der Befriedigung der Bedürfnisse nach Nahrung, Kleidung und Behausung diente. Sie stellten natürlich nur eine gelehrte Spekulation an, aber der Punkt ist doch: die meiste Arbeit dient direkt oder indirekt der wirtschaftlichen oder sozialen Kontrolle. Es wäre also einfach so möglich, Millionen von Verkäufern, Soldaten, Managern, Polizisten, Börsianern, Priestern, Bankiers, Anwälten, Lehrern, Vermietern, Wachen und Werbeleuten von der Arbeit zu befreien, nebst allen, die für sie arbeiten. Es gibt einen Schneeballeffekt, da jedesmal, wenn ein größeres Tier freikommt, seiner Untergebenen auch frei werden. Auf diese Weise würde die Wirtschaft implodieren.

40 Prozent der Arbeitskräfte sind sogenannte “white-collar workers”, von denen die meisten die drögsten und idiotischsten Jobs haben, die je erdacht wurden. Ganze Wirtschaftszweige, wie Versicherungen, Immobiliengesellschaften und das Kreditwesen zum Beispiel, bestehen aus nichts als völlig sinnfreiem Papiergewälze. Es ist kein Zufall, daß der “tertiäre Sektor” der Wirtschaft, der Dienstleistungssektor wächst, während der “sekundäre”, also die Industrie, stagniert und der “primäre”, die Landwirtschaft, nahezu verschwindet. Da die Arbeit unnötig ist, außer für die, deren Macht sie sichert, werden die Werktätige aus relativ nützlichen in nahezu nutzlose Beschäftigungsfelder verschoben, und das nur, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Deshalb darf niemand nach Hause gehen, bloß weil er eher fertig ist. Sie wollen die Zeit des Arbeiters, so daß sie sich seiner bemächtigen können, auch wenn es für die meisten keine Verwendung gibt. Warum sonst hat die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in den letzten 50 Jahren gerade mal um ein paar Minuten abgenommen?

Als nächsten können wir uns mit dem großen Fleischermesser über die produktive Arbeit selbst hermachen. Keine Kriegsproduktion mehr, keine Atomkraftwerke mehr, kein Dosenfraß, keine albernen Hygieneartikel – und zuoberst keine Automobilindustrie mehr. Ein Stanley Steamer oder ein T-Modell von Zeit zu Zeit mag klargehen, aber die Auto-Erotik, auf die sich solche Pestlöcher wie Detroit oder Los Angeles gründen, ist indiskutabel. Und schon haben wir, ohne es überhaupt versucht zu haben, die Energiekrise, die Umweltprobleme und andere unlösbare soziale Probleme bewältigt.

Schließlich müssen mit dem mit Abstand größten Berufszweig Schluß machen, dem zeitintensivsten, schlechtbezahltesten und langweiligsten, den es gibt. Ich spreche von den Hausfrauen, die sich nur um Haushalt und Kinder kümmern. Indem wir die Lohnarbeit abschaffen und volle Arbeitslosigkeit erreichen, höhlen wir die Geschlechterteilung der Arbeit aus. Die Kernfamilie, wie wir sie kennen, ist eine unausweichliche Übertragung der Arbeitsteilung in der modernen Wirtschaft. Ob man es nun mag oder nicht, so wie es in den letzten ein oder zwei Jahrhunderten zuging, war es ökonomisch sinnvoll, daß der Mann den Speck verdient und die Frau die Drecksarbeit macht, um ihm einen Hafen in einer herzlosen Welt zu bieten, und daß die Kinder in Konzentrationslager überführt wurden, die Schulen heißen, im wesentlichen dazu da, sie außerhalb von Mamas Heim weiter unter Kontrolle halten zu können, zufällig aber auch, um ihnen die Unterwerfung und Pünktlichkeit nahezubringen, die für Arbeiter ja so wichtig ist. Wenn wir das Patriarchat loswerden wollen, müssen wir die Kernfamilie loswerden, deren unbezahlte “Schattenarbeit” (Ivan Illich) das Arbeitssystem ermöglicht, das sie wiederum nötig macht. Eng mit dieser kernfreien Strategie ist die Abschaffung der Kindheit und die Schließung der Schulen verbunden. Wir haben mehr Vollzeitschüler als Vollzeitarbeiter in unserem Land. Wir brauchen Kinder als Lehrer, nicht als Schüler. Sie haben viel zur spielerischen Revolution beizutragen, weil sie nun mal besser spielen können als Erwachsene. Alt und jung sind nicht identisch, aber sie können durch gegenseitige Verbandelung gleich werden. Nur Spielen kann die Lücke zwischen Generationen schließen.

Ich bin noch gar nicht auf die Möglichkeiten eingegangen, die ganze Kleinarbeit zusammenzustreichen, indem sie automatisiert und kybernisiert wird. All die Wissenschaftler und Ingenieure und Techniker, die von der Kriegsforschung und dem geplanten Verschleiß enthoben werden, sollten sich eine schöne Zeit damit machen, Sachen wie den Bergbau von Langeweile, Ermüdung und Gefahren zu befreien. Vielleicht erstellen sie ein weltweites Multimedia-Kommunikationssystem oder gründen Weltraumkolonien. Vielleicht. Ich bin selbst gar kein Technikfreak. Ich hätte zwar nichts dagegen, in einem Knopfdruck-Paradies zu leben. Ich will aber nicht, daß Robotersklaven alles erledigen; ich mag schon selbst Dinge tun. Es gibt einen Platz für arbeitseinsparende Technologie, aber einen begrenzten. Die historischen und prähistorischen Aufzeichnungen sind nicht sehr ermutigend. Als die Fertigungsweisen nach der Jäger-und-Sammler-Zeit zu Landwirtschaft und später zur Industrie wurden, nahm die Arbeitsmenge zu, während Fähigkeiten und Selbstbestimmung abnahmen. Die weitere Entwicklung der Industriegesellschaft führte zu dem, was bei Harry Braverman die Abwertung der Arbeit heißt. Intelligenten Beobachtern ist das schon immer aufgefallen. John Stuart Mill schrieb, daß all die arbeitssparenden Erfindungen, die je gemacht wurden, keine Minute Arbeitszeit eingespart haben. Karl Marx war sich sicher, daß es möglich wäre, eine “Geschichte über all die Erfindungen seit 1830 zu schreiben, die einzig zu dem Zweck gemacht wurden, das Kapital mit Waffen zur Niederschlagung der Arbeiterklasse zu versorgen.” Die enthusiastischen Technophilen – Saint-Simon, Comte, Lenin, B. F. Skinner – waren immer ebenso dreiste Autoritätsgläubige. Wir sollten mehr als skeptisch gegenüber den Versprechungen der Computermystiker sein. Sie arbeiten wie Hunde, und wenn es nach ihnen geht, werden wir das bald auch alle. Sollten sie tatsächlich Beiträge zum menschlichen Wohlbefinden äußern, sollten wir ihnen allerdings zuhören.
Was ich wirklich sehen möchte, ist die Verwandlung von Arbeit in Spiel. Ein erster Schritt wäre es, die vorhandenen Vorstellungen von “Job” und “Beruf” zu verwerfen. Auch Tätigkeiten, die jetzt schon spielerische Momente haben, verlieren das meiste davon, wenn sie auf Jobs reduziert werden, die nur von bestimmten Leuten ausgeführt werden, die wiederum nichts anderes tun. Ist es nicht seltsam, daß Landarbeiter sich schmerzvoll auf den Feldern abrackern, während ihre klimatisiert lebenden Chefs am Wochenende nach Hause fahren und ein bißchen im Garten herumhacken? In einem System ständiger Festlichkeit werden wir die Goldene Ära des Dilettanten erleben, welche noch die Renaissance in den Schatten stellen wird. Es wird keine Jobs mehr geben, nur noch Dinge und ihr Gemachtwerden.

Das Geheimnis der Verwandlung von Arbeit in Spiel besteht, wie Charles Fourier gezeigt hat, darin, nützliche Tätigkeiten so zu arrangieren, daß immer sie von dem profitieren, was irgendwer zu irgendeinem Zeitpunkt tatsächlich tun mag. Um es möglich zu machen, daß manche Leute das tun können, was ihnen gefällt, ist es nur nötig, die Irrationalismen und Entstellungen zu tilgen, von denen diese Tätigkeiten befallen werden, wenn man sie auf Jobs reduziert. Ich hätte zum Beispiel Lust, ein wenig zu unterrichten, aber ich möchte keine herbeigezwungenen Schüler und ich mache mir nicht viel daraus, vor irgendwelchen pathetischen Pedanten schönzutun, um nicht rauszufliegen.
Zum zweiten gibt es einige Dinge, die Leute schon gelegentlich tun wollen, aber nicht sehr lange und mit Sicherheit nicht die ganze Zeit. Ein paar Stunden Babysitting mögen Spaß machen, weil man die Gesellschaft des Kindes teilt – aber nie mehr Spaß, als es den Eltern bereitet. Währenddessen genießen die Eltern sicher die freie Zeit, was aber bald stark nachläßt, wenn sie von ihrem Nachwuchs zu lange getrennt sind. Genau diese Unterschiede zwischen den Einzelnen machen ein Leben des freien Spiels möglich. Das gleiche Prinzip ist auch auf andere Tätigkeiten anwendbar, gerade auf die grundlegenden. So kochen viele Leute sehr gern, wenn sie als Hobby tun können, aber nicht, wenn sie nur menschliche Körper für die Arbeit wieder auftanken.
Drittens – und gleichermaßen wichtig – sind manche Dinge, die allein oder in unangenehmer Umgebung oder auf Anweisung von Vorgesetzten unbefriedigend sind, zumindest zeitweise erträglich, wenn diese Bedingungen geändert werden. Das gilt möglicherweise für jede Arbeit in einem gewissen Ausmaß. Leute verwenden ihren sonst verschwendeten Einfallsreichtum, um aus ihren wenig aufregenden Krempeljobs ein Spiel zu machen, so weit das eben geht. Manche Tätigkeiten, die einigen sehr gefallen, sind für andere nichts, aber jeder hat eine gewisse Vielfalt von Interessen und ein Interesse an einer gewissen Vielfalt. Wie es so schön heißt, “alles mal machen.” Fourier war unschlagbar in Spekulationen darüber, wie abwegige und perverse Neigungen in einer post-zivilisierten Gesellschaft (“Harmonie”) in nutzbare Kanäle gelenkt werden könnten. Er dachte, daß Kaiser Nero schon zurechtgekommen wäre, wenn er als Kind seiner Leidenschaft fürs Blutvergießen in einem Schlachthof hätte nachgehen können. Kleine Kinder, die sich ständig im Dreck herumwälzen, könnten in “Kleinen Horden” losgeschickt werden, um die Toiletten zu reinigen und den Müll zu leeren, komplett mit Belohnungen für die Eifrigsten. Mir geht es nicht um die konkreten Beispiele, sondern um das zugrundeliegende Prinzip, das durchaus als eine Dimension einer allgemeinen Umwälzung taugt. Es ist wichtig zu bedenken, daß wir nicht einfach jede heutige Arbeit nehmen können und nach jemandem suchen, der sie vielleicht gern macht, bei vielem wären die Betreffenden auf jeden Fall pervers. Wenn Technologie bei alldem eine Rolle spielen soll, dann weniger, um die Arbeit komplett aus der Welt zu automatisieren, sondern eher, um bessere Welten der Erholung zu schaffen. In gewissem Maße werden wir auch zum Handwerk zurückkehren wollen, was William Morris für ein wahrscheinliches und durchaus wünschenswertes Ergebnis einer kommunistischen Revolution hielt. Die Kunst würde den Snobs und Sammlern entrissen und als Spezialabteilung der Bewirtung für ein Elitepublikum abgeschafft werden, dabei würde sie ihre Qualitäten wie Schönheit und Schöpfertum für das eigentliche Leben wiedergewinnen, dem sie von der Arbeit gestohlen wurde. Es ist ein ernüchternder Gedanke, daß die griechischen Urnen, über die heute Oden verfaßt werden und die in Museen ausgestellt werden, in ihrer Zeit zur Aufbewahrung von Olivenöl benutzt wurden. Ich bezweifle, daß unsere Alltagsgegenstände sich in der Zukunft so gut machen werden (wenn es denn eine gibt). Der Knackpunkt ist, daß es in der Welt der Arbeit so etwas wie Fortschritt nicht gibt. Wir sollten nicht zögern, uns aus der Vergangenheit alles zu nehmen, was sie zu bieten hat, die Bewohner der Antike werden dabei nichts verlieren, unser Leben wird es jedoch bereichern.

Die Neuerfindung des Alltags bedeutet die Entführung über die Kanten unserer Landkarten von der Welt. Es gibt tatsächlich viel mehr bildmächtige Visionen, als gemeinhin angenommen wird. Neben Fourier und Morris – und da und dort einem Hinweis bei Marx – gibt es die Schriften Kropotkins, der Syndikalisten Pataud und Pouget, der Anarchokommunisten alter (Berkman) und neuer Prägung (Bookchin). Die Communitas der Goodman-Brüder zeigt beispielhaft, welche Formen lediglich vorgegebenen Funktionen (Zwecken) dienen; und es gibt einiges zu beziehen von den oftmals schwammigen Verkündern der alternativen/angemessenen/vermittelten/geselligen Technologie wie Schumacher und vor allem Illich, wenn man erst mal ihre Nebelmaschinen abklemmt. Die Situationisten, die von Vaneigems Revolution des Alltags und von der Anthologie der Situationistischen Internationale dargestellt werden, sind so unerbittlich verspielt, daß es belebend wirkt, auch wenn sie nie die Rolle der Arbeitervertretungen bei der Abschaffung der Arbeit eingesehen haben. Aber lieber ihre Ungereimtheiten als eine der vorhandenen Spielarten des Linksradikalismus, dessen Anhänger es darauf anlegen, die letzten Verteidiger der Arbeit zu sein, da es ohne Arbeit keine Arbeiter gäbe – und wen hätten die Linken ohne Arbeiter noch zu organisieren?
So stehen die Arbeits-Abolitionisten zunächst ziemlich alleine da. Niemand vermag zu sagen, was die Entfesselung der jetzt noch in der Arbeit gebundenen Schöpferkraft bringen wird. Alles kann geschehen. Das lästige Debattierzirkel-Problem Freiheit vs. Notwendigkeit (Lustprinzip – Leistungsprinzip) mit seinen theologischen Untertönen löst sich selbst, sobald sich die Produktion von Gebrauchswerten mit dem Konsum angenehmer Spieltätigkeiten deckt.

Das Leben wird zum Spiel, oder besser zu vielen Spielen und hebt sich dabei vom heutigen Nullsummenspiel ab. Eine optimale sexuelle Begegnung stellt das Paradigma schöpferischen Spiels dar. Die Beteiligten potenzieren gegenseitig ihre Freuden, niemand versucht, Punkte zu sammeln und trotzdem gewinnt jeder. Je mehr man gibt, desto mehr bekommt man. Im spielerischen Leben, wird das Beste am Sex in den besseren Teil des Alltags übergehen. Allgemeines Spielen führt zu einer Lustdurchdringung des Lebens. Sex wird auf diese Weise viel weniger dringend und verzweifelt, sondern ebenfalls spielerisch. Wenn wir es richtig anstellen, könne wir alle mehr vom Leben bekommen, als wir hineinstecken; aber nur, wenn wir um dauerhafte Einsätze spielen.

Niemand sollte jemals arbeiten. Arbeiter aller Länder – entspannt euch!

* Oblomowismus leitet sich von der Hauptfigur des Gontscharow-Romans ”Oblomow” von 1855 ab, der beispielhaft einen gelangweilten russischen Adeligen schildert. Bucharin sah später im Oblomowismus ein Problem der Parteiführung der Sowjetunion.
** Die Stachanow-Bewegung in der UdSSR der 30er Jahre und später in der DDR die Hennecke-Bewegung der 50er waren Kampagnen zur Steigerung der Arbeitsmoral, geknüpft an besonders fleißige Werktätige mit leicht manipulierten Normübererfüllungswerten von 1000%, getragen meist von den Jugendorganisationen der Partei.
*** HEW-Report, Work in America

 

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Der Generalstreik


Im Original von Errico Malatesta (1922), ins Deutsche übersetzt von ?.

Der „Generalstreik“ ist mit Sicherheit ein mächtiges Kampfmittel in den Händen des Proletariats: er ist oder kann Mittel und Gelegenheit für die Herbeiführung einer radikalen sozialen Revolution sein.Und doch frage ich mich, ob die Idee des Generalstreiks der Sache der Revolution nicht mehr geschadet als genützt hat.

Ich glaube, daß der Schaden den Nutzen in der Vergangenheit tatsächlich überwogen hat und daß heute das Gegenteil der Fall sein könnte, das heißt, daß der Generalstreik nur dann tatsächlich ein wirksames Mittel für die gesellschaftliche Umgestaltung sein kann, wenn er anders verstanden und praktiziert wird, als es bei den alten Verfechtern des Generalstreiks der Fall war.

In den ersten Zeiten der sozialistischen Bewegung, besonders in Italien zur Zeit der Ersten Internationale, als die Erinnnerung an die Kämpfe Mazzinis noch sehr lebendig war und noch viele derjenigen am Leben waren, die in den Reihen der garibaldischen Verbände für „Italien“ gekämpft hatten und jetzt über die von Monarchisten und Kapitalisten an Italien vorgenommene Verstümmelung enttäuscht und empört waren, war man sich völlig darüber im Klaren, daß das von der Gewalt der Bajonette geschützte Regime nur zerschlagen werden konnte, wenn man einen Teil der Soldaten auf die Seite des Volkes bringen und die Polizeikräfte und loyal gebliebenen Soldaten im bewaffneten Kampf besiegen konnte.

Und deshalb bildete man Verschwörungen, das heißt betrieb man aktiv Propaganda unter den Soldaten, versuchte man, sich zu bewaffnen, wurden Pläne für militärische Aktionen ausgearbeitet.

Die Ergebnisse waren, um der Wahrheit die Ehre zu geben, dürftig, denn man war gering an Zahl, die sozialen Zielsetzungen, für die man die Revolution machen wollte, wurden von der Allgemeinheit verkannt und abgelehnt und schließlich „waren die Zeiten noch nicht reif“.

Doch die Bereitschaft zur Vorbereitung auf die Insurrektion war vorhanden und fand allmählich Mittel und Wege, sich zu verwirklichen; die Propaganda begann sich auszuweiten und ihre Früchte zu tragen, „die Zeiten reiften heran“. Zum Teil war dies auf die direkte Tätigkeit der Revolutionäre zurückzuführen, mehr jedoch auf die ökonomische Entwicklung, die den Konflikt verschärfte und das Bewußtsein, des Konflikts zwischen Arbeitern und Unternehmern entwickelte, wovon die Revolutionäre profitieren konnten. Die Hoffnungen auf die soziale Revolution wuchsen, und unter Kämpfen, Verfolgungen, mehr oder weniger „unbesonnenen“ und glücklosen Versuchen, Wechseln zwischen fieberhafter Aktivität und Stillstand schien es sicher zu sein, daß man in einer nicht allzu fernen Zukunft schließlich den letzten und entscheidenden Schlag führen würde, der das herrschende politische und ökonomische System zerschlagen und den Weg für eine freiere Entwicklung zu neuen Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens öffnen würde, die auf der Freiheit aller, der Gerechtigkeit für alle, der Brüderlichkeit und Solidarität unter allen Menschen gegründet sein würden.

Doch dann trat der Marxismus auf den Plan mit seinen Dogmen und seinem Fatalismus, um dem voluntaristischen Impuls der sozialistischen Jugend (damals bezeichneten sich auch die Anarchisten als Sozialisten) Einhalt zu gebieten.

Und leider geschah es, daß der Marxismus mit seinem wissenschaftlichen Schein (man befand sich mitten im Rausch der Wissenschaft) auch den größten Teil der Anarchisten täuschte und an sich zog.

Die Marxisten behaupteten, daß „die Revolution kommen, aber nicht gemacht werde“, daß der Sozialismus zwangsläufig durch den „unvermeidlichen Lauf“ der Dinge kommen werde und daß der politische Faktor (der doch die Macht und Gewalt im Dienste der ökonomischen Interessen ist) keine Bedeutung habe und das ganze Leben der Gesellschaft durch den ökonomischen Faktor bestimmt werde. Und so wurde die Vorbereitung auf die Insurrektion vernachlässigt und praktisch aufgegeben.

Nebenbei möchte ich noch bemerken, daß diese Marxisten, die dem politischen Kampf mit Verachtung begegneten, als dieser im wesentlichen auf die Insurrektion abzielte, später beschlossen, daß die Politik einziges und nahezu ausschließliches Mittel sei, um dem Sozialismus zum Sieg zu verhelfen, dann nämlich, als sich ihnen die Möglichkeit auftat, in das Parlament einzuziehen und den politischen Kampf auf den Wahlkampf zu beschränken. Und im Zuge dieser Entwicklung bemühten sie sich, in den Massen jegliche Begeisterung für die Insurrektion zu ersticken.

In dieser Situation, in dieser allgemeinen geistigen Haltung wurde die Idee des Generalstreiks lanciert, welche begeistert von denen aufgenommen wurde, die kein Vertrauen in die parlamentarische Tätigkeit hatten und darin eine neue und vielversprechende Möglichkeit für das Volk sahen.

Das Unglück war jedoch, daß die meisten im Generalstreik nicht ein Mittel sahen, um die Massen zur Insurrektion zu bewegen, das heißt zur gewaltsamen Zerschlagung der politischen Macht und Inbesitznahme von Grund und Boden, Produktionswerkzeugen und allem gesellschaftlichem Reichtum, sondern einen Ersatz für die Insurrektion, eine Möglichkeit, „die Bourgeoisie auszuhungern“ und sie ohne Blutvergießen zur Kapitulation zu zwingen.

Und da Komisches und Groteskes sich oft mit Ernstem mischen, gab es auch welche, die nach Kräutern und „Pillen“ suchten, mit denen man den menschlichen Körper in die Lage versetzen konnte, unbegrenzte Zeit ohne Nahrung auszukommen. Damit wollten sie die Arbeiter fähig machen, in einer friedlichen Fastenzeit darauf zu warten, daß die Bürger kämen, um Entschuldigung und Pardon zu bitten.

Aus diesem Grund bin ich der Meinung, daß die Idee des Generalstreiks der Revolution geschadet hat.

Jetzt hoffe und glaube ich, daß die Illusion, die Bourgeoisie durch Hunger zur Kapitulation zu zwingen, völlig verschwunden ist – und wenn ein wenig davon geblieben ist, dann haben die Faschisten es übernommen, diese Reste zu zerstreuen.

Der Generalstreik, der zum Zweck des Protestes durchgeführt wird oder um ökonomische oder politische Forderungen zu unterstützen, die mit dem System vereinbar sind, kann von Nutzen sein, wenn er zu einem günstigen Zeitpunkt stattfindet, an dem Regierung und Unternehmer es für angebracht halten, aus Angst vor noch Schlimmerem nachzugeben. Aber man darf nicht vergessen, daß man jeden Tag essen muß und daß, wenn der Widerstand nur einige Tage andauert, man sich entweder schmachvoll dem Joch der Unternehmer beugen oder sich erheben muß … auch wenn die Regierung oder die anderen Kräfte der Bourgeoisie nicht die Initiative der Gewalt ergreifen.

Daraus folgt, daß ein Generalstreik, mag er im Hinblick auf eine definitive Lösung durchgeführt werden oder für vorübergehende Ziele, mit der Bereitschaft und der entsprechenden Vorbereitung erfolgen muß, die Frage mit Gewalt zu entscheiden.

 

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Arbeit innerhalb des Systems. Wenn du sie in ihrem eigenen Spiel schlägst, hast du verloren


Im Original von CrimethInc., ins Deutsche übersetzt von Unbekannt.

So…du bist in einer Band mit einer wirklich wichtigen Message und du möchtest sie so vielen Menschen wie möglich nahe bringen – also versuchst du richtig bekannt zu werden und viele, viele Platten zu verkaufen. Oder vielleicht bist du ein politischer Aktivist und du glaubst, dass es unumgänglich ist die Mainstream-Medien zu nutzen, um die Leute über bestimmte Probleme aufzuklären. Es scheint Sinn zu machen, diese Mittel zu nutzen um Leute zu erreichen – wer wird dich sonst wahrnehmen? Ja, du hast erkannt, dass du Kompromisse mit genau dem System machst, das du versuchst zu bekämpfen, aber es wird sich lohnen am Ende…und müssen wir nicht alle Kompromisse machen?

Es ist wert zu überlegen ob wir nach allem das wirklich machen, genau so wie es sich lohnt zu hinterfragen ob ein weiterkommen in ihrem halsabschneiderischen Wettbewerb und Massen-Marketing uns jemals helfen kann die Welt zu verändern. Was würde passieren wenn wir aufhören würden Kompromisse zu machen, allgemein aufhören würden ihr Spiel zu spielen und all unsere Anstrengungen auf die Schaffung von eigenen Kanälen, zur Verbreitung von Ideen auf neuen Wegen, konzentrieren würden?

The Revolution cannot be Televised
Natürlich wollen sie dich in ihrer Fernsehshow, Radioprogramm, auf ihrem Rockfestival und ihrem Major-Label. Ihnen ist es egal ob sie Mundwasser oder die anarchistische Revolution verkaufen – so lange sie die Leute am glotzen und am kaufen halten. Sie wissen, dass die Leute früher oder später gelangweilt und genervt von ihrem gehirn- und leidenschaftslosen Gefasel, dass sie normalerweise zu bieten haben, sind und sie zählen auf dich für neue Ideen und Styles, die sie ausbeuten können; ohne das, würden sie nichts neues haben was sie den Leuten verkaufen können. Sie wissen, dass wenn sie deine Ausrücke von Wut zurück an dich verkaufen können, sie aus der Frustration, die ihr System schafft Geld machen können, dass sie dich dann geschlagen haben. Sie wissen, dass keine Nachricht die ihr durch ihre Kanäle verbreiten könntet machtvoller ist als die Nachricht die eure Nutzung ihres Medium selbst sendet: bleibt dran!

Kein Bewusstsein welches ihr möglicherweise durch Fernsehauftritte oder CD-Verkäufe schärfen könntet ist wichtiger als die individuelle Macht der Selbstbestimmung. Fernsehen und im-Supermarkt-einkaufen halten die Leute passiv: Dingen zu zuschauen an denen sie niemals teilhaben werden und Menschen zu zuschauen, die sie niemals treffen werden, kaufen was für sie von Unternehmen vermarktet wird, anstatt ihre eigene Musik, Ideen, und Leben zu verwirklichen. Um Leute zu motivieren für sich selbst zu handeln, müsst ihr euch viel direkter mit ihnen in Verbindung setzen.

„Auf der Bühne mache ich Liebe mit zehntausend Menschen, dann gehe ich alleine nach Hause“ – Janis Joplin

Die Werte der Massenproduktion
Uns wird beigebracht über unseren Erfolg in Form von Zahlen zu sprechen, oder etwa nicht? Wenn das berühren des Lebens einer Person eine gute Sache ist, dann muss das berühren von eintausend Leben von Leuten eine großartige Sache sein. Es ist einfach zu erkennen woher wir gelernt haben so zu denken: Unsere gesamte Gesellschaft dreht sich um Massenproduktion. Je mehr Einheiten wir bewegen, je mehr Kunden wir bedienen, je mehr Stimmen wir bekommen, je mehr Geld und Zeugs wir haben, desto besser, oder?

Aber vielleicht ist es nicht möglich tausend Leute so tief oder kraftvoll zu berühren wie eine oder zehn Personen. Und vielleicht ist es letzten Endes auch nicht wirklich so revolutionär eine Person oder eine Gruppe zu haben, die allen anderen erzählt was richtig ist. Wäre es nicht besser eine dezentrale Herangehensweise auszuprobieren, in welcher alle eng mit denen um sie herum arbeiten; anstatt einige wenige Personen zu haben, die eine anonyme Masse führen? Musst du, oder deine Band, oder dein Label die Welt ganz alleine retten? Warum vertraust du nicht allen anderen es mit dir zu tun? (Und hast du gemerkt wie viel du über alle stampfen musst um den Erfolg zu bekommen den du brauchst um deine Message zu verbreiten?)

Eine politische Band die ein Konzert vor neunhundert Leuten spielt kann revolutionäre Slogans für alle Anwesenden und Zuhörenden, vortragen, aber sie bleibt außerhalb der Reichweite für die meisten Leute dort, oben auf der Bühne als „MusikerInnen“, „KünstlerInnen“, „Helden“. Auf der anderen Seite, eine Band die ein vergleichbares leidenschaftliches Konzert vor vierzig Leuten spielt, in einer intimeren Umgebung, kann auf einer persönlichen Ebene mit jedem Anwesenden interagieren und klarstellen, dass jedEr imstande ist zu tun was sie tun. Folglich hat sie das Potenzial den Zündfunken für vier weitere Bands (oder ähnliche revolutionäre Projekte) zu geben, somit erhöht sie ihre Wirkungskraft exponentiell. Das selbe gilt für Labels, SchriftstellerInnen, RednerInnen und KünstlerInnen und natürlich für Organizer und „Anführer“ jeglicher Art.

Innerhalb des Systems arbeiten
Die meisten von uns finden nicht viel Erfüllung bei den Dingen, die wir machen müssen, wenn wir „Innerhalb des Systems“ arbeiten. Wir würden lieber Bücher selbst lesen als Hausaufgaben für die Schule zu machen, lieber unsere Fähigkeiten, Energie und Zeit für die Arbeit an Projekten unserer Wahl anwenden als uns selbst an Unternehmer zu verkaufen. Aber wir fühlen uns als ob wir für sie arbeiten müssen, ob wir es mögen oder nicht. Es wird uns selten klar wie viel mehr Spaß und Effektivität es womöglich bedeuten würde, wenn wir unsere Arbeitszeit aus ihren Händen nehmen und etwas anderes damit anstellen würden. Sicher würde das zu Beginn schwer sein, aber was könnte schlimmer sein als diese Scheiße für den Rest unseres Lebens aushalten zu müssen? Besser wir widmen uns selbst dies zu ändern, als nur damit klar zukommen.

Aber, du protestierst, du wirst dennoch den Status Quo bekämpfen, du wirst die Dinge von Innen ändern, richtig? Das ist zumindest das was sie dir erzählen. Natürlich hat das System „entsprechende Verfahren“, die die protestierenden und weltverbesserenden Leute durchlaufen können; das ist das Sicherheitsventil durch das Druck abgelassen werden kann, wenn sich die Leute zu sehr aufregen. Denkst du wirklich, dass die existierende Mächte irgendwem ihre eigenen Gesetze und Methoden benutzen lassen um sie abzusetzen? Wenn dieses System Möglichkeiten für echte Veränderungen bietet hätten Leute schon vor langer Zeit diese genutzt. Unzählige Generationen sind hinaus gezogen, überzeugt das sie dort Erfolg haben werden wo anderer scheiterten – von dort kommen die Anwälte und Reporter her. Sie sind die zynischen Kadaver von idealistischen jungen Männern und Frauen, die dachten das System könnte reformiert werden.

Außerdem, kannst du dir selber glauben „innerhalb des Systems“ für die richtigen Dinge zu arbeiten? Wir alle sind darauf programmiert „Erfolg“ zu wollen, uns selbst an Besitz und sozialem Status zu messen, ob wir es mögen oder nicht. Könnte es sein, dass du Journalist, Professor für Politikwissenschaften oder Rock-Star werden willst, weil dir selbst keine ernsthafte andere Option einfällt, weil du Angst hast zu versuchen die Notleine zu zerschneiden, die dich an die Sicherheit eines Mainstream- Lebensstils bindet. Und wie kannst du dir sicher sein, dass es nicht diese dunkle Ecke deines Herzens ist, die dich drängt Erfolg zu suchen, der Teil der Aufmerksamkeit und Gefühle von Großartigkeit liebt, die deine Popularität und dein sozialer Status mit sich bringen. Sicher es fühlt sich klasse an deinen Eltern erzählen zu können, was deine Ziele sind und sie für deine Entscheidungen Beifall klatschen zu lassen…aber was ist das für eine Art zu Entscheiden wie fortzufahren die Welt zu verändern? Lasst uns auf unsere Herzen hören, unseren Instinkten vertrauen und uns verweigern an irgendetwas teilzunehmen, das uns langweilt oder uns aufregt. Wir müssen unserem Idealismus und unserer Bereitwilligkeit beibringen Risiken einzugehen; und nicht neue Wege ausarbeiten, unsere Frustration und unsere Verzweiflung in das System zu integrieren, das sie erzeugt hat. Denk daran das jeder Tag den wir damit verbringen „das System zu nutzen“ die Zeit ,die wir warten müssen bis neue Netzwerke und bessere Arten zu leben die alten ersetzen werden, um einen weiteren Tag hinauszögern wird.

Wie kommen wir hier raus?
Ja, oft scheint es so als ob es keine Alternative zur Arbeit „im System“ gäbe wenn wir Dinge erledigen wollen und unsere Ideen nicht in den engen Begrenzungen der Szene eingesperrt halten wollen. Aber warum die Szene eingesperrt in engen Begrenzungen lassen? Gewiss wenn wir alle unsere Energie in die Ausweitung der Räume in denen wir als freie, gleiche Menschen interagieren können stecken – anstatt zu versuchen die brennende Maschine dieser verdammten Gesellschaft zu reparieren – könnten wir so etwas wie eine Anstoß erreichen. Stell dir vor was wir erreichen könnten, wenn wir all unseres Potential in unseren eigenen Händen behalten würden und und uns weigern würden sie je wieder, wenn auch nur für eine Minute, für Arbeit in ihrem System zu verschwenden. Es gibt keine Entschuldigung dafür auch nur einen Bruchteil unserer Leben damit vergehen zu lassen, Dinge zu machen, die wir nicht mögen, oder mit irgendeinem unserer Talente oder Gedanken eine Weltordnung zu unterstützen, der wir feindlich gegenüberstehen. Lasst uns stattdessen so heftig kämpfen und so heftig leben das andere innerhalb des Mainstream-Lebens uns sehen können und inspiriert sind uns in unserer kompletten Absage der alten Welt und all ihrer Scheiße anzuschließen. Und lasst uns unsere Communities größer machen als sie sind; lasst uns sie offener und tauglicher gestalten und Unterstützung zum Leben bieten, so dass andere wirklich die Möglichkeit haben sich uns anzuschließen.

Das System indem wir leben bietet nur Spiele für Verlierer: ökonomischer Wettbewerb anstatt Kooperation, Popularitätswettbewerbe statt Gemeinschaft, der Kampf den sozialen Normen gerecht zu werden anstatt nach individuellen Träumen zu streben. Der Grund weshalb wir für etwas besseres an erster Stelle arbeiten ist das jeder in diesen Spielen verliert, also warum mitspielen? Es liegt an uns neue Spiele zu schaffen, freudigere und spannendere Spiele um die alten zu ersetzen. Lasst uns nicht versuchen sie in ihren eigenen Spielen zu besiegen, sondern sie dazu bringen in unseren mitzumachen.

 

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